Koalition mit Belfast

Brexit Die Widersprüche zwischen Theresa May und der nordirischen DUP könnten Jeremy Corbyns Traum von Neuwahlen schnell Realität werden lassen
Jürgen Busche | Ausgabe 24/2017
Koalition mit Belfast
Die DUP würde, wenn sie allein herrschte, auch verbieten, dass sonntags gelacht werden darf

Foto: Charles McQuillan/Getty Images

Die Geschichte macht immer wieder Späßchen mit der Gegenwart, von denen sich nichts lernen lässt, außer dass Zweifel an der Vernunft der Mächtigen berechtigt sein können. Nachdem Theresa May den Brexit zunächst nicht wollte, wollte sie dann einen harten Brexit. Nachdem sie Neuwahlen zunächst nicht wollte, gab sie einer Laune nach und führte sie herbei. Jetzt steht ihre Partei, die Konservativen, im Unterhaus ohne eigene Mehrheit da. Aber May will nicht zurücktreten, sondern eine Mehrheit erschaffen – mit der Democratic Unionist Party (DUP) aus Nordirland.

Das klingt, wenn man einmal kurz die Europäische Union vergisst, ganz schlüssig. Die radikale Protestantenpartei aus Ulster passt zu der Pastorentochter vom Lande wie ein Comicbildchen zum anderen. Die DUP würde, wenn sie allein herrschte, auch verbieten, dass sonntags gelacht werden darf. Zwar wird sie von den nordirischen Katholiken verabscheut, aber viele ihrer Überzeugungen lassen anderswo schwarze Fundamentalisten grün vor Neid werden. Doch Nordirland ist nicht mehr so wie vor hundert Jahren, als sich die Provinz von Irland, das um seine Unabhängigkeit kämpfte, abspaltete. Damals war Ulster reich, die Republik arm. Damals waren gut verdienende Protestanten wohlhabend, die an den Rand gedrängten Katholiken darbten. Das blieb so für Jahrzehnte. Als die Katholiken aufholten und die Industrie zumal in Belfast abbaute, begannen die Unruhen. Die Protestanten fühlten sich in ihrer Vorrangrolle bedroht. Die Shankill Road in Belfast mit ihren einst schmucken Häuserzeilen verelendete, dagegen blieb Andersonstown ordentlich.

Die Europäische Union mit der offenen Grenze zwischen Nord und Süd änderte das. Die Katholiken rückten noch mehr nach vorn, aber jetzt zog die Gesamtentwicklung die Protestanten mit. Aus Brüssel kam mehr Geld, als London geben konnte. Der ungehemmte Grenzverkehr förderte den Aufschwung und davon profitierten auch DUP-Wähler. Wenn jetzt Theresa May für ihren Job – wie sie sich ausdrückt – eben diese DUP benötigt, dann wird ihr diese klarmachen, dass es einen harten Brexit mit ihren zehn Stimmen nicht geben wird. Vielleicht wird es Ulster als Sonderzone im Vereinigten Königreich geben. Damit geriete aber das entscheidende Wort im Namen der kleinen Partei – Union – in die Kritik, denn die Sonderzone wäre Irland näher. Es gibt vielerorts auf den Britischen Inseln ein Abrücken des keltischen Rands von England. Die Widersprüche zwischen May und DUP könnten Jeremy Corbyns Erwartung von baldigen Neuwahlen noch realistischer machen.

Der Autor und Journalist Jürgen Busche schreibt in seiner Kolumne Unter der Woche regelmäßig über Politik und Gesellschaft

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