Marie Gutbub
Ausgabe 4614 | 26.11.2014 | 06:00

Grundkurs Überwachung

Literatur Stefan Aust und Thomas Ammann verbreiten viele Phrasen und zu wenig Mut. Doch „Digitale Diktatur“ markiert den Weg zur Wende

Grundkurs Überwachung

Vom treuen Diener der NSA zum Whistleblower: William Binney

Foto: Jacob Appelbaum/Flickr

Immer dieser Big Brother. Wenn in Texten über die NSA ein Vergleich der heutigen Situation mit literarischen Werken gezogen wird, ist meist die Rede von George Orwells Roman 1984. Als hätte es in der Literaturgeschichte keine anderen Texte über Überwachung gegeben. Big Brother ist oft nicht mehr als eine Floskel.

Digitale Diktatur bildet leider keine Ausnahme. Kaum ist das Buch aufgeschlagen, taucht das Orwell-Zitat auf, folgt der Versuch der Autoren Stefan Aust und Thomas Ammann, uns vor Augen zu führen, wie es sich anfühlt, wenn Big Brother an der Macht ist. Nämlich genau so wie bei uns, wenn wir uns mit Rechner und Smartphone im Netz bewegen. Eine Welt aus Facebook, Google, Apple, Amazon und Konsorten, noch ein paar Hacker dazugemischt, den Chaos Computer Club, Edward Snowden, Julian Assange, Wikileaks und natürlich die NSA – fertig ist das Maximalklischee in der Post-Snowden-Ära.

Es ist ja überhaupt nicht falsch, zu sagen, die „ganze Big-Data-Sammelwut“ bedroht unsere Privatsphäre. Ja, Facebook, Google, Apple und Amazon wissen viel mehr über uns, als wir möchten. Aber das klingt alles so grob und abgegriffen, dass man es nicht noch mal lesen möchte. Man erfährt nicht, was denn nun genau beim Thema Überwachung und NSA auf dem Spiel steht. Am liebsten würde man das Buch schon nach ein paar Seiten weglegen.

Jetzt aber: Auf die Einleitung voller Allgemeinplätze folgen die nötigen Informationen, um die Snowden-Enthüllungen zu begreifen. Digitale Diktatur ist eine hochwertige, gut recherchierte Darstellung der Mechanismen, die zur aktuellen Lage geführt haben. Hier nun ergibt es Sinn, dass sich der Bogen von der NSA bis zur Organisation der Hacktivisten, von der Entstehung des Chaos Computer Club bis zur Welt, die Google zu bauen versucht, spannt. Und von der Geschichte Edward Snowdens bis zum Cyberkrieg, der zurzeit stattfindet.

Insiderinfo hilft

Besonders gelungen sind die Porträts, die von den Whistleblowern William Binney und Thomas Drake gezeichnet werden. Beide ehemaligen NSA-Mitarbeiter wurden als Zeugen zum Untersuchungsausschuss in Berlin eingeladen, sie gehören zu den wenigen Menschen, die den Auslandsgeheimdienst der Vereinigten Staaten bestens von innen kennen. Die Gespräche, die Aust und Ammann führen konnten, sind sehr präsent im Buch, und das zu Recht: Wenn William Binney erzählt, was seine Aufgabe vor dem 11. September 2001 war, wird verständlich, warum jemand damals für die NSA arbeiten wollte. Wenn Binney aber schildert, wie die von ihm mitentwickelten Programme kurz nach 9/11 plötzlich von Systemen zur Massenüberwachung ersetzt wurden, wird deutlich, dass es sich hier um einen echten historischen Bruch handelt. William Binney und Thomas Drake bringen aber nicht nur die Expertise in die Erzählung, sie verkörpern auf sympathische Art und Weise auch die Entwicklung vom treuen Diener der NSA zum Whistleblower.

Eigentlich ist es doch ganz einfach: Die National Security Agency hat die Grenze zur allumfassenden Kontrolle überschritten, Binney und Drake haben sich geweigert, Teil dieses Prozesses zu sein, vorbildlich informierten sie ihre Mitmenschen. Das, was bei der NSA passiert, dürfte nicht passieren, und jeder hat das Recht, das zu wissen. Zeit also für ein unmissverständliches „Schluss damit!“. Und dies ist ein weiterer Vorwurf, den man den Autoren machen kann: Da fehlt der Mut.

Stefan Aust und Thomas Ammann sind keine Freunde des Überwachungsstaats, schon klar. Dass das Recht auf „informationelle Selbstbestimmung“ eine unerlässliche Bedingung für das Fortleben der Demokratie ist, betonen auch sie. Wir brauchen aber klare Thesen, wir brauchen harte Kritik und Lösungsvorschläge, wir brauchen mehr als nüchterne Analyse. Wir brauchen Empörung, und wir brauchen Aufrufe. Die Erklärung, dass und wie der Normalbürger tatsächlich gegen die totale Überwachung vorgehen kann. Insofern ist Digitale Diktatur nicht mehr als ein Anfang. Aber ein recht guter, immerhin.

Digitale Diktatur. Totalüberwachung, Datenmissbrauch, Cyberkrieg Stefan Aust, Thomas Ammann Econ 2104, 352 S., 19,99 €

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 46/14.