Geschichte der Dienerin

Streaming Der Gewinner des Goldenen Löwen, Alfonso Cuaróns „Roma“, kommt kurz vor dem Internet-Start auch ins Kino
Geschichte der Dienerin
Sprachlos bleiben wir zurück: Wer kann, sollte diesen Film im Kino ansehen

Foto: Netflix

Unter dem Pflaster liegt der Strand“ war ein Slogan, als dessen Urheber eine Gruppierung linker Künstlerinnen und Künstler gilt. Sie verlangten in den 60ern unter anderem die Abschaffung von Hierarchien und Lohnarbeit. Das Pflaster in diesem Slogan stand symbolisch für die Unnachgiebigkeit ungerechter Systeme, der Pflasterstein für Protest. Darunter ist es weich, und der Sand lädt zum Entspannen ein.

Im ersten Bild von Alfonso Cuaróns Roma sieht man einen mit Steinfliesen gepflasterten Fußboden. Er gehört zu einer Hofeinfahrt; aus geringer Höhe fängt die Kamera ein, wie langsam Wasser ins Bild läuft. Immer mehr Wasser fließt auf die Steine, bis so viel zusammengeströmt ist, dass sich auf ihnen ein Stück des weiten Himmels spiegeln kann. Aus dem Pflaster, das den Boden abschließt, ist eine Tür geworden, zumindest eine symbolische.

Das Wasser auf den Steinen stammt aus dem Putzeimer von Cleo (Yalitza Aparicio), die für die Hausherrin, Señora Sofía Antonio (Marina de Tavira), deren Mann und die vier Kinder arbeitet. Cleo ist das indigene Hausmädchen der Familie, seit Jahren lebt sie, gemeinsam mit ihrer Kollegin Adela (Nancy García García) bei den Antonios, in einem kleinen Raum unter der Treppe, die zum mit Wäsche vollgehängten Dach des Hauses führt. Unermüdlich und leise läuft sie zwischen Dach, Küche, Kinderzimmer und Hof hin und her und auf und ab, holt ein Kind von der Schule ab, betet vor dem Schlafengehen mit einem anderen, kichert in ihrer eigenen Sprache mit Adela und kratzt zwischendurch die Haufen ab, die der eingesperrte Familienhund nichtsnutzig immer wieder in die Hofeinfahrt pflanzt.

Cuaróns außergewöhnlicher Film, der, gekoppelt an die Geschichte von Sofías Trennung von ihrem Ehemann, Cleos Schicksal erzählt, wird die Themen Lohnarbeit, Hierarchie, Ungerechtigkeit und die für arme indigene Frauen besonders beschissenen Arbeitsbedingungen in Mexiko noch oft streifen. Er erzählt zudem vom „Fronleichnams-Massaker“ 1971, bei dem eine paramilitärische Gruppe in Mexiko-Stadt Dutzende von Studierenden tötete. Und er porträtiert eine eigenwillige, aus Gegensätzen bestehende Stadt, in der ein Fernseh-Superheld als Raketenmann aus einer Kanone fliegt und Fischrestaurants aussehen wie ein gigantischer Lobster.

Die zweite Mutter

Daneben ist das nach einem Stadtteil benannte Drama die schwarz-weiße, autobiografische Aufarbeitung der Vergangenheit des Regisseurs und Drehbuchautors – und eine Liebeserklärung an die Frauen, die ihn umsorgten: Das älteste der Kinder könnte Cuarón selbst sein. Auch er war 1971, in dem Jahr, in dem der Film spielt, zehn Jahre alt, wurde Zeuge der Proteste und begeisterte sich für Kino und Weltraum. Und auch er wurde von seiner Mutter und ebenjener „zweiten Mutter“, einer Hausangestellten, geliebt, getröstet und erzogen. Die Innigkeit zwischen den Beteiligten, die sich in vertrauten, geduldigen Gesten zeigt, ist dabei stärker als die Verzweiflung, die sie erleben – Sofía, weil sie (der Zuschauer ahnte es) plötzlich ohne Ehemann und Ernährer dasteht und mit dem für die Einfahrt viel zu breiten, protzigen Auto hantieren muss. Die Kinder, weil ihr Vater nicht wiederkommt. Und Cleo, weil sie einmal dem Falschen vertraut. Die Situation der Frauen aus den oberen Gesellschaftsschichten unterscheidet sich bei genauem Hinsehen weniger als erwartet von jener der mittellosen Ureinwohnerinnen.

Der Wucht, mit der Cuarón seine weiten 65-mm-Bilder konzipiert, steht dabei die Wucht, mit der die Laiendarstellerin Aparicio ihre stille, berührende Figur spielt, in nichts nach. Die abgrundtiefe Tragödie, die sie erleben wird und die aus Spoilergründen in diesem Text nichts zu suchen hat, transformiert sich für die Zuschauer in Empathie. (So viel: Sie liebt weiter und wird geliebt, ein Glück.) Nur einmal entgleisen der fleißigen, zurückhaltenden Frau um ein Haar die Gesichtszüge: Als ihr Lover Fermín (Jorge Antonio Guerrero) ihr stolz seine neueste „Martial Arts“-Kata vorturnt und dabei nichts am Leib trägt außer der zum Samuraistock umfunktionierten Duschstange. Cleo bleibt jedoch auch dieser Situation gewachsen – um nicht losprusten zu müssen, fragt sie ihn über sein Training aus.

Das intensive Sounddesign, das die Darsteller zuweilen direkt zu Platznachbarn macht, verwandelt die Sichtung mit „Home Entertainment“-Möglichkeiten eigentlich in einen Frevel. Doch die Entstehungsgeschichte des Films zeigt genau dorthin: Nach Drehschluss kaufte Netflix Roma für mehrere Millionen Dollar, um ihn vor einem Kinostart seinen Abonnenten zu präsentieren. Nachdem der Film, der aufgrund des Netflix-Vertrags nicht beim Cannes-Filmfestival laufen durfte, in diesem Jahr den Goldenen Löwen von Venedig gewann, beim Toronto-Festival gefeiert wurde und für Mexiko ins Oscar-Rennen gehen soll, änderte der Streaming-Dienst jedoch seine Politik – und gab den Film für einen kleinen Start in ausgewählten Kinos zwei Wochen vor der Veröffentlichung frei.

Man sollte diese Kinochance unbedingt wahrnehmen. Denn auch das aktuelle Schicksal Mexikos, das momentan an den selbstgebauten Grenzmauern zu den USA wieder einmal gefordert ist und wieder in Menschenverachtung mündet, ist in Cuaróns – nach Gravity und der wunderschönen P.-D.-James-Adaption Children of Men – emotionalstem Werk bereits spürbar. Es lässt einen sprachlos zurück. Genau so sollte ein Film sein.

Info

Roma Alfonso Cuarón Mexiko/USA 2018, 135 Minuten

06:00 08.12.2018

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