Der Verkehr der Nation

Dienstwagen Der Straßenverkehr ist nicht nur mehr geworden sondern auch farblich eintönig. Dienstwagen in schlammgrau werden jährlich mit Milliarden vom Staat subventioniert
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community
Der Verkehr der Nation
Dienstwagen #1

Foto: JOHANNES EISELE/AFP/Getty Images

Gestern ist mir eine Ansichtskarte aus dem Jahr 1975 in die Hand gefallen, und heute Morgen stand ich eine gefühlte Ewigkeit an einer Hauptverkehrsstraße in Hamburgs Zentrum. Zwei Informationen, die zum einen nicht wirklich aufregend klingen und zum anderen in keinem Zusammenhang zu stehen scheinen.

Die leicht überbelichteten Ansichtskarte aus Trier zeigt eine semi-gelungene Kollage unterschiedlicher Sehenswürdigkeiten der Moselstadt: Dom, Porta Nigra, Hauptmarkt und einen Parkplatz. Letzterer hat sich wohl eher ungewollt auf die Karte geschmuggelt. Im Gegensatz zur Porta Nigra ist der Parkplatz anno 1975 vor allen Dingen eines- bunt. Zitronengelbe Ford Capris, froschgrüne Opel Kadetts und himmelblaue VW-Bullys soweit das Auge reicht. Ein Ministeck-Bild aus Personenkraftwagen. Die heutige Blech-Schlange indes, die sich über die sechsspurige Ludwig-Erhard-Straße quält, besticht mit einem Einheitsbrei in Schlammgrau -Schwarz.

Die Gesellschaft spiegelt sich im Straßenverkehr wider. Heute möchte ich mich weder über ignorantes Fahrverhalten noch über soziale Kälte auslassen, es geht mir vielmehr um den optischen Wandel im Straßenverkehr. Schwarz und grau – schlammbraun metallic ist schon das höchste der Gefühle. Eine Uniformierung des Straßenverkehrs. Auch die „ Pia-Marie an Bord-Aufkleber“ nehmen ab. Hin und wieder schmückt dann vielleicht noch ein dezenter Sansibar Sylt oder St. Pauli-Aufkleber in edelweiß-durchsichtig die Heckklappe des Firmenwagens. Firmenwagen ist das Stichwort und bestimmt nicht unwichtig bei dieser Trendwende.

Statt Gehaltserhöhung locken viele Unternehmen mit einem Dienstwagen, ob der Arbeitnehmer diesen nun beruflich benötigt oder auch nicht. Zumeist nicht, aber ein Audi A6 oder Porsche macht ja schließlich etwas her. So spielt man ganz oben mit, trotz geplatzter Gehaltserhöhung. Und warum das Ganze? Na klar, weil der Staat kräftig dazu buttert. Eine Studie der Universität Köln im Auftrag des Bundesumweltministeriums (vgl. Spon, 03.05.2011) stellt diese, nun ja irritierende Großzügigkeit des Staates, in Frage. Hunderttausende Unternehmen profitieren, die Staatsausgaben gehen hierfür jährlich in die Milliarden. Vom staatlich forcierten CO2 – Ausstoß von Luxuskarossen mit hohem Spritverbrauch ganz zu schweigen. 50 % aller Neuzulassungen werden mittlerweile von Unternehmen und Selbständigen getätigt. Während Kleinwagen-Neuzulassungen rapide sinken, halten sich Rückgänge bei Oberklasse-Herstellern in Grenzen. Ein Opel Corsa wäre ja auch nicht subventionierungswürdig.

Aber das nur ganz nebenbei. Wir waren ja bei den Farben. Schlammige, dunkle Nuancen, die jegliche Individualität im Keim ersticken. Arbeitnehmer scheiden ja auch hin und wieder mal aus. Und der neue Sales-Consultant kann sich nun einmal nicht so gut mit einem Skoda in gelbmetallic profilieren. Mittlerweile ist es Nachmittag geworden. Ich bewege mich, zu Fuß, in der Hamburger Hafencity, als mich ein Porsche-Cayenne überholt. Ich überlege den „Besitzer“ zu fragen, ob ich eine Runde drehen darf. Irgendwie gehört mir das Vehikel ja auch ein bisschen, finde ich. Aber ich traue mich nicht. Der Porsche-Freund parkt derweil sein Gefährt unweit der Elbphilharmonie. Eine Sinfonie in grau-braun. Auch wenn dieses Stillleben einer Postkarte unwürdig wäre, passt es perfekt ins Bild. Milliardengrab vor Milliardengrab.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare 2