Zur Etablierung der Gänsehaut

Sprachkritik In Zeiten der Fußball-WM in Brasilien zeigt sich ein besorgniserregende Unachtsamkeit im Umgang mit dem Wort
Jürgen Busche | Ausgabe 26/2014 21
Zur Etablierung der Gänsehaut

Bild: Adrian Dennis / AFP / Getty

Die Fußballweltmeisterschaft hat vieles, womit sie ihre Freunde beschenkt. Sie vermittelt der sonst eher oberflächlichen Wahrnehmung von Umgangssprache etwa Einsichten in das, was allen gemeinsam ist. Nun, vielleicht nicht allen, aber doch den meisten. Man konnte es schon vorher bemerkt haben, aber jetzt ist es einfach nicht mehr zu überhören. Im Deutschen ist das bisher übliche Fremdwort für Emotion, zumal wenn es sich um eine starke handelt, ersetzt worden durch das Wort Gänsehaut. Die Leute erleben etwas, das sie mächtig aufwühlt, es lässt sich das Gefühl davon nicht mehr leugnen, ja, es schreit danach, einen Namen zu bekommen, und die Leute sagen: Gänsehaut.

Die Fußballweltmeisterschaft belehrt uns heuer, dass dies keineswegs nur bei den viel zu vielen Leuten so ist, die, einem Ondit zufolge, nicht sehr über die Sprache nachdenken, die sie im Munde führen. Gerade auch Personen, die von Berufs wegen zur Sprache ein Verhältnis haben sollten wie der Elektrotechniker zum Schraubenzieher oder der Orchestermusiker zur Tuba, also bei den Reportern und Kommentatoren in Brasilien, kommt das Wort Gänsehaut – gefühlt! – noch öfter vor als das Wort Tor. Und das, obwohl bei diesem Turnier in der Gruppenphase mehr Tore gefallen sind als jemals zuvor in der WM-Geschichte. Wieder einmal ist das Wort von Karl Kraus bestätigt, nach dem sich die Hervorbringungen der Journalisten gleichen wie ein faules Ei dem anderen.

Aber was heißt hier Journalisten? In diesen Tagen war es ein junger Mann aus dem Ressort Sport eines Rundfunksenders, der im ARD-Presse-Club von „Medienschaffenden“ sprach und damit sich und seinesgleichen meinte. Mit am Tisch waren Spiegel, Welt und der Kicker vertreten – und niemand zuckte bei dem Wort zusammen. Medienschaffende waren sicherlich auch am Werk, als die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung mit der Schlagzeile aufmachte: „Sozis wollen nicht sparen“. Sozialdemokraten als Sozis zu bezeichnen, wäre in der FAZ in den ersten 50 Jahren ihres Bestehens unmöglich gewesen. Und behaupte niemand, dies sei dort erst möglich geworden, seit Frank Schirrmacher nicht mehr mit strengem Blick über seine Redakteure wacht!

Alte Mitarbeiter der Frankfurter Allgemeinen Zeitung dürften beim Lesen dieser Zeilen eine Gänsehaut verspürt haben. Doch um es ganz klar zu sagen, es ist nicht alles schlecht in der neuen Zeit und bei dem, was von der WM aus Brasilien zu hören ist. Man ist international geworden: Gänsehaut-Feeling heißt es jetzt.

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