Wieder drei Erden konsumiert

Earth Overshoot Day Das Ranking im globalen Ressourcenverbrauch passt nicht zu unserem Selbstbild: Deutschland ist gar kein Ökostreber. Und wir sollten weniger werden
Svenja Beller | Ausgabe 19/2018 22
Wieder drei Erden konsumiert
No more Malle? Mal ehrlich: Wir alle kennen die Lösungen, sie gefallen uns nur nicht

Foto: Margit Wild/Imago

Wir Deutschen sind schon durch mit der Erde für dieses Jahr. Wir müssten uns nun eigentlich dickbäuchig zurücklehnen und den anderen Ländern bis Silvester beim Essen des verbliebenen Kuchens zugucken. Stattdessen holen wir einfach schon mal den für nächstes Jahr raus, man hätte uns halt nicht verraten dürfen, wo der steht.

Oder haben Sie am 2. Mai die Gabel fallen lassen? Am deutschen Earth Overshoot Day hat Deutschland gemessen an seinem Anteil an der Weltbevölkerung die Menge an Ressourcen verbraucht, die die Erde innerhalb eines Jahres regenerieren kann. Das berechnete das Global Footprint Network. Oder anders ausgedrückt: Wir werden dieses Jahr – wie schon in den Jahren zuvor – drei Erden verbrauchen statt einer.

Ja, ich schreibe diesen Text auf des Deutschen liebster Urlaubsinsel Mallorca. Das Flugzeug teilte ich mir mit einer biertrinkenden Männergruppe samt bedruckten Mottoshirts. So gerne ich mich von ihnen distanziert hätte und so unterschiedlich unsere Vorhaben auf dieser Insel sein mochten, wir hatten eines gemeinsam: Wir langten richtig zu.

Auf der Webseite des Global Footprint Network kann man seinen persönlichen Erdüberlastungstag ausrechnen. Trotz Flugreise lande ich beim 7. August, damit liege ich im weltweiten Durchschnitt: Der Earth Overshoot Day für die gesamte Weltbevölkerung fiel letztes Jahr auf den 2. August, also drei Monate später als der deutsche Tag. Im globalen Vergleich ist zwar eine ganze Reihe von Ländern noch raffgieriger als Deutschland – unter anderem vor den USA, den nordeuropäischen Ländern, Russland und einigen Ölstaaten überrascht Luxemburg als Spitzenreiter –, dennoch passt die Platzierung im oberen Viertel nicht zu unserem Selbstbild der nachhaltigen „Öko-Nation“. Wir neigen dazu, uns mit bequemen Fassaden zufriedenzugeben. Wir feiern unsere Klimakanzlerin und die Energiewende, werden aber die für 2020 gesteckten Klimaziele nicht erreichen. Wir nennen uns nun alle Flexitarier, essen mit 59 Kilogramm pro Kopf aber immer noch genauso viel Fleisch wie vor zehn Jahren. Wir kaufen überwiegend Bio, der Anteil ökologischer Landwirtschaft liegt trotzdem nur bei rund sieben Prozent. Wir nehmen so oft es geht das Fahrrad, fliegen aber so viel wie nie – 3,21 Millionen Flugzeuge durchflogen 2017 den deutschen Luftraum. Natürlich können jetzt die Bürger auf die Politiker zeigen und die Politiker auf die Bürger, wer endlich mal die richtigen Anreize setzen soll. Aber mal ehrlich: Wir alle kennen die Lösungen, sie gefallen uns nur nicht.

Das können wir, weil wir selbst den Schaden nicht zu spüren bekommen, den wir anrichten. Für uns war ja noch Kuchen da. Es sind die nachfolgenden Generationen, denen nur die Krümel bleiben. Genaue Prognosen zum tatsächlichen Ende der Ressourcen sind schwierig, viele von ihnen werden wir aber im Laufe dieses Jahrhunderts ausgebeutet haben. Falls Sie schon Kinder haben oder welche bekommen möchten: Die werden wohl im Laufe ihres Lebens ohne Öl, Gas und Eisenerz auskommen müssen. Auf Nachwuchs zu verzichten gehört freilich zu den unbequemen Lösungen. Aber am besten wäre es, wenn die kommenden Generationen kleiner würden als unsere. Weniger Menschen verbrauchen weniger Ressourcen. Das Global Footprint Network hat ausgerechnet: Wenn weltweit jede Familie, statistisch gesehen, ein halbes Kind weniger bekäme, würde der Earth Overshoot Day sich bis 2050 um einen Monat nach hinten verschieben.

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