Inflation ist ein linkes Thema

Geld Die Preisentwicklung ist eine Verteilungsfrage. Sie bestimmt über Macht und Ohnmacht auf dem Markt
Inflation ist ein linkes Thema

Foto: Heinrich Holtgreve/Ostkreuz

Sie gilt als eine Gefahr, als ein Gespenst, das den Wert unseres Geldes bedroht und das wir daher alle fürchten sollten. Denn von der Stabilität des Geldes hängt unser aller Wohlstand ab. Die Inflation ist allerdings kein anonymer Prozess, der sich vollzieht – Inflation wird gemacht, und zwar nicht von Konjunktur, Zins und Geldmenge, sondern von den Unternehmen.

Auf der Suche nach maximalem Profit setzen sie die Preise für ihre Güter so hoch wie möglich, um die Kaufkraft an sich zu ziehen. Und wenn die Kundschaft über mehr Geld verfügt, ist das stets eine Gelegenheit für die Unternehmen, ihre „Preisgestaltungsmacht“ zu nutzen, mehr zu verlangen und so die Abnehmer relativ ärmer zu machen. Die Inflationsrate gibt an, wie gut ihnen das gelingt.

Die Preisentwicklung ist also auch eine Verteilungsfrage, weswegen sie für Linke immer ein Thema ist, und sie hat Klassencharakter. So misst die am stärksten im öffentlichen Fokus stehende Inflationsrate die Entwicklung der Verbraucherpreise, also wie teuer die Lebenshaltung ist. Von einer Erhöhung dieser Rate sind nicht alle gleich betroffen: Eine Geringverdienerin, die ihr gesamtes Budget für den Konsum ausgeben muss, leidet stärker unter der Teuerung als ein Großverdiener, dem nach allen Einkäufen noch Geld übrig bleibt.

Kein Wunder also, dass die „Sparneigung“ gerade bei wohlhabenden Haushalten besonders hoch ist, wird diese „Neigung“ doch durch hohe Einkommen gestärkt. Während ärmere Konsumenten also der Preisgestaltungsmacht der Unternehmen ausgeliefert sind, können die Wohlhabenden von einer anderen Inflation profitieren: der „Vermögenspreisinflation“, sprich dem Anstieg von Aktienkursen und Immobilienpreisen. Denn auch beim Sparen sind nicht alle gleich: Je weniger Geld ein Haushalt übrig hat, je stärker er also auf Sicherheit angewiesen ist, umso eher spart er sein überschüssiges Vermögen in festverzinslichen Anlagen, die seit einiger Zeit kaum noch Erträge bringen. Wer dagegen viel Geld übrig hat, kann sich Investmentrisiken leisten und geht beispielsweise in Aktien, die von einem Hoch zum anderen klettern und die Wohlhabenden wohlhabender machen.

Die aktuell höhere Inflationsrate dürfte schon bald wieder sinken, prognostizieren Ökonomen, und das dürfte auch so eintreffen. Was die Ökonomen so zuversichtlich macht, ist die absehbar schwache Lohnentwicklung in Europa. Denn dort schwächt die hohe Arbeitslosigkeit die Verhandlungsmacht der Gewerkschaften. Dazu kommen längerfristige Trends wie „Digitalisierung“ und „Globalisierung“, also die Tatsache, dass Unternehmen über Automatisierung und Produktion in Niedriglohnstandorten ihre Kosten senken. Die Ökonomen der Commerzbank erwarten daher in Europa absehbar keine größeren „Spannungen am Arbeitsmarkt“ – sprich stärker steigende Löhne.

Etwas anders sieht es in den USA aus. Denn dort hat die Regierung in der Corona-Krise den Lohnabhängigen finanziell unter die Arme gegriffen, weswegen viele dem Arbeitsmarkt vorerst fernbleiben und die Unternehmen daher Probleme haben, schlecht bezahlte Jobs im Servicesektor zu besetzen: Das „deutlich aufgestockte Arbeitslosengeld“, erklärt die Commerzbank, habe „den Anreiz zur Arbeitsaufnahme vermindert“, also die Erpressungsmacht der Unternehmen geschwächt. Sie müssen daher höhere Löhne bieten, was laut Commerzbank das Inflationsrisiko erhöht. Denn die Ökonomen gehen fest davon aus, dass die Unternehmen die erhöhte Kaufkraft der Lohnabhängigen durch Preiserhöhungen wieder abgreifen.

Man sieht: Wer über Inflation spricht, spricht nicht über eine mysteriöse Entwertung des Geldes, die uns alle bedroht. Sondern über Macht und Ohnmacht auf dem Markt und die Verteilung des produzierten Reichtums. Eben über linke Themen.

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Lesen Sie hier eine Erwiderung von Kathrin Gerlof auf diesen Artikel

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06:00 06.07.2021

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