Schiller mit Hofrat Goethe

Posse Es lebe das skurrilste Ermittlerduo noch vor Sherlock Holmes und Dr. Watson
Schiller mit Hofrat Goethe
In "Durch Nacht und Wind" werden die beiden Poeten zu Ermittlern
Foto: imago/photo2000

Wir schreiben die Jahre 1797 – 1799. Die Freundschaft zwischen Goethe und Schiller gleicht der von Dioskuren. Vergessen ist jene Zeit als der Jüngere durch Anhänglichkeit Goethes Nerven traktierte, der in Schiller nur einen Rivalen sah, während dieser sich in Hass beim Vergleich mit dem von ihm zum Olympier erhobenen Goethe aufrieb. Unlängst erst hatten beide, zum Höhenflug bereit, der zeitgenössischen literarischen Welt den Krieg erklärt und mit dem Literaturskandal von 1797, dem „Xenienalmanach“, einen Riesenerfolg gelandet.

Von Harmonie kann an jenem Märzmorgen, als die Depesche der Herzogin, Mutter des Weimars Regenten Carl August, bei Goethe eintrifft, keine Rede sein. Goethe scheint der alten Hypochondrie erlegen, während Schiller mehr denn je seines Fixsterns bedarf. Nur unwillig folgt man der Bitte Anna Amalias, den Großherzog N. zur Vernunft zu bringen. Der Großherzog, wie sich herausstellt, ein dreister Kulturbanause, ist durch einen Brief verstört, in dem behauptet wird, dass ein sich in seinem Besitz befindender Smaragdring mit einem Fluch beladen sei. Die Vorsehung ziehe unfehlbar den Tod seines Besitzers nach sich. Das Unerhörte tritt ein, Großherzog N. wird tot in einer verschlossenen Kiste aufgefunden. Um einen Skandal abzuwenden, sind Geheimrat Goethe und Hofrat Schiller gefordert, den Fall möglichst diskret zu untersuchen. Wer ist der Verfasser des Briefes wirklich? Dieser Professor Kranigk aus Erfurt, das erkennt der Stilist Goethe am miserablen Schreibstil des Mannes, muss ein veritabler Scharlatan sein. Was nun folgt, das ist eine ungemein amüsante Detektivgeschichte voller merkwürdiger Ereignisse und Erscheinungen, in der die Rollen klar verteilt sind: Goethe gibt den Ton an, Schiller den unverzichtbaren Assistenten und Chronisten einer Erzählung, die aus staatspolitischen Gründen 150 Jahre unter Verschluss liegen soll.

Goethes Haus in Weimar als Vorbild für die 21B Baker Street, die Londoner Adresse von Sherlock Holmes? In Durch Nacht und Wind spielt der Comedian und Autor Stefan Lehnberg auch damit. Hier sind es Goethe und Schiller, die auf unterhaltsame Weise mittels Persiflage der Klassiker-Sprache gekitzelt, durch die Ereignisse geneckt und, wenn ihnen der Gegner entwischt, vorgeführt werden.

Revanche für die Xenien? Der schon zu Lebzeiten zum Denkmal erhobene Goethe, aus Höhenangst auf dem Boden des gestohlenen Heißluftballons der Montgolfiers kauernd, während Schiller, die Ruhe bewahrend, in entscheidenden Momenten ausgerechnet von seiner verhassten Militärarztzeit profitiert, das ist ungemein komisch. Der Lächerlichkeit entkommen beide, da Lehnberg „Dichtung und Wahrheit“ geschickt ineinander verdreht. Der literarische Kniff dabei ist sein ironisches Zitieren novellistischer Erzähltechnik: unerhörte Begebenheiten, der Wendepunkt, der Umschlag von Nichtwissen in Wissen, statt Symbolik Zitate sowie Versatzstücke aus den Werken beider Klassiker. Die Spuren legt Lehnberg so deutlich, dass man sich selbstironisch an die Nase fasst, erinnert man sich.

Lehnberg hat mächtig im „Balladenjahr 1797“ geräubert: der Titel eine Anspielung auf den Erlkönig, der zermarterte Prinz auf Die Kraniche des Ibykus, und der verfluchte Ring? Schillers Freund Körner hielt den Stoff von Der Ring des Polykrates noch für zu trocken, ohne eine menschliche Hauptfigur und für diese die „stärkste Beleuchtung“. Es scheint als habe Lehnberg eine saftige Fußnote zum Ring des Polykrates schreiben wollen, mit einem Goethe im Mittelpunkt und Schiller als Beleuchter.

„Das alles kann in einem Zug genossen werden“, lässt sich zwischendrin lesen. Durch Nacht und Wind ist eine herrliche Zerstreuung für ein von Mord und Totschlag überspanntes Lesepublikum.

Info

Durch Nacht und Wind Stefan Lehnberg Tropen 2017, 237 S., 15 €, als Hörbuch: Audio-Verlag, gelesen von Oliver Kalkofe, 19,99 €

06:00 27.04.2017

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