Historische Größen

Kolumne Während die Historiker den Kampf um ihr Unterrichtsfach an Schulen schon ausgefochten haben, sind die Philosophen noch dabei. Ein recht hoffnungsloses Unterfangen

Der 50. Deutsche Historikertag in Göttingen hat 4.000 Historiker versammelt. Nicht alle werden bedeutende Lichter gewesen sein. Doch da gilt der aus dem Geschäftsleben bekannte Satz: Die Masse muss es bringen. Was immer die Masse bringt: Erleuchtung ist es selten. Wer etwa mit den aufgeregten Zeitungsbeiträgen zur Diskussion über den Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Kopf angereist war, konnte sich durch die dazu angesetzte Diskussion zwischen dem Australier Christopher Clarke (Sachbuchautor Die Schlafwandler) und dem Düsseldorfer Emeritus Gerd Krumeich davon überzeugen lassen, dass alles halb so wild ist. Die Herren waren sich weitgehend einig, von Revisionisten keine Spur.

Dafür befassten sich die Historiker mit neuen Themenfeldern. Gab es vor 50 Jahren eine Abneigung gegen Ideengeschichte, hat diese heute eine eigene Zeitschrift. Jetzt aber geht der Trend zur Mentalitätsgeschichte, ja zur Emotionengeschichte. Wer vor Jahren gegen die drohende Abschaffung des Geschichtsunterrichts an den Schulen kämpfte, kann sich nun fragen, ob er den falschen Kampf gekämpft hat.

Die Schulen hat der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Philosophie, Michael Quante, fest im Blick. Die Philosophen trafen sich nach den Historikern in Münster. Der Vorsitzende freute sich darüber, dass man daran arbeite, Philosophie an den Schulen künftig schon ab der ersten Klasse anzubieten. Das kann den Beobachter nur kurz verwundern. Seit Kinder schon von Beginn an das Wort Mathematik, das sie kaum aussprechen können, in ihren Stundenplan schreiben müssen, darf man die grassierende Hochstapelei auch auf die Philosophie ausdehnen.

Und überhaupt: Ist es Hochstapelei? In der Wilmersdorfer Straße im Berliner Stadtteil Charlottenburg steht ein großes Kaufhaus voll mit Büchern. Im dritten Stockwerk befinden sich die anspruchsvollen. Da gibt es Regalwände mit Biografien, historischen Werken, Zeitgeschichtliches, auch Politik und Religion sowie Esoterik. Und dann gibt es da noch drei schmale, dafür umso höher wirkende Regale, die so zusammengerückt an ein Triptychon denken lassen. An ihrem oberen Ende geben Schilder Auskunft. Links steht: „Zum Selbermachen“; rechts steht: „Hobby“; in der Mitte: „Philosophie“. Mehr ist nicht. Aber trotzdem wirkt es unterverkauft, wenn man bedenkt, dass an manchen Tagen das Wort Philosophie im Sportteil einer Zeitung häufiger vorkommt als über Monate im Feuilleton. Die Sportbücher bietet das Kaufhaus weit zahlreicher an. Ut sit mens sana in corpore sano – damit ein gesunder Geist in einem gesunden Körper sei.

06:00 15.10.2014

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