Treppauf, treppab, Straße für Straße

Paketboten Während Deutschland im Homeoffice arbeitet, schultern die Lieferanten so viel wie sonst nur vor Weihnachten. Ist es solidarisch, nicht zu bestellen?
Treppauf, treppab, Straße für Straße
15 Prozent mehr Pakete habe DHL im vergangenen Corona-Jahr ausgeliefert. Das bedeutet eine Profitsteigerung für das Unternehmen, von der die Boten wenig merken

Foto: Ina Fassbender/AFP/Getty Images

Wir befinden uns im zweiten Jahr der Corona-Pandemie. Ganz Deutschland ist seit Monaten im Homeoffice. Ganz Deutschland? Nein, Pakete werden weiterhin ausgeliefert. Im Homeoffice wird bestellt, ins Homeoffice wird geliefert, aber das setzt voraus, dass dazwischen jemand draußen unterwegs ist, treppauf, treppab, Hause für Haus, Straße für Straße.

Der Arbeitsdruck für Paketboten ist seit Pandemiebeginn enorm, der Gesundheitsschutz hingegen nicht. Daniel* liefert für DHL Päckchen aus; seinen echten Namen will er nicht veröffentlicht sehen. „Es ist seit April 2020 jeden Tag wie sonst nur kurz vor Weihnachten“, sagt er. „Wir arbeiten ohne Verschnaufpause.“ 15 Prozent mehr Pakete habe DHL im vergangenen Corona-Jahr ausgeliefert. Das bedeutet eine Profitsteigerung für das Unternehmen, von der Daniel aber nichts merkt. Im Gegenteil: In seinem Arbeitsvertrag sind 38,5 Stunden pro Woche vereinbart. „Ich arbeite fast jede Woche eher 60 Stunden“, sagt er. Eigentlich müssten Überstunden ausgezahlt werden. Daniel sagt: „Unsere Vorgesetzten zweifeln an, dass wir Überstunden machen. Wir bekommen die nicht ausgezahlt.“ Und: „Wer versucht, sich dagegen zu wehren, muss mit Sanktionen rechnen.“ Abmahnungen. Oder Kündigungen. Wie sieht es mit Streik aus? „Schwierig. Unsere Betriebsräte unterstützen uns nicht.“ Und mit Hygienemaßnahmen? „Mein Schutz sind ein Wasserkanister und Seife im Auto. Das war’s.“ Die größte Angst machen Daniel die Schichtwechsel: „Unsere Vorgesetzten haben versucht, das zu entzerren, aber beim Beladen der Lkws treffen wir trotzdem alle aufeinander.“

Hans*, der in einem DHL-Verteilerzentrum arbeitet, pflichtet Daniel in vielem bei. Auch für ihn ist der Arbeitsdruck hoch, der Schutz vor dem Virus mangelhaft. „Es gibt eine Maskenpflicht, die streng durchgesetzt wird, und Desinfektionsmittel“, sagt er. Aber: „Bei den Teammeetings können wir keinen Abstand halten. Die Shuttlebusse sind immer voll. An den Rutschen, wo die Pakete ankommen, die ich dann für den Weiterversand verladen muss, stehen oft Zweiergruppen, manchmal auch mehr Leute. Einfach, weil es dann schneller geht.“ Langsamer zu arbeiten ist keine Option für Hans und seine Kollegen: „Die Vorgesetzten weisen uns an, dass wir uns beeilen sollen.“ Er hat Angst: „Wenn ich neben einem Corona-Infizierten arbeiten würde, würde ich mich anstecken. Das ist ein unangenehmes Gefühl, das mich immer begleitet.“ Wäre es solidarisch, das nächste Paket einfach nicht zu bestellen?

* Name geändert

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