Moor is less

Medientagebuch Der Rundfunk Berlin-Brandenburg versucht sich an einer neuen Literatursendung, in der es allerdings um Literatur gar nicht geht, sondern etwa um "prominente Leser"

Man möchte meinen: Solange Verlage noch sechsstellige Vorschüsse für die unlesbarsten Bücher der Saison zahlen, kann es um den Buchmarkt so schlimm nicht bestellt sein. Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk sieht man das traditionell anders, und deshalb startet der RBB nun eine Hilfsaktion. Trotz der Erfahrung, dass die Ultima Ratio nur in der Einzahl taugt, werden gleich zwei davon angeboten: einerseits der Moderator Dieter Moor, dessen viel zitierte Naturverbundenheit (Bauer sucht Kultur) ihn zum idealen Kulturentschärfer macht, und andererseits der bestimmte Artikel, der alles Allgemeine flugs zum Original erhebt. Bücher und Moor heißt das Format, und laut Unterzeile handelt es sich nicht um irgendeine, sondern um Die Literatursendung.

Während dem zweiten Teil des Kompositums, der „Sendung“, schwerlich widersprochen werden kann, sucht man nach der Literatur vergeblich. Das liegt wohl daran, dass keine Redakteurin die Beiträge verantwortet, sondern eine als „Literaturagentin“ vorgestellte Interviewerin, die de facto natürlich RBB-Redakteurin ist, aber sichtlich Gefallen daran findet, so zu tun, als sei sie eine „Literaturagentin“. Statt Bücher stellt sie Menschen vor, sie fragt nach Gefühlen, lächelt mal in Zeitlupe und sorgt für eine naheliegende, Bürgers Puls aber dezent erregende Umgebung. Reinhard Kleist, den Autor der Graphic Novel Der Boxer, trifft sie in einem Boxklub; Jakob Arjouni an einem regnerischen Tag auf einer leeren Café-Terrasse; Daniela Dröscher, deren Roman Pola vom Leben der Stummfilmschauspielerin Pola Negri erzählt, in einem Studio in Babelsberg.

Was das Besondere der Bücher dieser drei Autoren ist? Leichter gesagt als gedacht. Das erste ist „einfühlsam“, „glaubwürdig“ und „so eindringlich, dass man als Leser das Gefühl hat, diesem Leben sehr nahegekommen zu sein“. Das zweite enthält „viele Lebensweisheiten, und auch die klingen anders“, und das dritte ist „so flirrend und kurzweilig wie das Leben, das Pola Negri geführt hat“.

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Soweit die Binnenerzählungen, die Dieter Moor in der Rahmenhandlung mit einem „prominenten Leser“ (in der ersten Ausgabe meistert Dani Levy diesen Part mit mehreren „Wahnsinn!“-Seufzern) bespricht. Das soll offenbar den Höhepunkt von Bücher und Moor darstellen: Am Ende wird dieser „prominente Leser“ gefragt, welches der Bücher – ohne sie gelesen zu haben, allein aufgrund der Aussage der „Literaturagentin“ über das viele „Leben“ darin – er nun als erstes lesen würde.

Es folgt der Epilog, und es ist – pardauz! – die Literatur selbst, die nun quasi als Abspann auftritt, indem eine Schriftstellerin an einem Schreibtisch an einer viel befahrenen Straße sitzt und ihre RBB-Auftragsarbeit vorliest. Vorgegeben ist der erste Satz („Eigentlich hätten wir glücklich werden können“) sowie eine Länge von höchstens 200 Wörtern. Die Idee dazu stammt weder von „Moor“ noch von der „Literaturagentin“, sondern vom Stuttgarter Stadtmagazin Lift, das diese Rubrik inklusive desselben ersten Satzes vor vielen Jahren erfunden hat. Ein derart offenkundiger Mangel an Inspiration und Gegenwärtigkeit scheint jedoch niemanden der Bücher und Moor-Verantwortlichen irritiert zu haben – sodass man jetzt schon ahnt: Wenn die Sendung nicht läuft, wird das Fernsehen ein weiteres Mal den Büchern die Schuld in die Schuhe schieben. Und nicht im Traum darauf kommen, dass des Zuschauers Desinteresse womöglich daran liegt, dass diese Bücher gar nicht vorkommen.

Katrin Schuster rezensierte im Freitag zuletzt Ulf Erdmann Zieglers Roman und bloggt auf katrinschuster.de

15:45 20.09.2012
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