„Sie sagen was falsch und richtig ist. Aber die Welt ist viel komplizierter“

Interview Lauren Oyler ist als erbarmungslose Kritikerin der populären Gegenwartsliteratur bekannt. Kürzlich erschien ihr gefeierter Debütroman „Fake Accounts“ auf Deutsch. Er handelt von unseren Doppelleben in den sozialen Medien

Die US-amerikanische Kulturjournalistin Lauren Oyler gilt als scharfzüngige Provokateurin des zeitgenössischen Literaturbetriebs und erbarmungslose Kritikerin populärer Gegenwartsliteratur. Oyler geht dahin, wo es wehtut, es stört sie, dass populäre Gegenwartsliteratur so didaktisch daherkommt oder dass sich „Romane wie Manifeste lesen“. Ihr Verriss von Jia Tolentinos im letzten Jahr erschienenen Essayband Trick Mirror (der Freitag 8/2021) soll durch die hohe Zahl der Aufrufe sogar kurzzeitig die Webseite der London Review of Books lahmgelegt haben. Kein Wunder also, dass ihr ebenfalls 2021 veröffentlichtes Debüt Fake Accounts mit Spannung erwartet wurde. Fake Accounts, von der Kritik hoch gelobt und kürzlich auf Deutsch bei Piper erschienen, handelt von unseren Doppelleben in den sozialen Medien. Eine junge Frau entdeckt kurz nach der Wahl Donald Trumps, dass ihr Freund Felix auf Instagram Verschwörungstheorien verbreitet. Bevor sie ihn damit konfrontieren kann, stirbt er bei einem Unfall. Doch die Erzählerin von Oylers Roman ist kein bloßes Opfer. Sie zieht nach Berlin und beginnt dort, selbst unterschiedliche Identitäten anzunehmen. Und plötzlich scheint das, was Felix getan hat, gar nicht mehr so weit weg zu sein von der Normalität sozialer Medien.

der Freitag: Lauren Oyler, Sie wurden vor kurzem in einer Rezension als Todesengel der zeitgenössischen englischsprachigen Literatur bezeichnet. Warum sind Sie so gefürchtet?

Lauren Oyler: Ich denke, das hat damit zu tun, dass ich gelegentlich sehr negative Literaturkritiken schreibe. Wobei es mir oft gar nicht nur um das einzelne Buch geht, das wäre ja langweilig,sondern um allgemeine Tendenzen der Gegenwart. Ich habe bisher vor allem viel Kulturjournalismus gemacht und Leute wie mich selbst interviewt. Und da liegt es wahrscheinlich nahe, zu sagen: Warum reden wir überhaupt über ihren Roman? Weil sie diese bösartige Literaturkritikerin ist. Das ist ja auch in Ordnung, obwohl ich natürlich gerne in all meinen wunderschönen und vielfältigen Dimensionen wahrgenommen werden würde.

Zu den Autorinnen, über die Sie Verrisse geschrieben haben, zählen Romanautorinnen wie Sally Rooney mit ihrem 2018 erschienenen Roman „Normal People“, aber auch Essayistinnen wie Roxane Gay und Jia Tolentino, die meist aus einer sehr persönlichen Perspektive über Social Media, über Fragen der Identität, Politik, sexuelle Gewalt und ihr Selbstverständnis als Frauen schreiben. Was stört Sie an dieser Art Literatur?

Die Frage ist: Was soll Literatur leisten? Sie sollte ein möglichst genaues und vielschichtiges Bild der Welt vermitteln. Ich habe den Eindruck, dass es zurzeit viel Literatur gibt, die sehr didaktisch ist. Dazu zählen auch die Personal Essays von Jia Tolentino und Roxane Gay, die ja auch Erzählungen sind. Sie schreiben über irgendein Gesellschaftsphänomen oder über zwischenmenschliche Beziehungen und wollen klare Antworten geben, sagen, was richtig und falsch ist. Die Welt ist aber viel komplizierter. Für mich ist es enttäuschend, wenn Romane sich so lesen wie Manifeste. Das ist nicht, was mich an Literatur interessiert.

Was, glauben Sie, ist der Grund dafür, dass diese Art Literatur so beliebt ist zurzeit?

