Hinterfragt die Pädagogik!

Schule In Nordrhein-Westfalen wird das Modell der Zwergschulen wieder belebt. Das zeigt, dass mancher Fortschritt von gestern heute ganz schön alt wirkt

In Nordrhein-Westfalen wird jetzt die Zwergschule zu neuem Leben erweckt. Es ist dafür ein hübscher Slogan ersonnen worden: „Kurze Wege für kurze Beine“. Natürlich heißt die Zwergschule jetzt nicht mehr Zwergschule. Sie firmiert unter dem Begriff „jahrgangübergreifendes Lernen“. (Dahinter stecken wieder die Journalisten, die lange Wörter lieben – Raumpflegerin statt Putzfrau oder Auszubildender statt Lehrling, um mehr Zeilen schinden zu können. Das haben allerdings auch die Verleger bemerkt und vielerorts die Länge der Artikel gedeckelt. Das Ergebnis der konzertierten Aktion: weniger Inhalt bei längeren Worten).

Die Zwergschule hatte durchaus, als sie von den ersten sozial-liberalen Politikern im Namen des Fortschritts abgeschafft wurde, rührige Verteidiger. Der prominenteste war Bundespräsident Heinrich Lübke, der im heimischen Sauerland eine Zwergschule besucht hatte, und das war nicht hilfreich, denn der war, als eine große Koalition ihn in eine zweite Amtszeit geschubst hatte, krankheitsbedingt zu einer lächer-lichen Figur geworden. Drei Jahrzehnte später aber stürmten die Lehrer die Kinosäle, um sich den Film Die Kinder des Monsieur Mathieu anzuschauen, in dem eine französische Zwergschule gefeiert wurde. Die Umgebung da war keineswegs schöner als das Sauerland, und so muss es die Schule gewesen sein, die das Publikum beeindruckte.

Mathematik, wie spricht man das aus?

Der jetzt beschlossene Fortschritt aus dem Fortschritt von gestern heraus lenkt den Blick auf die begleitende Pädagogik. Es sind ja nicht die Lehrer, die Schulpolitik machen. Jeder, der Kinder hat, kennt Lehrer, die ihren Beruf ernst nehmen, ihn mit Liebe ausüben und für die meisten Kinder eine Freude sind. Die Pädagogik aber gebiert die Ungeheuer.

Die Pädagogik ist keine Wissenschaft, sie ist ein Transmissionsriemen des Zeitgeistes. Gute Lehrer gab es zu Humboldts Zeiten, zu Wilhelms Zeiten, und manchmal auch unter Hitler. Aber die Pädagogik war mal humanistisch, mal wilheminisch, dann nationalsozialistisch. In den fünfziger Jahren, heißt es, sei sie restaurativ gewesen, in den Siebzigern antiautoritär. Heute ist sie hochstaplerisch.

Kindern in der ersten Klasse lernen nicht mehr Rechnen, sondern Mathematik – sie könnnen kaum das Wort ausprechen. Und wer sein Abitur nicht mit der Durchschnittsnote Einskommmasoundsoviel macht, so scheint es, muss sich inzwischen schon schämen. Die Zwergschule mahnt: Evaluiert die Pädagogik. Stets und ständig.

Jürgen Busche war unter anderem Chefredakteur der Badischen Zeitung

09:00 17.11.2012
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