Hässliche Seite

Paris In Géraldine Dalban-Moreynas‘ Amour fou zweier Bobos gibt es viele SMS und Mails zu lesen. Reicht das für einen Roman?

Ewigkeiten wird schon gerätselt, wie lange die Phase der Verliebtheit eigentlich anhält. Sind es Wochen, Monate, in denen wir uns „dem anderen ohne Garantie ausliefern,“ wie Erich Fromm einmal formulierte? Einander ausgeliefert scheinen sich auch die Protagonisten in An Liebe stirbst du nicht der französischen Autorin Géraldine Dalban-Moreynas. Ihr Debüt erzählt die Geschichte eines frisch verheirateten Vaters und einer Frau kurz vor der Hochzeit, die sich im Hinterhof ihrer Eigentumswohnungen in Paris begegnen und – wie soll man es anders sagen: unsterblich ineinander verlieben. Die Begegnung der Namenlosen ist der Auftakt einer Amour fou. Es ist eine Erzählung über das Verlieben, das Lieben und die emotionale Abhängigkeit, die einen bis an den äußersten Rand der Verzweiflung bringen kann, Berufliches und Privates werden komplett vernachlässigt, dramatisch wird es auch, weil ein Kind im Spiel ist. Letztes Jahr erhielt Dalban-Moreynas dafür den Prix du Premiers Roman, einem wichtigen französischen Preis für junge AutorInnen, aber was ist das für ein Roman? Zunächst, diese Amour Fou zweier Bobos oder Snobs oder Hipster in Paris kommt irritierend bis enervierend unpolitisch daher, auch wenn am Rande einmal über eine Wahl hin und her getextet wird. Ist dieser Roman vielleicht ansatzweise eine zeitgemäße Abrechnung mit der romantischen Liebe? Schon bei dem Vorwort, das die Autorin voranschickt, gilt zu befürchten: Nein. „Für Milo. Denn wenn ich Dir nur eines beibringen müsste, dann, dass es nichts Schöneres gibt, als zu lieben.“

Erzählt wird in knappen Sätzen, die einer Szenenbeschreibung für einen Film dienen könnten und für eine seltsame Aufregung darüber sorgen, was als nächstes passiert: „Er kommt näher. Sie sieht ihn an. Er lässt sie nicht aus den Augen. Sie hat das Gefühl, als würde alles in ihr einstürzen.“ Die Szenen reihen sich dabei tagebuchartig und beginnen oft prophetisch, wenn geschrieben steht, dass die Höllenfahrt erst los geht. Unterbrochen wird diese Form durch Protokolle von E-Mails und SMS der Liebenden, die von der poetischen Schaffenskraft ihrer Liebe zeugen. Dalban-Moreynas zeigt dann die hässlichen Seiten der Affäre zwischen dem Consultant und der Journalistin auf, die sich mithin durch eine schmerzvolle Abhängigkeit auszeichnet. Pläne für eine gemeinsame Zukunft werden immer wieder verschoben, vor allem aufgrund seiner Sorge, sein Kind zu verlieren – zurecht, die betrogene Ehefrau droht mit Kindesentzug.

Wenn Dalban-Moreyans allerdings vorallem die mentalen Zusammenbrüche und dessen Folgen für die Protagonistin darstellt, die immer wieder zu einem Mann zurückkehrt, der seinem Schicksal scheinbar ergeben ist, dann bedient sie damit recht plakativ heteronormative Motive der aufopferungsvollen Frau und des prinzipienlosen, feigen Mannes. Es entspinnt sich ein Beziehungsstatus-Karussel, das so sehr auf die Spitze getrieben wird, dass man sich fragt: Wer hat jetzt wie oft Schluss gemacht? Es scheint das Mittel der Wahl, um die Irrungen und Rückfälle der Verliebten und ihre unsägliche Bindung aufzuzeigen.

Sprachlich kommt dieses Buch nicht ohne großen Kitsch aus, der vor allem in den vermeintlich unabwendbaren Wendungen zum Tragen kommt: „Sie wissen, dass man so etwas ohne Liebe nicht erleben kann.“ Die namenlosen Charaktere bleiben betont blass, ihre beruflichen Tätigkeiten sowieso, was auch an der Erzählperspektive liegt, die allwissend scheint, in Wirklichkeit aber durch die weibliche Perspektive dominiert wird. Liebe wird hier sprachlich zum Schlachtfeld oder Frauen zu Konkurrentinnen mit Trümpfen in der Hinterhand erklärt. Sicherlich gibt es wenig Schöneres als zu lieben. Ein Gefühl des Ausgeliefertseins ist jedoch leider ein naives Urteil über die Qualität einer Beziehung. Im Fall von An Liebe stirbst du nicht wird sie allerdings zu einer romantischen Tragik verklärt, welche die persönlich-problematischen Unzulänglichkeiten verschleiert – ganz nach dem alten Motto „Liebe heißt Leiden“.

Info

An Liebe stirbst du nicht Géraldine Dalban-Moreynas Sina de Malafosse (Übers.), Nagel und Kimche 2020, 192 S., 20 €

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