Einerseits ist es wahrscheinlich ein einfacher Weg, sich vor Kritik zu schützen: Wie kann man jemanden kritisieren, der sagt, dass Sexismus schlecht ist? Ich glaube, es hängt aber auch mit der Logik der sozialen Medien zusammen. Das begann ja ungefähr um 2000, auch wenn David Foster Wallace mit seinen Kommentaren zur Ironie vielleicht noch etwas früher dran war. Aber in den USA waren es um die Jahrtausendwende Zeitschriften wie The Believer und das von Dave Eggers gegründete Magazin McSweeney’s, die den Standpunkt vertraten: Wir glauben nicht an negative Literaturkritiken. Diese Magazine waren durchaus interessant, aber ich glaube, das waren die Anfänge dieser geradlinigen, vom Guten besessenen Kultur, die auch eine Reaktion auf die Ironie der 1990er Jahre war. Und dann, glaube ich, verlangten die politischen Entwicklungen in den USA in den letzten Jahren von bestimmten Leuten, dass sie Statements abgaben. Obwohl ich es eigentlich mag, dass man als Buchkritikerin und Autorin gerade nicht wirklich die Macht hat, Dinge zu verändern. Man ist ja kein Politiker. Trotzdem fühlt es sich bei manchen Autoren so an, als würden sie Wahlkampf betreiben.

Zur Person

Lauren Oyler wurde 1990 in Hurricane, West Virginia, geboren. Sie studierte Englische Literatur in Yale und schreibt unter anderem für Vice, New Yorker, London Review of Books und Guardian. Ihr Debütroman Fake Accounts ist bei Piper erschienen. Oyler lebt zurzeit in Berlin

Die Erzählerin Ihres Romans „Fake Accounts“ ist keine eindeutig moralische Figur. Am Anfang sieht es so aus, als sei sie ein Opfer: Sie findet heraus, dass ihr Freund Felix einen Instagram-Account hat, über den er Verschwörungstheorien verbreitet. Aber schnell merkt man, dass sie selbst manipulativ und unbescheiden ist. Fast alles ist ein Machtkampf für sie. War es für Sie, auch als Gegenmodell zu der von Ihnen kritisierten „didaktischen“ Gegenwartsliteratur, wichtig, einen ambivalenten Charakter zu erschaffen?

Ja. Ich wollte eine Erzählerin, die unterhaltsam ist, die Gossip verbreitet und manchmal auch unanständige Dinge sagt. Sie erzählt die Geschichte, nachdem sie bereits geschehen ist. Dabei ist sie nicht unehrlich, aber sie schildert sie eben aus ihrer Perspektive. Sie hat blinde Flecken, was sich beispielsweise dann zeigt, wenn imaginäre Kommentare ihrer Ex-Freunde in die Erzählung einfließen. Es gibt ja eine sehr ausgeprägte Therapiekultur in den USA. Man ist angehalten, ständig zu reflektieren, warum man Dinge getan hat und was das mit der eigenen Identität zu tun hat: Tust du das, weil du privilegiert bist, weil du eine weiße Frau bist? Mich frustriert es oft, wenn Leute anfangen, mir mein Verhalten in diesen Kategorien zu erklären, weil ich dann immer denke: Ja, ich weiß das alles, das ist sehr grundlegend, es ist nicht schwer, das zu verstehen.

Die Erzählerin von „Fake Accounts“ nimmt tatsächlich oft eine Metaperspektive ein, indem sie den Zwang, sich selbst zu reflektieren und zu analysieren, wiederum reflektiert. Warum tut sie das?

Sie will sich nicht dem Imperativ unterwerfen, durch Selbstreflexion an ihre wahren, authentischen Gefühle heranzukommen. Oft gibt es eine solche authentische Erfahrung ja gar nicht. Man hat ein Erlebnis und denkt sich: Das ist wie im Film oder wie in einem Roman. Aber eigentlich ist es umgekehrt: Der Film ist wie das Leben – oder anders gesagt: Es ist unklar, was zuerst da war, weil man seine Emotionen so stark vermittelt durch Medien erlebt.

Das ist ja im Grunde auch das Thema Ihres Romans. Anfangs denkt man, es geht um ein ganz normales Mädchen, das entdeckt, dass ihr Freund ein Doppelleben führt – wobei man nie erfährt, was für Verschwörungstheorien er verbreitet und warum. Aber in gewisser Weise bekommt man im Lauf des Buchs den Eindruck, dass Felix nicht einfach bloß ein sozial gestörter Ausnahmefall ist, sondern eher so etwas wie eine Extremform dessen, was in sozialen Medien die Regel ist. Es geht ganz grundlegend um die Frage, wie eine Identität entsteht, indem man Leuten Geschichten erzählt.

