Mein Mann, der ist aus Stroh

Literatur Auch in Yukiko Motoyas neuestem Erzählband „Die einsame Bodybuilderin“ geht es wieder surreal zu
Mein Mann, der ist aus Stroh
Planquadrate sind was für Weicheier: Fitnessstudio in Mexico City

Foto: Alfredo Estrella/AFP/Getty Images

„Als ich nach Hause kam, guckte mein Mann Boxen.“ Von den muskulösen Körpern fasziniert, beschließt die namenlose Ehefrau, Bodybuilding zu betreiben. Bereits nach ein paar Monaten wird ihr Körper muskulöser. Doch ihr Mann bemerkt nichts. Als sie eines Abends aus Verdruss ihren mit Bräunungsöl eingeriebenen Körper fast nackt vor ihrem Mann in Pose bringt, fragt er verdutzt: „Was ist das? Reizwäsche?“

So herrlich pointiert eröffnet die 42-jährige japanische Schriftstellerin Yukiko Motoya die Titelgeschichte ihres Erzählbands Die einsame Bodybuilderin. Auf dem ostasiatischen Inselarchipel ist Motoya längst keine Unbekannte mehr: 2013 wurde ihr der renommierte Kenzaburō-Ōe-Preis für den Erzählband Arashi no pikunikku (Picknick im Sturm) verliehen. Gemeinsam mit der ebenfalls prämierten Geschichte Ehe mit einer fremden Spezies liegen nun neun weitere Storys auf Deutsch vor.

Erfolg auf westlichen Bühnen hatte Motoya bereits zuvor: Ihr Roman Funuke. Show Some Love, You Losers! wurde von Daihachi Yoshida unter dem gleichen Titel verfilmt und beim Filmfestival in Cannes 2007 aufgeführt. Es ist eine aberwitzige Hommage an den Horror-Manga und dessen Autor*innen. Horror-Mangas gehören genauso zu Yukiko Motoyas Vorbildern wie die Krimischriftsteller*innen Agatha Christie, Arthur Conan Doyle und Edogawa Rampo. Kein Wunder also, dass sich viele ihrer Erzählungen dem Mystery- oder Horror-Genre widmen. So irritieren die meisten mit einer surrealen Eigenschaft in einem ansonsten realistischen Alltag. Die letzte Geschichte in Die einsame Bodybuilderin etwa handelt von einem Ehemann, dessen Körper aus Stroh ist – und keine der Figuren scheint es zu kümmern. Es erinnert an Menschen, die sich Sex-Puppen anschaffen, um mit ihnen eine ganzheitliche Beziehung zu führen. Auch die Robotisierung der japanischen Gesellschaft kann eine Lesart dieser Strohpuppe sein. Motoya scheint uns Leser*innen zu fragen, was die zunehmende Technisierung aus Menschen im Allgemeinen und Frauen im Besonderen macht.

Überhaupt scheint in den meisten Geschichten das Verhältnis zwischen Frauen-Emanzipation und Macho-Tradition im Mittelpunkt zu stehen. Meist versuchen die Protagonist*innen diesem Widerspruch gerecht zu werden, doch es bleibt ein zum Scheitern verurteiltes Unterfangen. Ein Beispiel dafür ist die Erzählung Ich rief deinen Namen. Darin geht es um eine erfolgreiche Chefin, die unter Druck gerät, weil sie glaubt, sie zähle nur halb so viel vor ihren meist männlichen Untergebenen, da sie weder einen Ehemann noch einen Freund hat. Diesen gesellschaftlichen Druck kennt man auch hierzulande: Christiane Rösinger hat in Liebe wird oft überbewertet darüber geschrieben. Motoyas Storys hingegen erinnern an Erzählungen der argentinischen und in Berlin lebenden Schriftstellerin Samanta Schweblin (Die Wahrheit über die Zukunft) – allerdings in einem leichteren, humorvolleren Ton. Das liegt nicht zuletzt an den guten Dialogen, die wie aus dem Leben gegriffen sind. Mit ihrem nüchternen, zurückhaltenden Stil sensibilisiert uns Yukiko Motoya für Probleme, die Frauen im Alltag begegnen. Fehlende Anerkennung von Männern und der Gesellschaft insgesamt macht sich emotional bemerkbar. Der einzige Ausweg für ihre Protagonist*innen: sich aus der Situation zu befreien oder aber die Männer zu bestrafen. Eine solche Drastik kennt man aus Opern von Giacomo Puccini, wo starke Frauen sich selbst ermächtigen oder sich umbringen, siehe etwa Tosca oder Madama Butterfly. Puccinis und Motoyas Tragödien als Ergebnisse ungleicher, frauenfeindlicher Gesellschaftsnormen: Das ist eine Lesart, die diesem wichtigen Band gerecht wird.

Info

Die einsame Bodybuilderin. Storys Yukiko Motoya Ursula Gräfe (Übers.), Blumenbar 2021, 240 S., 20 €

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06:00 19.10.2021

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