So gründlich, so glatt

Nordkorea Jean Echenoz spielt in „Unsere Frau in Pjöngjang“ mit dem Spionage-Genre

Constance heißt die zentrale Figur in Jean Echenoz’ jüngstem Roman, der einem Krimi ähnelt. Constance ist keine richtige Agentin, sie zeichnet sich vielmehr durch eine hundertprozentige Ahnungslosigkeit aus. Trotzdem wird sie von oberster Geheimdienststelle für die besondere Aufgabe ausgewählt, „Nordkorea zu destabilisieren“. Ihre Qualifikation dafür ist eine lang vergangene, seinerzeit sang sie den legendären Hit Excessif.

Mit dem Produzenten Lou Tausk, der bis heute von den Tantiemen lebt, ist Constance noch verheiratet, Erpresserschreiben ihrer Entführer interessieren ihn nicht, auch nicht, als weibliche Körperteile an ihn geliefert werden. Constances Entführung, die der Vorbereitung der Aktion dient, gerät allerdings, anders als man vermuten würde, zu einer freundlichen Landpartie, Constance hat Zeit, ein umfangreiches Lexikon zu lesen, während ihre Bewacher Obstbäume schneiden und sich Gedanken über das Abendessen machen.

Der „Nordkorea-Krimi“ spielt lange in Paris und in der Creuse, und man will ihn bereits zur Seite legen, wäre es nicht ein Echenoz. Da reisen Constance und ihre Bewacher tatsächlich noch in die Volksrepublik, um Vertrauen zu schaffen, namentlich bei Gang Un-ok, der regelmäßig beim Führer Kim geladen ist. Während sich Constances Begleiter dem kommunistischen Lebensstandard anpassen, im Hotel wird nachts der Strom abgestellt, genießt sie den Luxus der dortigen Machtelite.

Unter den heutigen französischen Autoren ist Jean Echenoz der Stilist und Reduktionist, die trainierten Leser erkennen seine Sprache: die Vorliebe für Aufzählungen und Listen, die Genauigkeit in der Beschreibung der industrialisierten Welt, in der sich die nüchternen Protagonisten bewegen. Das war bereits in 14 (Hanser 2014) so, einem Roman zum Jubiläum des Ersten Weltkriegs. Der Leser erfuhr dort, mit welchem Fahrrad der junge Anthime am Tag der Mobilmachung unterwegs war, einem soliden Modell Euntes. Hier sind es nun Details wie die Jacken à la Sun Yat-sen oder die Mundspülung Odermennig, die den Leser in Atem halten.

Für die französische Literatur ist dieser Stil ungewöhnlich, und der deutschen Übersetzung ist es hervorragend gelungen, den Echenoz’schen Ton der schlichten Sachlichkeit zu treffen. Jean Echenoz schreibt immer mit der Zeit und es verwundert nicht, dass er sich mit seinem oberflächenreinen Hyper-Realismus auch des Krimis annimmt. Die Genre-Elemente setzt er wie gewohnt hypergenau um, das gemeinhin bekannte Stockholm-Syndrom wird vom Lima-Syndrom differenziert und es wird erklärt, wie eine Flucht über die demilitarisierte Zone gelingen könnte. Es gibt Täter und Leichen, Personenschützer und Killermethoden. Nur die Spannung fehlt, zumindest die, die Action-Fans erwarten. Die lebendigste Figur in diesem Roman ist der Erzähler, er strengt sich an, seine Geschichte zu erzählen, ist bald omnipräsent: „Nun sind wir ja immer besser informiert als alle anderen“, „nun wissen wir also“, noch dazu schein-objektiv: „aber wir wollen nichts dramatisieren“, dann pseudo-subjektiv: „und da ersparen wir Ihnen noch“.

Auch wenn Constance weniger smart ist als Emma Peel aus The Avengers der 1960er Jahre und mehr an die Agentin Helene in Wolfgang Herrndorfs Sand erinnert, so bleibt der Erzähler ihrer nichtssagenden Harmlosigkeit treu. Diese Kombination von ignoranter Anmut mit allwissender und gleichwohl proportionierter Berichterstattung stellt ein neues Duo dar, das der Krimi in dieser Weise – gleichzeitig vor Ort und von außen betrachtet zu sein – noch nicht kannte und deren Ermittlung in Nordkorea ein großer Erfolg ist.

Info

Unsere Frau in Pjöngjang Jean Echenoz Hinrich Schmidt-Henkel (Übers.), 272 S., Hanser 2017, 22 €

Die Bilder des Spezials

Terje Abusdal lebt und arbeitet in Oslo. Für seine Reihe Slash & Burn erhielt der 1978 im norwegischen Evje geborene Fotograf den renommierten Leica Oskar Barnack Award.

2014 studierte er in Aarhus an der Dänischen Schule für Medien und Journalismus und besuchte anschließend mehrere Meisterklassen. 2015 veröffentlichte er sein erstes Fotobuch Radius 500 Metres. In seinen Arbeiten, die in Einzel- und Gruppenausstellungen zu sehen sind, widmet er sich vor allem den Themen Identität und Migration. Die Reihe Slash & Burn entwickelte sich zu einem Langzeitprojekt. Was bedeuten Tradition und Mystik? Wann gehört man zu einem Land, zu einer Gruppe? In Slash & Burn gelingt Terje Abusdal eine magische Annäherung an die Waldfinnen, eine historische naturverbundende Volksgruppe in Skandinavien. Bei ihnen sei „ganz unabhängig von deinem ethnischen Ursprung – das Kriterium der Zugehörigkeit eindeutig: Man spürt es einfach“. Die Bilder aus Slash & Burn erscheinen 2018 im Kehrer Verlag. Im Internet findet man Zugang zuseinem Werk unter: www.terjeabusdal.com

06:00 16.11.2017

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