Tippen für das Gute im Menschen

Digitales Ehrenamt Bei den "Random Hacks of Kindness" will ein Haufen zusammengewürfelter Hacker die Welt mit der Tastatur verbessern

Max Schneider hat keine Zeit für ein Frühstück. Er muss die Welt verbessern, da reicht eine Mandarine. Also schnell zu den anderen Hackern in den plüschigen Retrosesseln, Notebook auf die Knie, Programmzeilen schreiben. Es bleiben nur noch ein paar Stunden, dann muss alles fertig sein.

Die Verbesserung der Welt ist eine unprätentiöse Angelegenheit: Eine Frau und etwa fünfzehn Männer, Höchstalter: 35, Dresscode: Kapuzenpulli, sitzen grüppchenweise im Betahaus in Berlin-Kreuzberg. Es gibt Cola, von der Decke hängen Weihnachtssterne, aus den Boxen kommt Indie-Rock. „Random Hacks of Kindness“ nennt sich das, grob übersetzt: Zusammengewürfelte Hacker in aller Welt hocken sich für ein Wochenende zusammen und schreiben Programme für einen guten Zweck. Ehrenamtlich, organisiert von einer IT-Firma, unterstützt von der Weltbank, Google, Microsoft und einer Handvoll karitativer Organisationen. Die benennen Probleme ihrer Mitarbeiter in Krisengebieten, die mit Software gelöst werden könnten. Jeder Hacker macht sich an das Thema, das ihn am meisten interessiert. Ohne große Geste, sie setzen sich hin und tippen, ziemlich leise, und am Schluss kommt eine App dabei heraus.

Andere Gruppen hacken simultan in Buenos Aires oder New York. Dort hat sogar der Generalsekretär der Vereinten Nationen vorbeigeschaut und ein Leibchen mit bunten Pixeln in die Kamera gehalten. In Berlin kommt Senatorin Katrin Lompscher, sie sagt, der IT-Bereich sei total unübersichtlich und dass sie sich freue, wenn Dinge einfach seien. Einfach. Wie die Notruf-App, samstags programmiert, am Sonntag zum Herunterladen online. Was sie kann: Ein Klick auf dem Handy und es klingelt, bei Polizei, Feuerwehr, Frauenhaus oder Gifthotline.


„Ich möchte helfen, gravierende Probleme zu lösen“, sagt Schneider, schmale Brille, Zopf, grüner Kapuzenpulli. Der 20-Jährige studiert Informatik in Potsdam. Schneiders Gruppe beackert ein Problem der Caritas, Arbeitstitel „Disaster Maps“. Die Aufgabe: Eine Anwendung auszutüfteln, die es Helfern in Katastrophengebieten erlaubt, ihr Wissen zu teilen. Beispiel Erdbeben: Ein Krisenhelfer fotografiert mit seinem Handy ein eingestürztes Haus, beim Hochladen vermerkt die App automatisch seine Position, in einem Menü wählt er das Schlagwort „Einsturz“ und sendet die Daten an die Zentrale. Die Kollegen dort bekommen so einen Überblick: Wo sind die meisten Fälle, wo die schlimmsten? Sie können ihre Leute effizienter verteilen, ohne alle Helfer abzutelefonieren.

Zwei Hacker kümmern sich um die Benutzeroberfläche, die auf dem Handy erscheint. Schneider und drei andere programmieren den Prozess auf dem Server. Man spricht Ruby, eine Computersprache aus Japan. Bis zum Sonntagmittag hat sich für alle Probleme eine Lösung abgezeichnet. Anke Domscheit-Berg, sie organisiert das Treffen in Berlin, findet, das Experiment zeige auch das Gute im Menschen: „Es wollen nicht alle immer nur Geld.“ Man müsse nur das richtige Forum bieten, und Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft begegneten sich auf Augenhöhe. Der Beweis für ihre These stapft kurz vor zwölf ins Betahaus, ein älterer Herr mit Vollbart und weißem Haar. Der Katastrophenmanager der Senatorin hat ein T-Shirt über den Hemdkragen gestreift und sagt: „Ihr könnt mich Detlef nennen.“

Sebastian Kretz ist Reporter und interessiert sich für das Verhältnis von Welt und Technik

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