Mal ick mal selbst

Metaebenen Der Schauspieler Ryan Gosling debütiert mit „Lost River“ als Regisseur
Andreas Busche | Ausgabe 22/2015
Mal ick mal selbst
Hollywoods heißestes Dauerversprechen Ryan Gosling - jetzt auch hinter der Kamera

Foto: Ian Gavan/Getty Images

Eher sporadisch hat sich das US-Independentkino in den vergangenen 20 Jahren am amerikanischen „Armutsatlas“ abgearbeitet – dafür aber immerhin einigermaßen systematisch von Süden nach Norden. David Gordon Greens George Washington, Debra Graniks Winter’s Bone, Kelly Reichardts Wendy and Lucy, Alma Har’els Bombay Beach und Beasts of the Southern Wild von Benh Zeitlin bilden einen informellen Kanon, die letzten Spuren eines sozialen Bewusstseins im aktuellen US-Kino, das von gesellschaftlichen Verteilungskämpfen lieber im Format des Superhelden-Blockbusters und Endzeitspektakels erzählt.

Mit Lost River, dem Regiedebüt von Hollywoods heißestem Dauerversprechen Ryan Gosling, erreicht der Elendszug den prekären Norden der USA. Detroit war schon in Jim Jarmuschs melancholischem – O-Ton Jarmusch – Ruinenporno Only Lovers Left Alive der heimliche Star. Die heruntergekommenen Fassaden der einstigen Motor City waren die prächtige Kulisse für die ewige Liebesgeschichte eines Vampirpärchens. Die Totenstätte der Industrialisierung als Sehnsuchtsort der Untoten.

In Lost River, gedreht in den zugewucherten Randbezirken Detroits, geht der Trend schon wieder in die entgegengesetzte Richtung. „Verschwinde nach Süden“, rät der alte Schrotthändler dem 16-jährigen Bones, der tagsüber verlassene Häuser nach verwertbaren Armaturen durchstöbert, „hier gibt es nichts mehr zu holen.“ Das Städtchen Lost River, teilweise von einem Stausee überflutet, wird terrorisiert von Immobilienspekulanten und einem psychopathischen Homeboy names Bully, dessen goldene Paillettentrainingsjacke wohl als Hommage an Goslings Silberblouson aus Drive zu verstehen ist.

Während Räumkommandos leerstehende Wohnhäuser demolieren, rollt Bully im schrottreifen Cabrio durch die Straßen und markiert sein Territorium. Bones’ Mutter Billy (Christina Hendricks, „Joan“ aus Mad Men) muss hilflos mit ansehen, wie die Stadt vor die Hunde geht. Den Kredit auf ihr Haus kann sie nicht mehr zurückzahlen, also lässt sie sich auf die Einladung eines Bankmanagers, eines reisenden Finanzkrisenabwicklers (so bedrohlich wie souverän schmierig: Ben Mendelsohn), in dessen Nachtclub ein, in dem gut situierte Kunden ihre bizarren Perversionen ausleben. Bone wiederum glaubt, seine Familie mit Hilfe einer urbanen Legende vom ökonomischen Fluch erlösen zu können: Auf dem Grund des Stausees soll das Geheimnis von Lost River liegen.

Mit seinen Anleihen beim magischen Realismus und beim blutigen Grand-Guignol-Theater passt Lost River in die sozialethnografische Tradition des jüngeren amerikanischen Independentkinos. Bei der Kritik kam Goslings Regiedebüt allerdings schlecht weg, insofern kann man den Film auch als Seismografen für das ambivalente Verhältnis des Schauspielers zu seinen Fans sehen. Gosling geht schon länger auf Distanz zum Rollenklischee des wortkargen Einzelgängers (Steve McQueen) mit den sensiblen Augen (James Dean), das seit seinem Überraschungserfolg Drive fest an ihm haftet.

Lost River ist eine etwas unglückliche Gegenstrategie, weil der Film einerseits gezielt alle Erwartungen unterläuft, Gosling sich mit seinen künstlerischen Ambitionen aber automatisch des Narzissmus verdächtig macht. Dabei sind seine Einflüsse kein Geheimnis. Im Abspann dankt er an erster Stelle Guillermo del Toro, Nicolas Winding Refn, Derek Cianfrance und Terrence Malick, die ihre Spuren in den referenzgesättigten Bildern hinterlassen haben. Mit seiner hypertrophen Mischung aus lyrischen Phantasmagorien (Del Toro), Gewalt (Refn), Sozialrealismus (Gianfrance) und ätherischem Raunen (Malick) ist Lost River eine Art Metatext des gegenwärtigen US-Arthousekinos. Das kann man vermessen finden, aber auch sympathisch. Problematisch ist einzig, dass Armut in den USA hier nur als folkloristisches Zitat fungiert.

Info

Lost River Ryan Gosling USA 2014, 95 Minuten

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

06:00 10.06.2015

Ausgabe 37/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare