Volksmikrofon

USA „Occupy“ berief sich einst auf die „99 Prozent“
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Der Appell war unkompliziert: „#OCCUPYWALLSTREET 17. September. Bringt Zelte!“

Foto: Emmanuel Dunand/AFP/Getty Images

Man sprach von einem Aufbegehren besonderer Art: Im September 2011 besetzten ein paar hundert Verwegene den Zuccotti-Park unweit der Wall Street in New York. „Occupy“ hieß dieses neue Phänomen und artikulierte sich im Namen von „99 Prozent“ Amerikanern gegen Raffgier und Korruption. Es war ein Aufschrei derer, die fürchteten, dass sie wirtschaftlich unter die Räder kämen, ob Barack Obama nun im Weißen Haus saß oder nicht. Occupy verbreitete sich rasch in zahlreichen US-Städten und ein bisschen nach Europa. Der Aufruf zum Besetzen kam vom kapitalismuskritischen Magazin adbusters.org und war seinerzeit stark vom Arabischen Frühling inspiriert. Der Appell war unkompliziert: „#OCCUPYWALLSTREET 17. September. Bringt Zelte!“ Und sie brachten Zelte und Schlafsäcke, Laptops und Trommeln. Occupy hat auch Spaß gemacht. Hier waren kreative Menschen tätig, die etwas Neues probieren wollten gegen „massenhafte Ungerechtigkeit“. In Gemeinschaft und horizontal, wie man sagte. Gelegentlich hörte man den Ruf „Mike Check!“. Mikrofon-Check. Jemand wollte etwas sagen. Weil die Polizei keine Mikrofone duldete, wurden per „Volksmikrofon“ Ansprachen satzweise von denen wiederholt, die dem Redner am nächsten standen.

Aber die erhoffte Bewegung gegen die Herrschaft des „einen Prozent“ fand nicht statt. Im Nachhinein lassen sich Schwachstellen schnell finden. Die Plakate von damals „Das ist der Anfang der Revolution“ erschienen katastrophal deplatziert. Die Berührungsangst zu etablierter Politik wie zum Wahlsystem und die gepflegte „Anführerlosigkeit“ ließen Occupy zu keiner dauerhaften Kraft werden. Die genial erscheinende Übernahme des öffentlichen Raumes wurde zur Belastung für die Besetzer, die sich viel mit sich selbst und mit Logistik beschäftigen mussten. Im November 2011 zerschlug die New Yorker Polizei das Zuccotti-Lager – aus sanitären Gründen.

Dennoch: Occupy hat eine Strömung geprägt, in der junge Menschen den US-Kapitalismus nicht als etwas zwangsläufig Normales und Erstrebenswertes betrachten. Soziale Kluft wurde durch Occupy zum gesellschaftlichen Thema. Selbst Obama räumte ein, Occupy bringe die Frustrationen vieler zum Ausdruck „angesichts der schwersten Finanzkrise seit der Großen Depression“, bei der die Banken gerettet wurden, nicht aber verschuldete Eigenheimbesitzer. Der „Geist von Occupy“ beseelte vielerorts erfolgreiche Kampagnen für höhere Mindestlöhne.

Demokratische Sozialisten

2016 trat Präsidentschaftsanwärter Bernie Sanders, der besonders bei jungen Amerikanern ankam, mit der Botschaft an, dass es für ein reiches Land einfach unmoralisch sei, nicht einmal eine Krankenversicherung für alle anzubieten. Sanders stand zum demokratischen Sozialismus, einem Begriff, der im Zuccotti-Park eher gemieden wurde, und über den jetzt, vor den Zwischenwahlen im November, erneut gesprochen wird. Die Democratic Socialists of America (DSA), die jahrelang mit ein paar tausend Mitgliedern vor sich hin dümpelten, haben es auf 50.000 gebracht. Zwei DSA-Mitglieder haben in relativ sicheren demokratischen Wahlkreisen Vorwahlen gewonnen und dürften als erste Sozialisten seit vielen Jahren ins Repräsentantenhaus einziehen: Rashida Tlaib aus Michigan und Alexandria Ocasio-Cortez aus New York. Wieder droht eine gewisse Selbstüberschätzung – wie einst bei Occupy, das sich auf die „99 Prozent“ berief.

06:00 08.09.2018

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