Künstliche Intelligenz ist menschlich doof

Sachbuch KI macht Hoffnung auf ein besseres zwischenmenschliches Zusammenleben. Sie kann aber auch das Gegenteil zur Folge haben
Künstliche Intelligenz ist menschlich doof
Vielleicht gruseln uns Roboter nur so sehr, wenn sie uns ähnlich sehen?

Foto: Niklas Halle'n/AFP

Wer Gefahren nicht einschätzen kann, hat Angst. Wer es kann, ist wenigstens nur noch besorgt. Wer weiß, was zu tun ist, wird möglicherweise gelassen.“ Das ist der Anspruch, den Lothar Schröder, Mitglied des Verdi-Bundesvorstands, und Markus Franz, Journalist und Redenschreiber, für ihr Buch über „Fluch und Segen von Künstlicher Intelligenz“ formulieren und den sie mit „gewerkschaftlichen Antworten“ einlösen wollen. Tatsächlich nutzen wir „schwache“ Künstliche Intelligenz (KI) schon jetzt jeden Tag: Beim Aufrufen von Google, Siri oder Facebook. Dieselbe schwache KI ist auch in anderen Erfindungen am Werk, in die das Buch Einblicke gewährt: Etwa bei der Imitation von Stimmen, in einem Rembrandt-Bot oder bei Fußball-Robotern – die sollen 2050 menschliche Fußball-Weltmeister besiegen können, das haben Forscher als Ziel ausgegeben. In all diesen Anwendungen besteht KI darin, dass mit Hilfe von eigens dafür entwickelter Mathematik und Informatik konkrete und beschränkte Aufgaben gelöst werden.

„Starke“ KI hingegen macht uns Angst. Sie wäre imstande, aus eigenem Antrieb zu handeln: Sich am Ende sogar gegen den Menschen zu wenden, uns Menschen zu entwerten – überflüssig zu machen. Und uns vielleicht sogar zu bekriegen. Das aber, insistieren Schröder und Franz, gibt es schlichtweg noch nicht. Oder nur im Film.

Die Autoren betonen, dass hinter KI immer Menschen stehen. Wir entscheiden, oder sollten es jedenfalls, wie und wozu sie eingesetzt wird. Aber wer ist „wir“? Die reale Gefahr besteht ja darin, dass KI von globalen privaten Unternehmen und Plattformen kontrolliert wird. Denen müssten also Grenzen gesetzt werden, damit es zu keiner noch größeren Machtkonzentration durch KI kommen kann. Dann kann KI zur Arbeitserleichterung eingesetzt werden, damit alle mehr Zeit zur Selbstverwirklichung haben. Ist das im Kapitalismus vorstellbar? Unser eigenes Handeln hat nur eingeschränkte Macht. Es geht also darum, darüber zu bestimmen, wie KI einmal eingesetzt werden wird: Für Profitmaximierung? Oder für die Verbesserung von Arbeitsbedingungen?

Das Buch ist alltagsnah geschrieben, es zeigt die Chancen, die KI bieten kann, ebenso die Risiken, die damit einhergehen. Wäre es nicht möglich, dass die Anwendung von KI durch die entstehende Zeitersparnis das Zwischenmenschliche fördert? Dass sie für das Gemeinwohl eingespannt wird? Besonders Europa sei am Zug, den Einsatz für KI in sozialen Bereichen und zum Nutzen von Beschäftigten zu fördern.

Schröder und Franz nehmen eine optimistische, aber nicht naive Position ein: Sie zeigen am Beispiel der genauen Sendungsverfolgung von Paketen, wie diese für die Kunden zwar erfreulich sein mag, aber zugleich dem Arbeitgeber die Möglichkeit der Überwachung öffnet, zu wissen, wo sich der Paketzusteller gerade aufhält und wie er noch „effizienter“ arbeiten könnte. Womit wir wieder beim Kapitalismusproblem wären und der Frage, wer darüber entscheidet, zu wessen Nutzen KI eingesetzt wird.

Ähnlich verhält es sich mit dem Einsatz von KI für mehr Gleichberechtigung: Eine Personaler-KI entscheidet bei der Auswahl im Bewerbungsprozess objektiver und rationaler als ein Mensch, etwa bei der Berücksichtigung des Geschlechts. Doch keine KI kann die die Geschlechterungleichheit prägenden historischen und gesellschaftlichen Bedingungen mit berücksichtigen, sie ist blind. KI kann Menschen also helfen, sie aber nicht ersetzen. Das sollte sie auch nicht dürfen.

Info

Eine warme Stimme schleicht sich in dein Ohr. Fluch und Segen von Künstlicher Intelligenz L. Schröder, M. Franz VSA Verlag 2019, 96 S., 8 €

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