Der Puppenspieler

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Das atemberaubende Tempo, das die Justiz jetzt gegen Ministerpräsident Silvio Berlusconi vorlegt, ist mehr als nur beschleunigte Rechtspflege

Am heutigen Vormittag werden die Deputierten des italienischen Parlaments auf rund 300 Seiten in allen Einzelheiten lesen, was die Staatsanwaltschaft in Mailand von ihrem derzeitigenMinisterpräsidenten hält. Denn mit dem Konvolut wird beantragt, das „politische Sekretariat des Ehrenwerten Abgeordneten Berlusconi“ durchsuchen zu dürfen.

Der Tenor ist bereits aus anderen Durchsuchungsbeschlüssen bekannt. Im Klartext schreiben die Staatsanwälte Ilda Boccassini, Pietro Forno, Antonio Sangermano und deren Chef Edmondo Bruti Liberati: Verschiedene Personen „haben in beständiger Weise volljährige Frauen und die minderjährige El Mahroug Karima [Anm.: besser bekannt als Ruby] der Prostitution zugeführt und diese begünstigt, in dem sie eine erhebliche Anzahl junger Frauen, die sich mit Silvio Berlusconi prostituiert haben und wofür dieser als Gegenleistung Geld gewährte, ermittelt, ausgewählt und sodann zu dessen Aufenthaltsorten begleitet haben, dabei das Vergütungssystem gegenüber jenen jungen Frauen verwaltet und vermittelt.“ Wie die römische Tageszeitung Il Fatto Quotidiano schreibt, „eine krude Sprache, aber eine klare Sprache“.

So deutlich, dass sich die Lektüre der Abgeordneten weniger auf die juristischen als auf die saftigen Details konzentrieren wird. Oder nicht einmal mehr das. Die Geschichten, wie und nach welchen Kriterien weibliche Abgeordnete für Wahllisten der Berlusconi-Partei Popolo della Libertà (Volk der Freiheit, PdL) ausgewählt wurden, wie Besetzungscouchen in seinen Privatsendern möglicherweise funktioniert haben, wie Bewerbungsmappen nicht nur zu beruflichen oder artistischen Zwecken aufgehübscht wurden, sind sattsam kolportiert. Was große Teile der italienischen Bevölkerung jetzt nachhaltig fassungslos und wütend gemacht hat, so dass auch abgebrühte Parlamentarier sich dem nicht mehr entziehen können, ist die offenkundig gewordene Verachtung gegenüber Menschen und Institutionen, mit der der Mann seinen Alleinstellungsanspruch gehandhabt hat.

Wenn Marionetten ihre eigenen Fäden erkennen

Denn die Lüge, die der Ministerpräsident telefonisch in der Nacht vom 27. auf den 28. Mai 2010den Beamten in Mailand auftischte, um Ruby aus der Haft zu bekommen, sie sei die Enkelin des ägyptischen Staatspräsidenten Mubarak, war derart grob, dass sie nur unter einer Bedingung funktionieren konnte: Blindes Vertrauen in die Glaubwürdigkeit des Mannes und in die Autorität des Regierungschefs. Dass das Mädchen darauf tatsächlich laufen gelassen wurde, ist nicht nur Grund für die weitere schwere juristische Anschuldigung des Amtsmissbrauchs -bedroht mit bis zu zehn Jahren Gefängnis- sondern Beleg, dass grundsätzlich jede Äußerung der Vergangenheit una presa per i fondelli, eine Verarschung gewesen sein mag. Die Verletzung sitzt um so tiefer, als erst im März vergangenen Jahres der beliebte Schriftsteller Andrea Camilleri einen kleinen Roman unter dem Titel „Der Enkel des Negus“ veröffentlicht hatte. Darin fällt die gesamte faschistische Kamarilla einschließlich Benito Mussolini auf der Suche nach afrikanischen Besitzungen auf einen Hochstapler herein, der sich als Enkel des äthiopischen Negus‘ ausgibt, fleißig unterstützt von einem beschränkten und obrigkeitshörigen Apparat in Staat und Partei.

Auch wenn Fiktion und Wirklichkeit nur zufällig zusammengefallen sind, sie bilden das Amalgam, das die Menschen heute bewegt, mit der feinen Unterscheidung, dass nun nicht ein junger nordafrikanischer Einwanderer den Staat vorgeführt hat, sondern der eigene Chef der Exekutive. So etwas wird nicht mehr vergessen, erst recht nicht verziehen. Es wundert daher niemanden, dass die Mailänder Staatsanwaltschaft Berlusconi kurzfristig drei Vernehmungstermine zwischen dem kommenden Freitag und Sonntag zur Auswahl gestellt hat, um anschließend die sofortige Eröffnung des Hauptverfahrens zu betreiben. Ein verkürztes Verfahren, das eine seiner Regierungen zur Vereinfachung der Rechtspflege eingeführt hat; non tutto il male viene a nuocere, wie man bei unseren Nachbarn sagt, nicht alles Schlechte ist wirklich von Übel.

[Ergänzung, 17.01.2011, 17:00 Uhr - Eine Kopie des Antrags auf Gestattung der Durchsuchung findet sich hier: www.corriere.it/politica/11_gennaio_17/intero171111.pdf]

10:09 17.01.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

ed2murrow

e2m aka Marian Schraube "zurück zu den wurzeln", sagte das trüffelschwein, bevor es den schuss hörte
ed2murrow

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