Spiel mir das Lied von der Revolte

Mehr Süden wagen Linke Senioren mit Flöte: über den Rentner-Aktivismus der „iaioflautas“ in Spanien
Spiel mir das Lied von der Revolte
Heute gibt es in jeder spanischen Stadt mindestens eine iaioflauta-Gruppe

Foto: David Ramos/Getty Images

Es war der 22. Mai 2011, in der Hochphase der Proteste der „indignados“ (Empörten), als ein in die Jahre gekommener, ergrauter Aktivist auf der Plaça Catalunya in Barcelona das Wort ergriff: „Vor 45 Jahren“, sagte er, „wanderte ich nach Paris aus. Den Mai 1968 erlebte ich als soziale und kulturelle Revolution. Sie veränderte die Welt und weckte mein Klassenbewusstsein als Arbeiter. Dank der jungen Generationen meines Landes leben heute jene fernen Zeiten wieder auf.“

Der ältere Herr bedankte sich so bei den oft erst 20-jährigen Protestlern für den Politisierungsschub, den sie ausgelöst hatten. Zugleich rief er gerade die älteren Semester dazu auf, den Geist von 1968 und jenen des Antifranquismus der 1970er Jahre neu zu beleben.

Tatsächlich tauchten im Protestzyklus in Spanien, der 2011 begann, neben den jungen Gesichtern zusehends zerfurchte auf. Das dauert bis heute an. Im März erlebte der Protest der Alten ein neues Hoch: Tausende Senioren forderten spanienweit höhere Renten und einen stärkeren Sozialstaat – die sonst eiskalte konservative Regierungspartei PP wurde zu Gesprächen gezwungen.

Dass es so weit kommen konnte, verdankt sich besonders einem Kollektiv: den „iaioflautas“, zu Deutsch: den Opas mit Flöte. Es ist ein Wortspiel, das die abwertende Rede von Linken als „perroflautas“, schmuddeligen Hundehaltern, die mit Musik um Geld betteln, ironisch umbesetzt. Im Buch Iaioflautas. Ziviler Ungehorsam in Aktion heißt es: „Das katalanische iaio ergibt mit dem spanischen flautas eine drollige Vokabel. Humor ist die beste Waffe, um der Stigmatisierung des Aktivismus entgegenzuwirken.“ Zuerst als Arbeitsgruppe des indignado-Camps in Barcelona im Mai 2011 entstanden, gibt es heute in jeder spanischen Stadt mindestens eine iaioflauta-Gruppe, die sich regelmäßig trifft und Aktionen durchführt.

Die iaioflautas mögen sich von den Jungen beflügelt gefühlt haben, für uns war es umgekehrt: Sie, die Alten, waren ein Vorbild. Denke ich an Paco, Montse, Dolors, Miguel und viele andere altgediente Aktivisten, so schwingt die Bewunderung mit, wie sie nach der Erfahrung von Diktatur und Opposition, nach der „Transición“ zur Demokratie, die schnell in Apathie und Individualismus umschlug, wieder mit uns Jüngeren am Tisch saßen. Zuweilen fühlte es sich an, als rollten die iaioflautas für uns eine alte Landkarte wieder auf. Eine vergessene – oder verdrängte – Karte ihrer Erfahrungen und Träume, die Landkarte einer Welt, in der Klassenbewusstsein noch in Fabriken gelebt, nicht bloß in Seminaren diskutiert wurde, in der politisches Engagement Leben und Identität prägte. Eine vergangene Welt, die uns im Hier und Jetzt bereicherte. Ganz praktisch auch: Von den Älteren lernten wir, dass es besser ist, sich zu von Angesicht zu Angesicht zu treffen, als besessen Handynachrichten oder Tweets zu tippen. Dass Engagement in Phasen der Politisierungsflaute nicht abreißen darf, sondern dann besonders vonnöten ist. Und dass ein Leben mit Politik weit reicher ist als eines ohne. Die Musik der Senioren mit der Flöte, sie galt – und gilt – uns allen.

Conrad Lluis Martell lebt in Barcelona. Er ist Deutsch-Katalane und promoviert in Soziologie

06:00 28.05.2018

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