Unklar: Die Verwicklung der Geheimdienste

Prozess Trotz der umfangreichen Geständnisse im Prozess gegen die „Sauerland-Gruppe“, bleiben viele Fragen offen, sagt Rechtsanwalt Manfred Gnjidic im Freitag-Interview

Freitag.de: „Islamisten planten Blutbad unter Soldaten“ fasste die Headline der


Manfred Gnjidic: Der Aussage von Fritz Gelowicz, der von der Anklage als „Rädelsführer“ des Quartetts gesehen wird, lässt sich entnehmen, dass tatsächlich für den Spätsommer 2007 Anschläge auf deutschem Boden geplant waren. Unklar ist jedoch das intendierte und mögliche Ausmaß der Anschläge sowie die Verwicklung der Geheimdienste. Die Kontakte von Geheimdiensten zu Gelowicz und seinen drei Mitstreitern hatten jedenfalls eine sehr hohe Dichte.

Bevor wir dazu noch im Einzelnen kommen: Woraus resultiert eigentlich die Geständnisfreudigkeit der Angeklagten? Verhaftet wurden sie Anfang September 2007, der Prozess begann Ende April 2009, bis in den Juni hinein mauerten die Vier. Und dann der plötzliche Redefluss. Warum?

Nun, die Angeklagten – neben Gelowicz noch Daniel Schneider, Adem Yilmaz und Attila Selek – haben vermutlich realisiert, dass die Bundesanwaltschaft über sehr viele Akten verfügt, die Belastendes über sie enthalten. Hinzu kam die Atmosphäre im Gerichtssaal und in der Untersuchungshaft, die ihnen schwer zu schaffen gemacht hat. Sie wollten es einfach hinter sich bringen. Und jetzt ist ihnen die Erleichterung förmlich anzumerken.

Man bekommt den Eindruck, dass es einen Deal gibt: Die Angeklagten machen Aussagen, die der Bundesanwaltschaft nützen, und erhalten im Gegenzug einen Urteilsspruch, der ihnen nützt.


Das will ich nicht bestätigen. Klar ist aber, dass ein frühzeitiges Geständnis Einfluss auf das Strafmaß hat. Das gilt jedoch nicht speziell in diesem Verfahren, sondern ganz allgemein.

Ist der Prozess nicht insgesamt fragwürdig? Schließlich sind die Angeklagten nicht über das Planungsstadium hinausgekommen und standen über ein halbes Jahr unter Totalobservation von mehreren Hundert Fahndern, die schließlich sogar ihre Explosiv-Chemikalien frühzeitig gegen Harmloses austauschten.


Das Wasserstoffperoxid, aus dem die Bomben gebaut werden sollten, wurde etliche Wochen vor der Festnahme heimlich von der Polizei ausgetauscht, allerdings nicht vollständig. Aber Sie haben Recht mit der Feststellung, dass die Gruppe ständig von den Sicherheitsdiensten beschattet wurde. Beziehungsweise von den Geheimdiensten: In jedem Land, in dem sie sich aufhielten, waren Geheimdienstleute an ihrer Seite oder in ihrem Schatten.

Dies trifft besonders auf Waziristan in Pakistan zu. Dort sollen die vier in einem Lager der Islamischen Dschihad Union (IJU) eine Militärausbildung bekommen haben, und erst dort wurden sie überhaupt von den IJU-Instrukteuren auf die Idee gebracht, nicht im Irak oder Afghanistan gegen die US-Armee zu kämpfen, sondern in Deutschland einen Anschlag zu machen. Die IJU aber ist doch nichts anderes als ein Bastard des usbekischen und US-Geheimdienstes – oder?


Das gehört zu den großen Fragen, die im Prozess noch zu klären sind. Als Gelowicz und die anderen nach Waziristan in das Camp kamen, fanden sie dort nur eine lose Gruppe vor. Erst später wurde ihnen gesagt, dass es sich dabei um die IJU handelt.

Das Bundeskriminalamt und der Verfassungsschutz Baden-Württemberg zweifeln an der Existenz der IJU, der BND hält dagegen. Die Aussage von Gelowicz konnte in dieser Streitfrage keine Klarheit bringen, was er über Waziristan und die Ausbildung dort sagte, war vage und unpräzise, keine Rede von der IJU.

Was er am Montag gemacht hat, war ein grober Überblick. Da mussten viele Fragen offen bleiben, die im weiteren erst geklärt werden können. Aber auch er bestätigte die Existenz der IJU.

Ihr Mandant Attila Selek soll die Zünder für die Bombe beschafft haben – dabei ist doch nach


Herr Selek war eigentlich schon längst aus der Anschlagsvorbereitung ausgestiegen und wurde von Fritz Gelowicz nur mit Mühen überredet, dabei zu bleiben. Er hatte bis zuletzt die allergrößten Zweifel. Was Mevlüt K. angeht, so spielt er tatsächlich eine Schlüsselrolle bei den Anschlagsvorbereitungen. Schon im Jahr 2004 traf er mit Gelowicz das erste Mal zusammen, damals in Istanbul. Aufklärung über seinen Tatanteil gehört zu den wichtigsten offenen Punkten der weiteren Verhandlung.

Das Gespräch führte Jürgen Elsässer

Manfred Gnjidic verteidigt im Sauerland-Prozess den Angeklagten Attila Selek. Er ist außerdem Anwalt von Khaled El-Masri.

18:40 11.08.2009
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