Ja, das stimmt. Ich wollte sichergehen, dass man nie wirklich Felix’ Version der Geschichte oder seine Motive erfährt. Es sollte keine Katharsis geben. Zu der Zeit, in der die Romanhandlung spielt, kurz nach der Wahl Donald Trumps, wurden in den USA jeden Tag Dinge in den Nachrichten berichtet, die man davor für unmöglich gehalten hatte. Und in den sozialen Medien haben Leute in aller Öffentlichkeit bizarre Geschichten erzählt und sich unglaublich rücksichtslos verhalten. Es war teilweise erstaunlich, wie gut sie damit durchkamen, obwohl offensichtlich war, was sie taten. Felix, meine Romanfigur, ist natürlich nicht wie Donald Trump, er verkörpert eher das Prinzip Trump. Man steht fassungslos da und kann nicht glauben, was passiert. Man ist zwar ziemlich sicher, dass die Person nicht wirklich ernst meint, was sie sagt, aber man weiß es nicht, und man kann es auch nie wirklich mit Sicherheit wissen.

Auch Ihre Protagonistin macht sich dieses Prinzip in einem Selbstversuch zu eigen. Sie zieht nach Berlin, meldet sich beim Datingportal OKCupid an und nimmt verschiedene Identitäten an. Bei jedem Date verkörpert sie einen anderen Charakter. Es scheint ihr nicht so sehr darum zu gehen, Leute zu betrügen, sondern eher darum, etwas über sich selbst herauszufinden. Aber sie kommt zu keinem Ende. Als sie irgendwann jemanden offline kennenlernt und es ein nettes Date zu sein scheint, überlegt sie, ihm die Wahrheit zu sagen. Doch genau in diesem Moment läuft sie davon.

Ja. Wenn man nach der Logik romantischer Komödien geht, könnte man meinen, dass sie das tut, weil sie Angst hat, verletzlich zu sein, oder weil sie Angst vor ihrem wahren Ich hat. Aber das ist es nicht: Sie hat vor allem Angst davor, erwischt zu werden. Was wäre, wenn sie einen Typ in einer Bar trifft, mit dem sie sich schon einmal verabredet hat, und genau in diesem Moment kommt ein zweiter Typ dazu, den sie ebenfalls von einem Date kennt, und beide sprechen sie mit unterschiedlichen Namen an? Und dann kommt die Mutter der Kinder herein, auf die sie aufpasst. Und diese Mutter merkt plötzlich, dass die Erzählerin ihr völlig lächerliche Geschichten aufgetischt hat.

Die andere Erklärung für ihr Verhalten wäre, dass es gar keine „echte“ Identität gibt. Man könnte Ihren Roman ja so lesen, dass es darin vor allem um soziale Medien und um ein Problem des Internetzeitalters geht. Aber an dieser Stelle sieht es so aus, als würde sich das Problem auch in der analogen Welt nicht auflösen. Es gibt kein echtes Ich mehr hinter den Fake Accounts, oder?

Ja, ich glaube, das stimmt. Leute haben so etwas immer schon getan, nur eben unter anderen medialen Bedingungen. Das Internet hat es vermutlich bloß einfacher gemacht, Dinge über sich selbst zu behaupten. Sogar seinen eigenen Tod kann man mithilfe des Internets sehr leicht vortäuschen, wie es eine Figur im Roman tut. Das

Internet erzeugt das Phantasma, dass man alles tun kann. Genau darunter leidet die Erzählerin. Als ich mir die unterschiedlichen Identitäten ausgedacht habe, die sie bei ihren Dates annimmt, dachte ich manchmal: Vielleicht sind ja einige der Details, die sie über sich erzählt, wahr. Sie geht im Grunde nach demselben Prinzip vor, nach dem man eine Romanfigur kreiert. Man nimmt Dinge aus dem eigenen Leben und aus denen anderer Leute und kombiniert sie zu einem Charakterprofil.

Es ist interessant, dass Sie das ansprechen, weil in vielen Rezensionen auf die autobiografischen Referenzen in Ihrem Roman hingewiesen wurde. Sind diese autofiktionalen Elemente ebenfalls Teil des Spiels um die Bestimmung der wahren Identität?

Klar. Es geht immer um die Frage: Wie viele Details aus deinem Leben kannst du einfügen und ihnen trotzdem das Gefühl geben, dass sie nichts über dich wissen?

Info

Fake Accounts Lauren Oyler Bettina Abarbanell (Übers.), Piper 2022, 368 S., 24 €

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