Lieber einmal zu viel

Verkehrssicherheit Unsere Kolumnistin ist soweit: Sie will sich einen Airbag fürs Fahrrad kaufen
Lieber einmal zu viel
Knall! Puff!

Foto: Robin Van Lonkhuijsen/AFP/Getty Images

Feierabend: Ich radle unter der lauschig belaubten Wartburgstraße in Berlin-Schöneberg. Meine Haare flattern im Sommerwind. Es ist herrlich. Gleich kreuzt die Gothaer Straße. Ich schaue links in sie hinein. Ob er heute kommt? Anders als vor zwei Monaten gucke ich kaum noch nach rechts. Nicht schlau, aber als ich damals nach Leuten von rechts Ausschau hielt, rollte von links ein Volldepp mir beinahe in die Reifen. Nicht etwa, weil er mich nicht gesehen hätte, wir hatten bereits Augenkontakt gehabt. Er wollte mir eine Lektion erteilen. Ich strauchelte und rief „Hups!“ Er äffte mich aus dem offenen Fenster und brüllte: „Vielleicht nächstes Mal gucken!“ Verwirrt und sprachlos radelte ich weiter.

Hatte der wirklich Vorfahrt gehabt? Mehrtägige penible Überprüfungen am Tatort ergaben: Nein. Der Typ hatte sich das einfach eingebildet. Seitdem hoffe ich auf ein Wiedersehen. Dann bin ich natürlich schlagfertiger. „Wie? Nächstes Mal gucken soll ich?“, pfeife ich ihn an, während ich langsam zu seinem Autofenster schreite: „Vielleicht könnte ich nächstes Mal auch die Polizei rufen! Moment, warten Sie, es ist ja schon nächstes Mal ...“ Und dann zücke ich mein Handy. Oder ich tue ganz ahnungslos: „Ja, was genau soll ich denn bitte gucken?“ Im Grunde bin ich froh, dass das Wiedersehen noch bevorsteht, damit ich mir bessere Entgegnungen ausdenken kann, witzigere, vernichtendere. Welche könnten das sein? Während ich sie vor mich hin murmle, schießt plötzlich ein Autoheck vor mir aus den Parklücken. Ich wieder: „Hups!“, kann aber gerade noch rechtzeitig eine Kurve fahren. Zum Glück ist hinter mir keiner. Die erschreckte Autofahrerin macht entschuldigende Zeichen. Ich trete weiter.

Im Allgemeinen fahre ich vorsichtig, aber eben auch viel, gut zwei Stunden jeden Tag – quer durch Berlin. Im Berufsverkehr. Ich fahre in Schlangenlinien, damit Autofahrer den größtmöglichen Abstand zu mir halten. Ich biege niemals links ab. Ich beharre nie auf meiner Vorfahrt, außer in der Wartburgstraße. Dennoch: Autotüren können unvermutet aufgerissen werden, und dann heißt es nachher: Wieso trug diese Tante keinen Helm? Unverantwortlich! Ist es Verleugnung? Ist es Dummheit? Borniertheit? Bequemlichkeit? Oder ist meine Risikotoleranz wirklich so hoch?

Für die normalen Helme habe ich Rechtfertigungen parat. In manchen Fällen mögen sie schützen, in anderen aber auch nicht. Der sogenannte Fahrrad-Airbag allerdings, der sich im Fall der Fälle wie eine riesige Trockenhaube über den Kopf stülpt, der leuchtet mir eher ein. Mittlerweile tragen schon sechs Leute, denen ich jeden Morgen begegne, so ein blinkendes Halseisen. Im Treppenhaus begegne ich meiner Nachbarin – auch sie mit der neuen Halskrause. Am Abend schaue ich mir auf Youtube Crashtests mit diesem Helm an. Tolle Sache. Was aber passiert, wenn der Airbag aufgeht und ich trage meinen Regenhut? Wenn ich gleichzeitig dann noch eine Airbag-Weste trage, bin ich sicher erwürgt.

Der Airbag kostet mehr als mein Fahrrad. Im Gegensatz zu Letzterem kann er nur ein einziges Mal seine Funktion erfüllen. Dann ist er kaputt. Das Internet rät, ihn auf stark holperigen Straßen lieber kurz auszuschalten. Denn – wie der Hersteller schreibt: Der Airbag reagiert lieber einmal zu viel als einmal zu wenig. Raffiniertes Geschäftsmodell!

Ich spare jetzt auf ein Exemplar. Dann, eines Tages in der Wartburgstraße: Ich radle, die Haare flattern im Wind, es ist der Tag der Tage, von links rollt der Volldepp heran, will mir Lektion Nummer zwei erteilen. Ich bremse so ruckartig, dass direkt vor seiner Windschutzscheibe der Airbag zündet. Und Knall! Puff! Ich verwandle mich in eine Art Alien. Das wär’s.

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06:00 22.09.2021

Ausgabe 38/2021

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