Anna Opel
Ausgabe 0416 | 10.02.2016 | 06:00

Und Wuttke gockelt

Bühne Volksbühnen-Noch-Intendant Frank Castorf inszeniert Friedrich Hebbels „Judith“. Ein Abend, der durchlitten sein muss

Nicht totzukriegen, dieser Macho. Dabei hat Judith (Birgit Minichmayr) die Rettung der Hebräer klug eingefädelt. Sich unbewaffnet ins Lager des Feindes begeben. Doch Holofernes (Martin Wuttke), der da von der eigenen Größe berauscht breitbeinig auf den Kissen lungert, ist heiß. So schwankt Judith, nur einen Moment, zwischen zitterndem Begehren und dem selbst gestellten Auftrag, ihr Volk zu befreien. Dann, endlich, köpft sie den Angeber während des Liebesakts zu Frankie Goes To Hollywoods‘ The Power of Love. Doch als sie kurz darauf den Tatort noch einmal betritt, grinst Holofernes ihr gelassen entgegen.

Recht schleppend hatte der Abend fünf Stunden zuvor damit begonnen, dass Wuttke und Minichmayr einen schwarzen Kissenberg bestiegen und über den Sonnenkult der antiken Stadt Homs in Syrien und den römischen Kaiser Heliogabal referierten. Syrien, die Wiege der Zivilisation. Castorf setzt mit der Urgeschichte des Orients den Bezugsrahmen, um Judith, die selten gespielte Tragödie von Friedrich Hebbel aus dem Jahr 1840 – mit Einsprengseln von Artaud, Müller und Baudrillard –, recht vollständig auf die Bühne zu hieven.

Das Publikum hat an diesem Abend von der Bühne aus beste Sicht auf das Einheitsbühnenbild des verstorbenen Bert Neumann. Ein Wassergraben trennt es vom Zuschauerraum, in dessen Zentrum sich der Kissenberg türmt. Links daneben drei orangerote Beduinenzelte aus Plastik, Ort der belagerten Hebräer, dargestellt von einem Chor, der sich in den Hass auf die gottlosen Belagerer unter Nebukadnezar hineinsteigert. Holofernes ist sein grausamer Feldherr, der sie vernichten wird. Ihre Angst, ihren Durst beklagen sie und können sich doch nicht zur Tat entschließen.

An der gegenüberliegenden Wand Coca-Cola-Werbung aus Neonlicht, auf der Empore ein paar Fake-Zuschauer und die obligatorische Videoleinwand, auf der abwechselnd Bilder aus dem zerstörten Palmyra, Stummfilmausschnitte und von Live-Kamera übertragene Bilder aus dem Inneren der Zelte zu sehen sind.

Unterm Thementeppich

An ihrer Seite hat Minichmayr die treue Magd Mirza, Jasna Fritzi Bauer, wunderbar klar im blauen Friedenstaubengewand (Kostüme: Tabea Braun). Der schnoddrige Hauptmann (Mex Schlüpfer) transformiert die pathetischen Hebbel-Monologe in die verblüffende Mischung aus Abstraktion und Street Credibility, die zum Markenzeichen der Volksbühne geworden ist. Bei allen Schauspielern maximale Verausgabung im energetischen Sprechen, schwer zugänglich bleiben die Texte trotzdem.

Castorf und sein Team präsentieren einen so komplex wie wirr gewebten Thementeppich. Der Orient als Ursprung, die Aufspaltung allen Seins in Gegensätze, widerstreitende Prinzipien als Ursache aller Krisen: Mann und Frau, Liebe und Hass, Gott und Mensch. Also muss das Leben Krieg sein, im Privaten wie im Politischen, Aufklärung ein guter Witz, Transparenz nur PR. Und stets bleibt ein Rest, der sich nicht interpretieren oder gar aufklären lässt.

Castorfs Theater bleibt ein qualvoller Genuss, eine künstlerische Passage, die nicht konsumiert, sondern durchlebt und durchlitten sein muss. Einmal mehr nimmt der scheidende Intendant uns, seine Leute, Team und Publikum, mit in den weiten Raum des umfassenden und überfordernden Nachdenkens darüber, wie Leben und Theater funktionieren könnten, vielleicht.

Info

Judith Regie: Frank Castorf Volksbühne, Berlin

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 04/16.