Krieg und Alltag

Episch Der erste Band wurde politisch frisiert, der zweite mitsamt Notizen vom KBG konfisziert. Jetzt ist Wassili Grossmans „Stalingrad" aus einem Typoskript restauriert worden und bietet tiefe Einblicke in die Sowjetunion des Zweiten Weltkriegs

Wo fängt man da an? Mit dem verzweifelten Ringen Wassili Grossmans um die Veröffentlichung seines zweibändigen Romans? Dem Umstand, dass Stalingrad 1956 in einer verkürzten, politisch zurechtgebogenen Form in der Sowjetunion und später in der DDR erschien, nachdem Grossman elf Versionen, nicht weniger als elftausend Manuskriptseiten dafür geschrieben hatte? Dass Leben und Schicksal, Band zwei also, jedoch vom KGB mitsamt aller Notizen und sogar den Farbbändern der Schreibmaschinen konfisziert wurde?

Alles ist still. Überall Stille

Oder mit der tiefen Ratlosigkeit, die in das Wiedersehen der beiden Physiker in Moskau bricht, die Wehrmacht ist Tausende Kilometer durch sowjetische Landschaften vorgerückt, wir sind noch recht am Anfang des Romans: „Was ist bloß aus den Deutschen geworden?“, fragt Dmitri Petrowitsch Tschepyschin da. „Es ist, als wäre alles Gute verschwunden, als gäbe es dort keine gerechten, ehrlichen und guten Menschen mehr. Ist das denn möglich? Wir kennen sie doch. Ihre bemerkenswerte Wissenschaft, Literatur, Musik und Philosophie! Was ist mit ihrer Arbeiterbewegung? Woher kommen diese Verbrecher?“ Recht am Anfang heißt in diesem Fall: Seite 307.

Wassili Semionowitsch Grossman wurde 1905 im heute ukrainischen Berditschew in eine säkulare jüdische Familie geboren, sein Vater war Sozialdemokrat. Grossman ist zwölf, als die Revolution die Beschränkungen des Kaiserreiches wegwischt, Juden dürfen sich fortan frei niederlassen und auf die besten Universitäten. Während seines Chemiestudiums schreibt Grossman Kurzgeschichten, 1934 veröffentlicht er eine Erzählung über eine Revolutionärin, die ihr Kind bei einer jüdischen Familie zurücklässt. Maxim Gorki wird auf ihn aufmerksam, der antisowjetische Michail Bulgakow wundert sich: „Bedeutet das, etwas Wertvolles kann immer noch gedruckt werden?“

Vier Jahre später schrieb Grossman einen Brief an Nikolai Jeschow, Leiter der Geheimpolizei, Leninorden-Träger, 1940 hingerichtet. Man flüstert über die Jeschow-Zeit – rund 800.000 dokumentierte Tote, man schätzt bis zu 1,2 Millionen mehr, zweieinhalb Millionen Verhaftungen: Stalins großer Terror. Grossman fasst darin sein Leben zusammen, Abitur, Abschluss an der staatlichen Universität in Moskau, Arbeit als Ingenieur im Donbass, dass er seit 1934 hauptberuflich Schriftsteller sei: „Alles, was ich besitze, meine Ausbildung, meinen Erfolg als Schriftsteller, das hohe Privileg, meine Gedanken und Gefühle mit sowjetischen Lesern teilen zu können – all das verdanke ich der sowjetischen Regierung.“ Nur wollte er Jeschow auf einen Fehler hinweisen, Olga Guber war verhaftet worden, weil sie sich nicht genügend von ihrem Mann losgesagt habe. Allerdings war der bereits erschossene Schriftsteller Boris Guber längst nicht mehr Olgas Ehemann. Wassili Grossman hingegen schon. Grossman, nie Parteimitglied, hatte mit seinen Eingaben Erfolg – sie wurde freigelassen.

Als die Deutschen angriffen, meldete er sich enthusiastisch zum Militärdienst, wurde – übergewichtig, kurzsichtig und überhaupt bei schlechter Gesundheit – Frontberichterstatter. Und bald Starreporter der Armeezeitung. In Reportagen widmete er sich einfachen Soldaten an der Front, entkam knapp der deutschen Einnahme von Orjol. Als sein Redakteur fragte, wo die Beschreibungen des heldenhaften Abwehrkampfes seien, zuckte Grossman mit den Schultern, es habe sie nicht gegeben. Sie schickten ihn zurück und bald nach Stalingrad – Grossman blieb bis in den März 1943.

Dann begleitete er die Wiedereinnahme von Kursk und Kiew, schrieb an seine Frau, dass er die Adressen seiner Verwandten besucht habe. „Es gibt nur Gräber und Tote.“ Erfuhr in Berditschew, dass seine Mutter mit den übrigen dreißigtausend Juden zusammengetrieben und erschossen worden war, bis an sein Lebensende schreibt Grossman ihr Briefe. Seine Reportagen wurden zensiert und bei Mannschaftsabenden vorgelesen – auf Wunsch der Soldaten. Über die ermordeten Juden wurde nichts gedruckt. „Es gibt keine Juden in der Ukraine“, schrieb er in sein Tagebuch, „alles ist still. Überall Stille.“ Später rückt er mit der Armee in Polen ein, im Juli 1944 entdeckt er mit einer Einheit Majdanek, seine Reportage aus Treblinka, die überhaupt erste ihrer Art, wird bei den Nürnberger Prozessen vorgelesen. Da arbeitet er bereits an seinem Opus magnum.

