Proustisch oder, wie Frauen schreiben: Professor Schütz empfiehlt Sachbücher

Sachlich richtig Wie jeden Monat empfiehlt unser Autor Sachbücher: Prof. Erhard Schütz liest über das Jüdische bei Proust und von schreibenden Frauen, die in Vergessenheit gerieten. Über den Glamour als lustvoll geführte, wirksame Waffe
Geschlechterkampf und Feminismus: Man hüte sich, die „Neue Frau“ der 1920er Jahre nur auf ihren Bubikopf zu reduzieren
Geschlechterkampf und Feminismus: Man hüte sich, die „Neue Frau“ der 1920er Jahre nur auf ihren Bubikopf zu reduzieren

Foto: Imago/imagebroker

Noch einmal Proust, zum 100. Todestag im November. Wiewohl man um die jüdische Herkunft und ihre Bedeutung für Proust weiß, steht sie doch in der Wahrnehmung tief im Schatten der Frage nach der Homosexualität. Auch wenn er selbst katholisch und säkular erzogen worden war, spielte für ihn das jüdische Erbe mütterlicherseits eine große Rolle, schon wegen des grassierenden Antisemitismus. In seinem frühen Roman Jean Santeuil ist vor allem der skandalöse Umgang mit dem jüdischen Hauptmann Dreyfus ebenso präsent wie dann in der Recherche.

Abgesehen von der eindeutigen Positionierung im Fall Dreyfus spielt Proust immer wieder Ambivalenzen durch, erprobt in seinen Versuchsanordnungen die Elemente und Wirkungen der Vorurteile im Wechselspiel mit dem Tatsächlichen und den eigenen Erfahrungen. Andreas Isenschmid hat hier auf höchst bewundernswerte, subtil gelehrte wie ausnehmend elegante Weise die Zusammenhänge des Jüdischen bei Proust so entfaltet, dass sie weit darüber hinaus bedeutsam sind.

Ein anderes Kapitel sind Prousts Frauenfiguren, Hochadlige und Salonnières und dann die kapriziösen Geliebten, durch deren Konturen die realen männlichen Geliebten durchscheinen. In den 1920ern gehörte es zum schlechten Ton konservativer Kritik, die realen jungen Frauen, androgyn im Auftritt, als larvierte Männer zu titulieren. Dass die damals so heiß diskutierte und zu unserer Zeit immer mal wiederentdeckte „Neue Frau“ keineswegs auf Bubikopf mit Autokappe festzulegen ist, ist hinlänglich bekannt. Die zeitgenössischen Texte von Frauen über ihresgleichen – alles, was Rang und Namen hat –, die Brigitte Landes hier versammelt hat, führen das aufs Vielfältigste vor: die Funktion von Mode im Geschlechterkampf, die Rolle von Sport und Autofahren, das Spektrum der neuen Frauenberufe, der Traum von der Filmkarriere, das „verruchte“ Nachtleben und der Großstadtalltag, all das entfaltet ein höchst vielfältiges Panorama. Nicht zuletzt aber das: Hier zeigt sich einmal mehr die ganze Bandbreite des weiblichen Schreibens zwischen bissigem Witz, aufgesetzter Frivolität und komplexer Abgründigkeit.

Unter den dominanteren Spielarten der damals neuen Frau – Dame, Flapper, Girl, Garçonne – ist der Flapper ein besonders interessanter Typus, nicht nur, weil er aus den USA nach Europa migrierte, real oder medial. Sondern weil sich unter diesem Sammelbegriff dubioser Eigenschaften wie „oberflächlich“, „berechnend“, „skrupellos“ oder „unstet“ Frauen wiederfanden, die auf verschiedenste Weise unterschiedlich erfolgreich waren in der Rebellion gegen die überkommene Männerwelt. Hedonismus und Glamour als lustvoll geführte, wirksame Waffen. Ob aus reichem Haus oder der Aristokratie, von unten oder aus dem Abseits – sie brachten die dubios feine Gesellschaft real genauso durcheinander wie via Film, Magazin oder Illustrierte. Judith Mackrell hat die bekanntesten plastisch porträtiert: Nancy Cunard oder Tamara de Lempicka ebenso wie Zelda Fitzgerald oder Josephine Baker. Nicht zuletzt: Von ihnen aus gesehen sind Figuren wie Kim Kardashian gar nicht mehr so neu.

Auch wenn es ungebührlich Platz wegnimmt, sei hier doch die bayerische Schriftstellerin Emerenz Meier zitiert: „Hätte Goethe Suppen schmalzen, / Klöße salzen, / Schiller Pfannen waschen müssen, / Heine nähn, was er verrissen, / Stuben scheuern, Wanzen morden, / ach, die Herren, / alle wären / keine großen Dichter worden.“ Nun, von den 25 Schriftstellerinnen, deren Leben und Werk hier knapp, aber mit Leseproben und Weiterführendem vorgestellt werden, von Gabriele Reuter und Gertrud Kolmar hin zu Inge Müller, Maxie Wander oder Diana Kempff, haben einige für die obigen Tätigkeiten Personal gehabt, andere sind eher Personal gewesen. Doch war es nicht so sehr die heimische Haushaltssorge wie die Knausrigkeit der Mit- und Nachwelt in puncto Anerkennung und Respekt, die sie entweder in Vergessenheit oder in die zweite Reihe geraten ließ. Nicht zu vergessen die jeweiligen von Männern verantworteten Zeitumstände. So ist das hier hoffentlich kein Friedhofslageplan, sondern eine Handreichung zur fürderhinnigen Wiederauferstehung!

Das „Lärmen für Literatur, ganz heiß, ganz aktuell“ hat längst, sagt Gerhard Stadelmaier, „das verdienstvolle Lesen ersetzt“. So weit, so ungut. Das ist nicht neu. Wie vieles, worüber er schreibt, zum Beispiel Sprachhülsen, hemmungsloses Duzen, die Allgegenwart von Tattoos oder der Zustand des deutschen Gegenwartstheaters, das er, der 15 Jahre Starkritiker der FAZ war, bestens kennt, ob nun die obstinate Schreierei oder die notorische Verwechslung mit dem Leben. Aber es trifft zu, und vor allem trifft er, scharfäugig und stilsicher, mal süffisant, mal anrührend, mal sarkastisch, hinein in all das, was man resigniert bis abgestumpft inzwischen hinnimmt. Seine szenischen Miniaturen sind Stück für Stück ein Genuss, zugleich wirkungsvolle Impfung. So weit dafür gelärmt …

Der Elefant im Raum. Proust und das Jüdische Andreas Isenschmid Hanser 2022, 240 S., 26 €

Auftritt: Die Neue Frau Brigitte Landes Insel 2022, 142 S., 14 €

Die Flapper Judith Mackrell Susanne Hornfeck, Viola Siegemund (Übers.), Insel 2022, 624 S., 28 €

„Ich finde es unanständig, vorsichtig zu leben“. Auf den Spuren vergessener Schriftstellerinnen Iris Schürmann-Mock Aviva 2022, 288 S., 22 €

Deutsche Szenen Gerhard Stadelmaier Kröner 2022, 156 S., 22 €

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