Entwurmungsmittel für den Algorithmus

Streamingdienst Neil Young verschwindet von Spotify, weil ihm die „kontroversen“ Corona-Thesen eines Podcasters nicht gefallen. Andere ziehen nach oder drohen damit. Bringt das überhaupt etwas?
Neil Young (76) reicht’s – er klampft jetzt erst einmal ohne Spotify weiter
Neil Young (76) reicht’s – er klampft jetzt erst einmal ohne Spotify weiter

Foto: Kevin Winter/Getty Images

Wow, was ist da wieder los! Ganz große Aufregung! Podcaster und Comedian Joe Rogan (über 14 Millionen Follower bei Instagram) veranstaltet mit The Joe Rogan Experience den laut dem Guardian beliebtesten Podcast auf Spotify. Und darin hat er sich in den letzten Monaten immer wieder verdächtig gemacht. Etwa, weil er gerne mit kläglichen Figuren des untergehenden Patriarchats wie Jordan Peterson oder Milo Yiannopoulos plaudert und an die Wirkung eines Entwurmungsmittels als Corona-Medikament glaubt.

Viele Millionen hören zu, wenn er sich als Stimme der Nichtgehörten gibt. Laut Tagesschau ist Rogan einem politischem Spektrum zwar „nicht eindeutig zuordnen“, da er für Cannabis-Legalisierung und gegen Massentierhaltung sei sowie rechte und linke Politiker einlüde. Allerdings zählen zu seinen Gästen auch Menschen, die Dinge erzählen, die in Faktenchecks als Falschinformationen zur Corona-Impfung klassifiziert werden und deswegen platzten nun ein paar Hutschnüre.

„Kontroverse“ Inhalte – soso

Erst stellte der altehrwürdige Musiker Neil Young (76) dem freshen Streaming-Portal, das nach eigenen Angaben 381 Millionen monatlich aktive Nutzer hat, ein Ultimatum: Rogan oder Young. Weil Spotify sich aber nicht von Rogan trennen möchte, (sie haben viel Geld gezahlt, damit er bei ihnen sendet und er hat einfach zu viele Fans) entfernte Young seine Musik. Joni Mitchell (78) will aus Protest gegen Inhalte, die Menschenleben gefährdeten, selbiges tun. Ebenso India Arie, weil sie problematisch findet, wie Rogan über race spricht – und weil Spotify ihm so viel Geld zahlt, anderen aber nur einen Penny. Und Taylor Swift-Fans fordern von ihrem Star, ebenfalls mit Entzug zu protestieren.

Am 28. Januar brach der Aktienkurs des Unternehmens ein. Irre aufregende Meldung – obwohl der Kurs schon ein bisschen länger sinkt. Der Kundendienst hat teilweise seinen Support-Chat eingestellt, weil zu viele verärgerte Nutzerinnen und Nutzer Redebedarf hatten oder ihr Abo kündigen wollten, was wiederum zu großer Schadenfreude in den sozialen Medien führte. Dem miesen Tech-Riesen hat man es jetzt mal so richtig gezeigt! Also sah sich CEO Daniel Ek dazu genötigt, ein Statement zu veröffentlichen.

Er will einigen Inhalten nun Hinweise mit datenbasierten Fakten beistellen. Außerdem gibt es einsehbare Regeln für Podcaster. Die dürfen zum Beispiel nicht dazu aufrufen, sich absichtlich mit Covid-19 zu infizieren, um sich gegen das Virus zu immunisieren. Und darauf hat Joe Rogan dann ein Zehn-Minuten-Video veröffentlicht, in dem er sich entschuldigt, aber auch verteidigt. Er begrüße, dass Spotify – Achtung, Wortwahl! – kontroverse Inhalte mit einem Hinweis versehen wolle.

Und jetzt? Wut auf Spotify ist natürlich gerechtfertigt: Künstlerinnen und Künstler klagen schon länger, dass sie kaum Geld vom großen Streamingkuchen abbekommen. Der Sound ist schlechter. Der Algorithmus auch. Abo kündigen, super Sache. Aber leider ist es wie immer, wenn große Aufregung im Internet herrscht: bisschen ambivalent.

Denn mit der Kündigung des Abos – oder dem Rauswurf Rogans – sind weder Rogan noch seine Fans weg, noch ist das Problem gelöst, dass Spotify, Twitter und Co. Inhalte bestimmen können. Oder sogar sollen? Es ist zwar immer recht befriedigend, wenn Menschen, die den Diskurs nach rechts verschieben, das Mikro abgedreht wird. Aber wann sind Äußerungen gefährlich? Wann sind sie „kontrovers“? Und soll das Spotify bestimmen oder der Druck der Masse?

Ob eine Gesellschaft wehrhaft genug ist, ist vielleicht eher noch eine Glaubensfrage, als die Wirksamkeit von Entwurmungsmittel bei Corona. Doch weil die Auswirkungen eines zu mächtigen Tech-Konzerns größer sein dürften als ein vom Menschen überdosiertes Pferdemedikament, ist eine ausführlich geführte Kontroverse dazu jetzt das eigentlich interessante.

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