Sehr lustig, sehr hart

Film Mit „Parasite“, einer cineastischen Parabel zum modernen Klassenkampf, gewann der Koreaner Bong Joon-ho die Goldene Palme in Cannes
Sehr lustig, sehr hart
Morgens über der Kloschüssel ist das W-Lan noch in Ordnung

Foto: Prod. DB/Imago Images

Ein hohes Gut sei das soziale Netz, heißt es. Aber wen kratzt das, wenn man plötzlich kein Netz mehr hat? Die Handys sind gesperrt, und jetzt haben die Nachbarn auch noch das W-Lan-Passwort geändert. In ihrer Souterrainwohnung kann Familie Kim nur mehr im hintersten Winkel neue Whatsapp-Nachrichten empfangen, direkt über der Kloschüssel nämlich. In dieser Bruchbude verdient sich die vierköpfige Familie vorübergehend mit dem Falten von Pizzakartons das nächste Abendessen: Bier und Chips.

Alles im Leben der Kims, der Protagonisten von Parasite, einer so bunten wie bösen Satire des koreanischen Regisseurs Bong Joon-ho, wirkt provisorisch. Ihr Status innerhalb der koreanischen Gesellschaft ist äußerst fließend. So könnte ihr armseliger Hausrat jederzeit vom Hochwasser nach dem nächsten Gewitter weggespült werden, Passanten und Besoffene verwechseln die schmale Fensterfront ihrer Wohnung gerne mit einem Pissoir oder Kotzbecken. Aber die Kims sind auch radikal wandlungsfähig. Auf Empfehlung eines Freundes (und mit ein paar Photoshop-Tricks, um die nötigen Dokumente zu fälschen) bekommt der Sohn die Gelegenheit, sich als Englischlehrer für ein Mädchen aus der Oberschicht neu zu erfinden. Sobald für ihn das kameraüberwachte Portal zur Luxusvilla der Familie Park aufgeht, tun sich nach und nach auch für Vater, Mutter und Schwester Kim neue Türen auf. Am Ende wird klar: Einige davon wären besser zugeblieben.

Parasite ist eine Komödie mit viel schwarzem Humor und ein bisschen Splatter, die im Grunde von tragischen Ereignissen handelt. Locker erzählt und niederschmetternd, sehr lustig und sehr hart. Für seine Geschichte vom Aufeinandertreffen zweier Familien vom unteren und oberen Ende der Einkommensskala wurde Bong Joon-ho dieses Jahr mit der Goldenen Palme in Cannes ausgezeichnet. Seinen ersten Auftritt im Wettbewerb des französischen Festivals hatte er 2017 mit Okja, einer Netflix-Produktion, ausgerechnet im Jahr der großen Kontroversen um den Streamingdienst und dessen umstrittene Strategie der Kinoauswertung. Es gab Buhrufe, als im Vorspann das Logo der Produktionsfirma eingeblendet wurde, und nach den Schlusstiteln minutenlangen Applaus für den Regisseur.

Das Ringen der Außenseiter

Bong wollte immer Filmemacher werden, machte aber zuerst einen Abschluss in Soziologie. Er war an der Universität in Seoul, als die Proteste für demokratische Reformen Ende der 80er Jahre ihren Höhepunkt erreichten. Bong demonstrierte mit, verschwand aber zwischen fliegenden Pflastersteinen gerne für ein paar Stunden im Kino. In dieser Zeit realisierte er seinen ersten Kurzfilm, noch bevor er für einige Zeit an eine Filmhochschule ging.

Seit seinem ersten Spielfilm, Hunde, die bellen, beißen nicht, aus dem Jahr 2000 gilt Bong als meisterhafter Handwerker und Stilist. Und nicht gerade als Sensibelchen. Überzeichnung ist eine seiner zentralen Strategien. Man wundert sich auch in seinem jüngsten Film immer wieder, wie er so dick auftragen kann, ohne dass alles in sich zusammenstürzt. Parasite ist Klassenkampf in der K-Pop-Version. Opulent und perfekt orchestriert wird aus dem sozialkritischen Setting eine Form von Hyperrealismus. Die Figuren sind vor dem realen ökonomischen Hintergrund übersteigert ins Karikaturhafte, inszeniert vor perfekter Kulisse, in einem Film, der so wandlungsfähig ist wie seine Protagonisten.

Das Ringen von Außenseitern mit übermächtigen Autoritäten zieht sich wie ein roter Faden durch Bongs Werk. In The Host variierte er 2006 den Ursprungsmythos der Godzilla-Filme: Als Folge von Umweltsünden des US-Militärs mutiert in der Kanalisation Seouls eine Echse zu einem Monster, das es auf eine Familie von Kleinkrämern abgesehen hat. Diese Metapher auf eine Supermacht, die über wehrlose Individuen herfällt, wurde zum erfolgreichsten Film der koreanischen Kinogeschichte – und bedeutete für Bong den Durchbruch, mit dem er ironischerweise auch in den USA Aufmerksamkeit erregte.

In seinem ICE-SciFi-Action-Thriller Snowpiercer von 2013, der Verfilmung einer französischen Comicvorlage, zeigte Bong nochmals, wie gut er sich auf das Choreografieren von Geschwindigkeit und Gewalt versteht. Und von sozialen Gegensätzen. Dem Setting des überlangen, ewig durch den Schnee bolzenden Schnellzuges entsprechend wurde die Hierarchie in Snowpiercer in die Horizontale gekippt: die da vorne vs. die da hinten. In Parasite ist es wieder das klassische Oben-gegen-Unten, das sich architektonisch nicht nur in der Souterrainwohnung der Kims spiegelt, sondern auf den diversen Ebenen der Park-Villa wiederholt wird. Der großzügige Garten und das lichtdurchflutete Designerambiente der Wohnräume werden kontrastiert mit dem Atombunker und der Finsternis tief unter der Erde, in der sich weitere Überraschungen verbergen.

Parasite ist auch eine Neuinterpretation der Idee vom Klassenkampf, in vielen Momenten himmelschreiend komisch, dann wieder drastisch und blutrünstig. Die Pointe ist, dass der Kampf letztlich nicht so sehr zwischen den Klassen ausgetragen wird, sondern hauptsächlich innerhalb der sogenannten Unterschicht. Die kämpft mit dem Willen zum Aufstieg vor allem gegen sich selbst: erst mit Verstellung und Verleugnung gegen die eigene Identität, dann gegen andere, denen es genauso dreckig geht.

Von einem sozialen Netz ist längst keine Rede mehr. Hier spielt eine ganze Familie Theater, um nach oben zu kommen und nicht komplett vor die Hunde zu gehen. Und macht daraus die böseste Familienkomödie, die man dieses Jahr zu sehen bekommt.

Info

Parasite Bong Joon-ho Südkorea 2019, 132 Minuten

06:00 20.10.2019
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