Politik mit Medien

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Zugegeben, ich lese manche Sätze oft gern zweimal und finde, es zahlt sich aus, wir möchten ja alle dazulernen. So wie den von vorhin, DLF-Nachrichten: "Überraschend gewinnt Ahmadinedjad die Wahlen im Iran sehr deutlich." Muss man sich auf der Zunge zergehen lassen.

Für wen überrraschend? Na, für die hiesigen Medien, die tagelang vorher einen spannenden Zweikampf herbeigeschrieben hatten mit dem Gegenkandidaten Mussawi, dessen Frau nach westlichem Leitbild bereits als first lady vorgestellt wurde. Da ist völlig klar, dass unsere Medien bei 62% für den hier ungeliebten Kandidaten quasi aus allen Wolken fallen.

Lasst mich den Gedanken weiter ausarbeiten. Die hiesigen Medien haben offensichtlich keine hinreichende Vorstellung von den Realitäten im Iran, sonst wären die nicht in diesem Ausmaß "überrascht", sonst hätten sie nicht in diesem Ausmaß falsch gelegen bei all dem nachrichtenmäßig hoch ausdifferenzierten equipment und der qualifizierten manpower, über die sie verfügen. (Und hier wäre nachzufragen, ob "equipment" und "manpower" so qualifiziert sind, wie sie uns glauben machen, doch ich will auf etwas anderes hinaus.)

Offenbar entstehen rätselhafte (?) mediale Beschleunigungen und ein Taumel, ein kollektiver journalistischer Rausch, bei dem die Tatsachen mehr und mehr aus dem Blickfeld geraten. Ein ehemaliger iranischer Außenminister wurde in der Frankfurter Rundschau zitiert mit: "Immer mehr Iraner wollen Change", und der Korrespondent sinnierte bereits über die "Chancen einer West-Annäherung". Jeder ist eben bemüht, die Speerspitze zu sein, und es deutet sich an, dass der Westen - die FR leider, leider mittendrin - eine mediale Kampffront forciert, die inneriranische Wirkungen zeitigen soll. Es wird ja bereits eifrig berichtet, dass der Wahlverlierer sein Ergebnis nicht anerkennen will.

Die Medien als planmmäßig instrumentalisierte Waffen, das ist vielleicht so neu nicht. Kampagnenjournalismus. Neu ist wohl nur das Maß an Gleichschaltung.

Damit bin ich beim Thema.

Und vorweg: Ich habe nicht vor, eine Initiative "Rettet die Sozialdemokratie" einzuläuten. Liegt mir fern. Hartz IV und Agendapolitik sind gravierende Fehlgriffe.

Und noch: Klar gibt es den Kampagnenjournalismus, der sommerpausenmäßig alle paar Wochen eine neue Sau durchs bundesdeutsche Dorf treibt und sich ein dünnhäutiges, um seine Sicherheit bangendes Völkchen heranzüchtet. So Ebola-Seuche, Schweinegrippe und verwandte Themen. Man vergisst das wieder so schnell, aber die ängstliche, tendenziell hysterische Haltung bleibt.

(Oh! Sonne scheint! Ich mach paar Minuten Pause!)

Damit bin ich beim Thema: Es ist nicht falsch, zu sagen, BILD hilft dem Volk aufs Maul schauen. Doch ist das die Hälfte der Wahrheit, denn BILD spielt eine zentrale Rolle im zarten Gefüge von Macht und Herrschaft. Was war denn seinerzeit der Zweck der Übung, Lafontaine ein öffentliches Podium zu bieten? Da müssen wir nicht dreimal raten.

Nicht nur BILD, nein, nein, es gibt in diesem Land eine richtiggehend gleichgeschaltete Kampagne gegen die SPD. Wir erinnern uns an Beck und Ypsilanti, auf deren Rücken sozusagen ein Keil in die SPD getrieben wurde, und selbstverständlich gab es willfährige Wasserträger, da wurde sogar noch der Müntefering reaktiviert. (Frau Ypsilanti hat einen hervorragenden Wahlkampf geführt, 34 % der Wähler auf ihrer Seite gehabt, das wird den Schwarzgelben Alpträume bereitet haben.)

Es war eine medienübergreifende Kampagne, höchstens in Berlin gibt's paar Tageszeitungen, die nicht Springer-FAZ heißen (soufflierend SPIEGEL! SPIEGEL!). Ich bin erleichtert und froh, seinerzeit im November mein Abo bei der Süddeutschen abbestellt zu haben (besonders schwer zu ertragen: Nico Fried), denn die so gerühmte SZ diente sich als willfähriger Erfüllungsgehilfe an. Das war's: Gleichschaltung, oder vornehmer: mainstream-Journalismus. Alles Sozialdemokratische von oben herab belächelt - was im SPIEGEL schon lange vorexerziert wird.

Nochmal: Ich breche hier keine Lanze für die SPD . Ich gebe mir nur Mühe, mich zurechtzufinden zwischen all den Irrläufern, fakes, falschen Fuffzigern.

(Sonne ist wieder da! Bin gleich wieder zurück, ich bin ja auch fast zum Schluss gekommen, oder?)

Was lerne ich daraus? Naja, hier tobt offensichlich ein unglaublicher Medienhype, so à la mobbing statt Fakten, und das einzige Ziel ist, Haltungen zu vermitteln, aber keine Fakten oder Argumente. War ja bei der letzten Bundestagswahl ähnlich, oder? Die Medien gaben sich überrascht, dass die SPD so dicht herankam. Sie waren überrascht, weil sie vorher gar nicht Realität beschrieben hatten, sondern sich in ihren Taumel hineingesteigert hatten und berauscht waren. Dass dann ein Kater kommt, weiß jeder.

Könnte nun überlegen, was das sozusagen als Handlungsdirektive hergibt. Reicht mir jetzt aber. Später einmal. Zu lesen ist's eh genug, oder?

Nur noch: Klar dass unsere Medien im Iran genauso weitermachen werden. Von den Fakten haben sie offensichtlich nicht den geringsten Schimmer. Interessiert nicht. Sie werden den Spalt treiben, werden sich den Mussawi aufbauen, dreimal dürfen wir raten, wer ihnen hilft, und ihr Ziel wird sein, im Iran die Regeln der "Freien Welt" zu implementieren. Es koste, was es wolle.

15:46 13.06.2009
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Geschrieben von

Dreizehn

Lebe in einem Winkel der Stadt, lese, schreibe gelegentlich.
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