Homo-Ehe und Adoption

Debatte Sind Schwule und Lesben die besseren Eltern? Über ein Sachbuch, das Ruhe in eine auf 1000 Grad erhitzte Debatte bringt
Katharina Schmitz | Ausgabe 11/2014 5

E-k-e-l-haft! kommentierte der schwule Freund, wenn die Muttis mit Kinderwagen in sein Café rumpelten. Ich fands witzig (als Mutter). Und mal ehrlich, ginge es nicht allgemein etwas entspannter? (Was aber jetzt auf keinen Fall nach PC-Gejammer klingen soll). Der Gipfel zuletzt jedenfalls Matthias Matussek mit seinem Irrgelichtere bezüglich Bildungsplan und Homophobie. Deeskalation durch Dialog sieht anders aus.

Eine Mischung aus Empathie und Sachlichkeit ist vonnöten, und da kommt ein Buch aus dem Beltz Verlag gerade recht: Das Regenbogen-Experiment – Sind Schwule und Lesben die besseren Eltern? „Katja Irle befragt Bindungsforscher, Erziehungswissenschaftler und Therapeuten zu Aspekten des Kindeswohls und zeichnet nach, wie die Gleichstellung schwul-lesbischer Familienprojekte politisch verhandelt wird – dass wir zu wenig wissen, um kompetent über dieses brisante Thema zu diskutieren, kann nach der Lektüre des Buches keiner mehr sagen.“

Verzweifelte Werteklammerer

Wer wäre nicht für Abkühlung und Liebe bei dieser Tellerfliegerei? Also rasch rezensiert. Rezensent X wurde angefragt. Nach der Zusage folgte die Absage, es gäbe arge Zeitprobleme. Wir fragten Rezensent Y, äh, das sei ja nicht so sein Thema. Z ähnlich. Die Verdruckstheit wunderte nicht, angesichts manch verbaler Unbedarftheit und ihrer Folgen, siehe Jens-Lehmann-Dusche, dabei wollte er doch nur sagen ... ach egal. Dieses Sachbuch, brüllt man, ist herrlich sachlich, erfreulich sachlich – trotz des provokanten Untertitels. Zum Einstieg Wissenswertes, z.B. dass Josephine Baker den Begriff „Regenbogenkinder“ bereits in den 50ern berühmt machte. Baker hatte Kinder aus verschiedenen Kontinenten adoptiert und sich mit ihnen auch inszeniert. Die nachhaltige politische Dimension: die Vielfalt der Menschen anerkennen. Der Blick nach Frankreich zeigt, dass der Aufstand gegen Homo-Ehe und Adoption zwar verzweifelte Werteklammerer vor die Mikrofone holte, aber auch Intellektuelle wie die Philosophin, Feministin und Frau des Ex-Premiers, Jospin Sylviane Agacinski. Sie machte auf die ethischen Fragen der Fortpflanzungsmedizin aufmerksam. Und: Zuweilen seien die Argumente (bzw. „Lobbyarbeit“) auf beiden Seiten schrill, der Triggerreflex eines Normalofranzosen würde vielleicht auch bedient mit so einem Slogan: „Zwei Mütter sind besser als ein Scheißvater.“

All das sei im Grunde ein Stellvertreterstreit, gemessen an wirklich wichtigen Themen wie Kinderarmut. Möglich ist: Nicht alle Oldschools sind reaktionär, brauchen aber länger, um zu verstehen, dass sich die Zeiten unaufhaltsam ändern, wie das sittliche Standing einer Alleinerziehenden etwa.

"Ebay Sorglosigkeit"

Verharmlost wird aber nichts. Gesetzes-Status-quos wirken als Toleranzverstärker, wie in Schweden, wo man seit 2002 in Homo-Ehen Kinder adoptieren kann. Die dortige Kinder- und Jugendliteratur thematisiert andere Konstellationen.

Für schwule und lesbische Partnerschaften ist der Weg zum Kind nicht so einfach wie der One-Night-Stand für manche Hetero-Frau. Man beobachtet Befremdliches, eine „Ebay-Sorglosigkeit“, wenn im Netz Homo (wie Hetero) nach potentiellen Erzeugern sucht. Das Adoptionsrecht zeigt die hiesige Doppelmoral, bei der Pflegschaft gibt es nämlich kaum Vorbehalte.

Diese Katholiken, geschenkt. Aber auch das Judentum lehnt Homosexualität ab. Trotzdem etablieren sich liberale Strömungen. Ein Londoner Rabbinerseminar verlangt von homosexuellen Bewerbern, offen zur sexuellen Präferenz zu stehen, sonst wird man gar nicht erst aufgenommen. Katja Irle war langjährige Redakteurin der Frankfurter Rundschau, im Ressort Wissen. Ihr Buch ist gut und wichtig.

06:00 14.03.2014

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare 5

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community