Motto: Bitte durchhalten

Bühne Vor einem Jahr war Streaming Notbehelf, nun zeigt das 58. Berliner Theatertreffen online große Theatermomente
Motto: Bitte durchhalten
Digitales Theater? Soll keiner behaupten, es sei nicht möglich

Foto: Berliner Festspiele/Eike Walkenhorst

Das 58. Berliner Theatertreffen ist also eröffnet. Alles online, anstrengend, aber trotzdem nicht uninteressant. Der Jahrgang wird in Erinnerung bleiben als der Moment, in dem die Theater technisch hochgerüstet live ohne Publikum spielen, das natürlich trotzdem in der Ferne angesprochen werden muss. Auch hybrides Theater basiert auf wechselseitiger Liebe. Letztes Jahr – sechs Wochen Lockdown hatten das Theatergeschehen zum völligen Stillstand gebracht – zeigte das Theatertreffen vor allem ins Netz gestellte Aufzeichnungen als Notbehelf.

Mit dem Stück Einfach das Ende der Welt von Jean-Luc Lagarce (Schauspielhaus Zürich) wurden nun die Top Ten gestartet und Regisseur Christopher Rüping begrüßte die Zuschauer im leeren Theater, das heißt mit Blick auf die leeren Stuhlreihen im Parkett. Das ist jetzt offenbar Standard. Gob Squad haben daraus mit Show Me a Good Time praktisch ein ganzes Live-Stück gemacht, das über zwölf Stunden zwischen publikumslosen Theaterräumen und den Akteuren irgendwo unterwegs in der Welt pendelt. Motto: Bitte durchhalten beim „connect with the world“-Distanztheater über Smartphone. Damit werden auch neue Unterscheidungen erkennbar. Das Theater findet zwar live statt, wird aber eigentlich nicht so erlebt. Das ist der Unterschied zur „Liveness“, mit der sich das Theater in der jetzt gängigen Praxis von der Dauerverfügbarkeit der Filmplattformen und Mediatheken unterscheiden will, und „live erleben“ ist doch etwas anderes. Das beklemmendste Bild dazu ist, wie die mit dem Theaterpreis der Stiftung Preußische Seehandlung ausgezeichnete Schauspielerin Sandra Hüller mit einem Blumenstrauß im Arm in der riesigen Leere des Theaters stand. „Live“, aber nicht lebendig.

Thomas Oberender, Intendant der Berliner Festspiele und dazu Erforscher neuer Theaterformen, spricht von einem „immensen Qualitätssprung“ in der digitalen Präsentation von Theater. Was sich sonst allmählich über Jahre entwickelt hätte, wurde nun in einem Zeitrahmen von wenigen Monaten erzwungen.

Avatar im Schlender-Garten

Bis zu 30 Leute arbeiten zusätzlich im Online-Bereich des Theatertreffens, bei dem auch alle Begleit- und Zusatzveranstaltungen gestreamt werden. Ja, sogar den berühmten Schlender-Garten hinterm Theater in Berlin-Wilmersdorf kann man als Avatar besuchen.

Ob Theater als Live-Film auch einen ästhetischen Zugewinn bereithält, darüber wird noch viel gestritten werden. Ein exzellentes Beispiel ist Der Zauberberg in der Regie von Sebastian Hartmann am Deutschen Theater. Gut, der Roman ist ohnehin ein Pandämonium von Sterbens- und Scheinkranken in Luxusisolation, und Hartmann braucht das gar nicht weiter auszudeuten oder in unsere Gegenwart zu übersetzen. Vielmehr konzentriert er sich auf das Zusammenspiel von Kameras und den meist einsamen Akteuren davor. Dafür benutzt er immer wieder ein Mittel, das dem Theater prinzipiell nicht zur Verfügung steht: die Überblendung. Es ist also diese Ebene einer Live-Regie der Bilder, die der Regisseur dem Theater hinzufügt, mit beachtlichen Eindrücken am Bildschirm, den man dafür so groß wie möglich haben sollte. Dann könnte tatsächlich das Distanztheater zum Naherlebnis werden, bis sich die Reihen der Theatersessel hoffentlich bald wieder füllen.

Info

58. Berliner Theatertreffen berlinerfestspiele.de, noch bis 24. Mai

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06:00 23.05.2021

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