Tod dem Heldentod!

Genderkolumne Heutzutage sollen Ratgeber die kriselnde Maskulinität auf Vordermann bringen. Doch das revolutionärste, was Männer tun könnten, ist: Scheitern. Kriechen. Verlieren
Tod dem Heldentod!
Supermann kann fliegen. Männer nicht

Foto: Dean Treml/Redbull Photofills via Getty Images

In meiner Jugend war der Mann noch auf sich allein gestellt. Ratgeber gab es nicht. Na gut, abgesehen vielleicht von den Zehn Geboten der Jungpioniere. Darin stand, dass wir Jungpioniere gern singen und basteln, unsere Eltern lieben – und natürlich die DDR. Heute ist das anders: 2018 war das Jahr der Männerratgeber. Markige Ratgeberliteratur sollte die kriselnde Maskulinität wieder auf Vordermann bringen. Eigentlich doch eine ganz gute Idee für so einen graumelierten Mittelstandspapi wie mich, der noch einen brauchbaren Vorsatz für 2019 sucht.

Der eindeutig sehr männliche Rapper Kollegah empfahl mir beispielsweise „Eier festschrauben“ und „Bossaura“ zulegen (Die 10 Boss Gebote). Denn: Das Leben ist eine Achterbahnfahrt und kein Ponyritt. „Du sollst immer bereit sein!“, schreibt er. So kenne ich das auch von den Jungpionieren.

Aber vielleicht wähle ich als Neujahrsvorsatz doch lieber einen altersgerechten Klassiker: den ganzheitlichen Ratgeber von Robert A. Glover. Die deutsche Übersetzung von Nie mehr Mr. Nice Guy ging dieses Jahr in die dritte Auflage. „Nice Guys verhalten sich so, als wären sie mit ihren Müttern verheiratet.“ Ich soll stattdessen eine Art Alphaheld werden. Den netten, weinerlichen, postheroischen Feministen abstellen. Frauen wollen nämlich einen mit „funktionstüchtigen Eiern“. (Was die immer mit ihren Testikeln haben?) Falls das zu kompliziert wird, böten sich die überschaubaren 12 Rules for Life von Jordan Peterson an. Heulen war gestern – heute gelte es „den Rücken durchzudrücken und die schreckliche Verantwortung des Lebens zu akzeptieren“. Wenn mir das zu hart ist, kann ich bei dem Journalisten Hajo Schumacher nachschlagen (Männerspagat). Der fragte neulich: „Gibt es einen modernen Mann ohne kapitulative Verweiblichung?“ Mann sein im Jahr 2019 heißt also: mutig, zupackend, nicht zu weiblich. Und im Bücherregal steht die Schritt-für-Schritt-Anleitung bis zum Heldentod. Klingt wie 90er-Jahre-Werbung für billigen Korn: Männlich, markant, dreifach gebrannt. Heldengeschichten für Männer, die nie eine andere Option gesehen haben.

Aus meiner Sicht ist das Revolutionärste, was Supermänner 2019 tun können: Scheitern. Kriechen. Verlieren. Ohne epochalen Epilog. Ohne das zu relativieren. Das brauchen wir uns nicht einmal vornehmen – es passiert ständig. Wir könnten es akzeptieren oder darüber schreiben, was über unsere Kräfte geht. Auch das war Pioniergebot: Wir sagen die Wahrheit. Wenn das kein Neujahrsvorsatz ist.

06:00 06.01.2019

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