It’s Rocket Science

Buchmesse Spezial Peter M. Schneider erzählt, wie Milliardäre das Weltall erobern
Malte Thie | Ausgabe 11/2018 2

Der Mond, die Sterne, das Universum. Nicht erst seit der ersten Mondlandung ist die Menschheit fasziniert von den „unendlichen Weiten“. Technische Möglichkeiten weckten neue, noch größere Träume bis hin zu Visionen von einem Leben im All dereinst, wenn ... – seit mehr als 15 Jahren nimmt das Abenteuer eine neue Richtung, als gigantisches Geschäft, der passende Name dieser Bewegung: „New Space“. Davon erzählt Goldrausch im All von Peter M. Schneider. Der Autor zieht einen dabei in die Welt der Raketenbauer, er porträtiert die wichtigen Player, schildert hochfliegende Pläne und Missionen und erklärt die verschiedenen Dynamiken der neuen Astronautik.

Vor allem die Porträts nehmen hierbei einen großen Platz ein. Die Wichtigkeit, die Schneider diesen Männern beimisst, zeigt sich daran, dass er fast zwei Drittel darauf verwendet, ihre persönlichen Geschichten, ihre Motivation oder Getriebenheit und ihren Charakter zu beschreiben. Hierbei verheddert sich Schneider in ziemlich vielen Details. So zum Beispiel mag zwar eine Anekdote über den als Stewardess verkleideten Virgin-Besitzer Richard Branson amüsant sein, hat allerdings wenig mit dem Thema Goldrausch zu tun. Da werden Protagonisten wie die privaten Raumfahrtpioniere, der Tesla-Gründer Elon Musk und Amazon-Chef Jeff Bezos, vor allem als Männer mit Kindheitsträumen beschrieben. Kurz gesagt: Das ist auch Nerd-Kitsch.

Dass es sich bei New Space aber ebenfalls um ein reines Geschäft mit riesigen Gewinnmöglichkeiten handelt und die besagten Männer zuallererst milliardenschwere Unternehmer sind, hat Schneider weniger herausgearbeitet. Schade!

Zumal das Buch vor allem die wirtschaftlichen Aspekte der Branche beleuchtet. Angesichts der Tatsache, in welch sprichwörtlich astronomischen Dimensionen dieses Milieu agiert, ist dieser Aspekt hoch relevant. So sprechen die konservativsten Berechnungen einer Marsmission von Kosten in Höhe von 300 Milliarden Dollar. 300.000.000.000$! Finanzierung? Abbau von Platin auf Kometen. Goldrausch halt.

Nicht zu kurz kommt die gewandelte Rolle der NASA. Von der alles dominierenden Raumfahrtbehörde zum Goldesel der privaten Unternehmen. Denn Fakt ist, die meisten modernen Weltraumunternehmer stecken zwar die eigenen Tantiemen in die Projekte, zum Überleben braucht es jedoch die staatlichen Aufträge.

Ein Buch über Raumfahrt kommt freilich um physikalische und technische Probleme nicht herum. Themen wie die maximale Tragelast einer Rakete oder die Unterschiede verschiedener Erdumlaufbahnen und ihrer Gravitation werden anschaulich erklärt. Ja, it’s Rocket Science, schön, dass auch der Laie hier durchblickt.

Eine wichtige Frage wird leider nur oberflächlich angeschnitten: Ökologie. Man kann ja sagen, die Raumfahrt sei die letzte Rettung des Menschen, wenn die Erde einmal untergeht. Trotzdem: So vermeintlich profane Fragen wie die Umweltbelastung durch einen Raketenstart werden nicht thematisiert. Auch eine philosophische Auseinandersetzung mit der Bedeutung eines Lebens im All bekommt nicht den Platz, der ihr gebührt. Wie würde ein Alltag auf dem lebensfeindlichen Mars aussehen?

Schneiders Buch liest man dennoch gerne. Es lässt einen in eine neue Welt eintauchen und regt Träumereien vom Weltall und den Sternen an. Der Abstand zwischen Science-Fiction und Realität wird immer geringer.

Fun Fact: Eine Marsmission kostet mal eben so um die 300 Milliarden Dollar

Info

Goldrausch im All Peter M. Schneider FBV 2018, 400 S., 19,99 €

Die Bilder des Spezials

Noroc heißt Glück und Gesundheit und ist ein rumänischer Ausdruck, den man verwendet, wenn man jemandem zuprostet oder sich verabschiedet. „Noroc!“, viel mehr Kommunikation fand manchmal nicht statt zwischen dem 1984 in Brüssel geborenen Fotografen Cedric Van Turtelboom und seinen Protagonisten. Noroc ist der Titel seiner Fotoserie aus Rumänien. Das Motto: sich immer bei einem Einheimischen einzuquartieren. Van Turtelboom nähert sich mit absurdem Humor einem bizarren Land und lässt uns irgendwo zwischen Dokumentation und Wintermärchen zurück, besser gesagt: mitreisen.

Der Bildband ist in limitierter Auflage erschienen und kann über cedricvanturtelboom.com bezogen werden. Noroc, 86 Seiten, 170 x 224 mm, 30 €

Malte Thie studiert Volkswirtschaftslehre

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