Wirklich, sie lebten in finsteren Zeiten

Ausstellung Unter dem Titel "Schwarze Romantik. Von Goya bis Max Ernst" zeigt das Frankfurter Städel-Museum rund 200 Werke der schwarzen Kehrseite der romantischen Epoche
Wirklich, sie lebten in finsteren Zeiten
Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens

Foto: Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung

In der Alltagssprache sind die Wörter „romantisch“ und „Romantik“ diffus positiv besetzt. Die Literatur- und Kunstwissenschaft hingegen kannte seit dem Beginn der romantischen Epoche um 1800 immer auch deren schwarze Kehrseite. Mit einer Studie von Mario Praz bürgerte sich 1930 dafür der Begriff „schwarze Romantik“ ein. Überhaupt war die Romantik eine Gegenbewegung zum Zeitalter der Aufklärung, zur Zeit des Lichts also, man denke nur an das französische „Siècle des Lumières“ und das englische „Age of Enligthenment“.

Unter dem Titel Schwarze Romantik. Von Goya bis Max Ernst zeigt das Frankfurter Städel-Museum nun rund 200 Werke. Gleich der erste Raum wirkt wie ein Paukenschlag – sieben Werke von Johann Heinrich Füssli (1741-1825). Den Besucher begrüßt das berühmte Gemälde Der Nachtmahr. Es zeigt eine weiß gekleidete, lasziv ausgestreckt daliegende Frau, die schläft oder träumt. Sie wird beobachtet von einem brünstigen Pferd. Auf ihrem Bauch hockt ein schwarzer, affenartiger Gnom, dessen Augen auf ihren Schoß starren. Diese imaginierte Welt der Monster, Dämonen und Gespenster ist jedoch nur eine mögliche Kehrseite der Vernunft.

Die andere ist die Absenz jeglicher Vernunft. Das demonstriert der zweite Raum mit 10 der 80 Caprichos von Francisco de Goya (1746-1828) sowie vier Radierungen aus dem Zyklus Die Schrecken des Krieges. Das berühmte Capricho Nr. 43 Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer bildet den Schlüssel zu den in ihrer Drastik und Brutalität unüberbietbaren Radierungen, die an die Schandtaten der napoleonischen Soldateska bei der Besetzung Spaniens 1808 erinnern. Goya selbst hat erklärt, was gefährlicher ist als die Traumwelt der schwarzen Romantik mit ihren Monstern und Gespenstern. Menschliches Handeln ohne Vernunft: „Ich fürchte keine Kreatur außer eine: den Menschen“, schrieb er.

Neben den Werken bekannter Maler wie Delacroix, Géricault, Blake oder Böcklin werden verdienstvollerweise auch Werke unbekannter Künstler präsentiert. Das Bild Hunger, Wahnsinn und Verbrechen des belgischen Malers Antoine Joseph Wiertz (1806-1895) zeigt eine Frau mit verstörend irrem Blick, die auf ihrem Schoß ein blutendes, in Tücher gehülltes Baby trägt und in der rechten Hand ein blutiges Messer hält. Aus einem großen Kochtopf am Bildrand ragt gerade noch das Beinchen eines anderen Kindes heraus. Vor der Frau liegt der Steuerbescheid auf dem Fußboden. Das Bild übertrifft in seiner Direktheit Delacroix‘ Rasende Medea. In dessen Zentrum sitzt die fleischfarben-rötlich gemalte Medea mit dem Dolch in der linken Hand und zwei leblosen Kinderkörpern auf ihrem Schoß.

Romantik ist ein Epochenbegriff, der kurioserweise zeitlos geworden ist. Das trifft insbesondere auf die schwarze Romantik zu, die Künstler vom Symbolismus Ende des 19. bis zum Surrealismus des 20. Jahrhunderts inspirierte. So zeigt der zweite Teil der Ausstellung Werke von Rodin (Der Schmerz – Erinnerung an Eleonora Duse), Odilon Redon, Franz von Stuck, James Ensor und Edvard Munch bis zu Dalí, Brassai, Magritte und Max Ernst. In die Räume sind Kabinette eingebaut, in denen Ausschnitte von Stummfilmen wie Frankenstein, Dracula, Vampyr und Nosferatu (Bild) gezeigt werden, die seit den Zwanzigern Motive der schwarzen Romantik aufgriffen. Eine hervorragende Ausstellung zu einem uferlosen Thema.

Schwarze Romantik, Städel-Museum Frankfurt, bis 20. Januar 2013, Katalog 34,90 €

09:00 09.10.2012

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