Gewalt ist keine Lösung

Bühne Eigentlich wäre diese US-Variante einer ménage à trois gerade jetzt bristant. Doch Stefan Puchers Inszenierung von "Tape" am DT fehlt die Eigendynamik

Mit Tape hatte in den Kammerspielen des Berliner Deutschen Theaters ein Stück Premiere, welchem es in Zeiten von Strauss-Kahn und Kachelmann-Prozess an Brisanz nicht mangelt. Ohne Umwege oder dramaturgische Experimente bringt Regisseur Stefan Pucher in seinem DT-Debüt diese amerikanische Variante einer ménage à trois auf die Bühne; ein Punktsieg, keine Sensation.

Wobei sich von Bühne eigentlich nicht sprechen lässt, denn diese ist auf Kniehöhe dem muffigen Mobiliar des Motelzimmers gewichen, in dem die Handlung des Einakters kurzweilig dahinfließt und das dem Publikum auktoriale Einblicke ins amouröse Klassentreffen bietet.

Der Plot scheint zunächst übersichtlich: Vince (Felix Goeser) trifft seinen Highschool-Freund Jon (Bernd Moss) und bringt ihn dazu, die zehn Jahre zurückliegende Vergewaltigung von Amy (Nina Hoss) zu gestehen. Als Amy später hinzukommt, will sie von sexueller Nötigung nichts gewusst haben. Bei der Textvorlage von Stephen Belber steckt die Raffinesse im Detail. Denn die Figuren Jon und Vincent stehen sich als gesellschaftliche Antipoden gegenüber. Jon, ein Filmemacher aus der Mittelschicht, dessen bürgerliche Fassade im Stück zu bröckeln beginnt, glaubt an Richtigkeit von gesellschaftlicher Verhaltensnormierung und die Rationalität des Guten: „Der Versuch, korrekt zu bleiben, ist immer noch besser, als ein komplettes Arschloch zu sein.“ Die Figur des Vince hingegen hält sich selbst für Abschaum und einen Versager, der als hedonistischer Drogenkonsument den nihilistischen Kyniker ohne Antrieb und Haltung mimt.

Sokratisches Warum

Dafür muss er sich von Jon moralinsaure Vorträge anhören („Du könntest mehr aus dir machen“), und unvermeidlich geraten diese beiden Lebensentwürfe in Konflikt. Gewalt deutet sich am Ende in jeder ins Missverständnis gedrifteten Äußerung an („Wichser“, „Fickdich“, „Schnauze“).

Nachdem Raum, Zeit und Handlung am Höhepunkt angelangt sind – Jons versuchte Entschuldigung bei Amy für den „unsanften“ Sex damals –, nimmt die Katastrophe ihren Gang. Das Stück dekonstruiert sich selbst, indem es die Figuren durch ein permanentes sokratisches Warum an die Grenzen ihrer Rollen, Pläne und Motive führt: Die Wahrheit könnte auch eine andere sein. Die Geschichte changiert zwischen Fiktionalität und Faktualität und stellt neben der Frage, wie Entschuldigung und Vergebung gelingen könnten, auch jene nach der Verlässlichkeit der eigenen Erinnerung. Jon ist sich nicht mehr sicher: „Ich glaube, ich habe dich vergewaltigt!“ Amy lässt die Situation in der Schwebe. Jon und Vince, inklusive Publikum, können sich nicht sicher sein, ob die Vergewaltigung tatsächlich passiert ist.

Moss, Hoss und Goeser spielen souverän, leidenschaftlich, aber eindimensional. Auch will Goesers kräftige Statur nicht so recht zum Drogencharakter passen, der Vince sein soll. Sinnlich eindrucksvoll wirken dann nur die musikalischen Verfremdungseinlagen – Nina Hoss an der E-Gitarre, Moss am Bass und Goeser am Schlagzeug.

Man wird den Eindruck nicht los, dass der aus dem amerikanischen Original übernommene Text im Deutschen eine eigene Dynamik entfaltet. Manche Stellen wirken distanziert und aufgesetzt, beklemmende Passagen mutieren zur ironischen Karikatur. Auch hat das Bühnenbild (Nikolaus Frinke) zu große Räume geschaffen – ein gedrungener Korridor wäre geeigneter für die Irritation und Intimität dieser Sprechakte.

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