Die Schlacht um Stalingrad, auf die im ersten Band alles zuläuft, sieht Grossman als Befreiungskampf der sowjetischen Gesellschaft, aber auch der Roten Armee: Mit Stalins Säuberungspolitik hatte die Partei ihre Macht bis in die unteren Ränge des Militärs ausgedehnt, erst im chaotischen Kriegsgeschehen lockert sich der eiserne Griff. Für Grossman die zentrale Ressource, um dem totalen Krieg der Deutschen als Gesellschaft zu widerstehen: Auch untere Ränge, staatliche Angestellte übernehmen Verantwortung, Unterhaltungen schütteln das stalinistische Joch ab, sogar Nikolai Krymow, Politkommissar, wärmt sich an freieren Gedanken. Seine Ex-Frau gehört zur weitverzweigten Familie Schaposchnikow, ein episches Zentrum der Erzählung – Ingenieurinnen, Werksleiter, aber auch angeheiratete Kampfpiloten, befreundete Ärztinnen erzählen von ihrem Kriegsalltag, von hehren Anforderungen an die Erfüllung von Pflichten.

Chaos der Verteidigung

Was aber ist Stalingrad, was im Verhältnis zum zweiten, im Original 1980 auf Russisch erstmals erschienenen Band Leben und Schicksal? Ein atemraubendes Epos der beiden tolstoiisch verschlungenen Familien Schaposchnikow und Strum. Oft Figuren, deren räsonierender Blick an Tschechow erinnert, hinübergerettet an die Schwelle des Atomzeitalters. Ein endlich zusammengefügter Blick auf die zivilisatorische Nullstunde des 20. Jahrhunderts, literarisches Ringen um Fassung ob der Gräueltaten, durchzogen von Strömen menschlicher Wärme, tief empfindender Beschreibungen von Landschaft und Menschen. Ein über eintausend Seiten schwerer Wälzer, wunderbar zu lesen, man schleppt ihn über Wochen überall mit hin, hofft, zwischendurch ein paar Kapitel zu schaffen; ein packendes Panorama einer Gesellschaft, gerade von der Revolution umgewälzt und von ständischer Unterdrückung befreit, jetzt attackiert von gnadenlosem Vernichtungswillen.

Grossman macht keinen Hehl aus seiner Begeisterung für sowjetischen Aufbruch – sozialistischer Realismus ist der Roman allerdings nur selten: Er blickt gelegentlich mit einem fast naiven Naturalismus auf das Chaos der Verteidigung, Dörfer, die auf die Wehrmacht warten, das Schicksal der Juden. Kurios, dass jemand, der so genau abgeschmeckt an Jeschow schreiben konnte, an eine derart vielstimmige, kontroverse Veröffentlichung glaubte.

Ähnlich wie bei Tolstoi wechseln sich Übersichten mit Detailaufnahmen ab, nur schaut Grossman keiner heiteren Aristokratie zu, er erzählt von der zerfurchten Grasnarbe der Gesellschaft, vom Alltag im Krieg, Menschen hungern, leiden, Politkommissar Krymow entkommt seiner Einsamkeit, die Schaposchnikows erleben ihre Sorgen oft körperlich. Menschen verlieben sich, versuchen ihrer Arbeit nachzugehen, wir lesen nachdenkliche Kapitel über die Verfassung der Welt angesichts von Brutalität und Todeslagern. Die Stalingrad-Dialoge durchmisst eine Landschaft aus Schmerz und Sehnsucht, Zerstörungen, wir erleben den tiefen Einschnitt, den der Krieg in Russland bedeutete. Häufiger als Leben und Schicksal sind die Kapitel vom lichten Glauben an eine Gemeinschaft durchweht, die dunkleren, enttäuschten Töne über die antisemitische Säuberung der „Bürokraten“ deutet sich an, entwickelt sich aber erst im zweiten Band.

Und das Personal aus Leben und Schicksal gewinnt durch den jetzt aus einem unveröffentlichten Typoskript restaurierten Stalingrad-Band an Vielschichtigkeit, wir erleben Wendungen, Enttäuschungen, die die Charaktere in den zweiten Teil hinübertragen, Verhärtungen, denen Brüchigkeit vorausging. Schließlich erreichen die Kämpfe Stalingrad: „Alle spürten die Unruhe, und alle dachten das Gleiche, als sie den Blick über die breite Wasserscheide auf das andere Ufer richteten und in die Steppe starrten, die langsam in der Dunkelheit versank … Sie lauschten lange in die Stille hinein, wohl ahnend, dass es in dieser Stadt bald keine Stille mehr geben würde.“ Es ist, als schließe sich eine gewaltige Lücke des 20. Jahrhunderts. Fast 60 Jahre nach Wassili Grossmans Tod.

Stalingrad Wassili Grossman Christine Körner, Maria Rajer, Andreas Weihe (Übers.), Claassen Verlag 2021, 1.280 S., 35 €

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