„Impfen? Das muss jeder selbst entscheiden“

Interview Der Patient einer Arztpraxis in Berlin-Neukölln beantwortet die Frage, warum er sich keine Covid-19-Impfung verabreichen lassen will
„Impfen? Das muss jeder selbst entscheiden“
„Die Wissenschaft ist ja auch abhängig von Geldern, ebenso die Ärzte. Manche machen nur Substitution und Impfen, haben keine richtige Praxis – da sieht man, dass es denen nur ums Geld geht.“

Foto: Michael Ciaglo/Getty Images

Die Impfkampagne in Deutschland stagniert. Termine sind inzwischen leicht erhältlich, doch werden sie kaum mehr wahrgenommen. Forscher veröffentlichen indes erste Zahlen darüber, wer sich impfen lässt: Die Universität Mainz macht ein Gefälle zwischen sozial Benachteiligten und Bessergestellten aus, dem eine Reportage aus einer Arztpraxis in Berlin-Neukölln in der neuen Freitag-Ausgabe nachgeht.

Der dort praktizierende Arzt, der Substitution für Heroinabhängige ermöglicht, ist viel mit sozial benachteiligten Patienten in Kontakt und sagt: „Die Impfungen habe ich im Wesentlichen als eine Veranstaltung für die deutsche Mittelschicht wahrgenommen.“ Im hier folgenden Interview spricht einer der Patienten der Praxis darüber, dass er nicht gegen Covid-19 impfen lassen will.

der Freitag: Herr Traut, Sie wollen sich nicht impfen lassen, warum nicht?

Fabio Traut: Hauptsächlich, weil der Impfstoff genverändernd ist. Ich esse ja auch keinen genveränderten Mais. Wieso sollte ich mir dann etwas Genveränderndes unter die Haut spritzen lassen?

Genverändernd oder nicht – es gibt ja Impfstoffe, die nicht auf der mRNA-Technologie basieren.

Ich glaube, wir werden nicht vernünftig aufgeklärt. Warum sind 2020 nur etwa 30.000 Menschen an Corona gestorben, aber 2021 dann 60.000? Die dritte Welle ging mit der Impfrate hoch. Das kommt mir komisch vor.

Sie meinen, da sterben Menschen wegen der Impfung?

Ich kenne Leute, die mit frisch Geimpften zusammen unterwegs waren und danach Corona hatten. Die Impfung kann zudem sehr gefährlich sein für das Herz. Der Fußballer zum Beispiel, bei der Europameisterschaft: Bumm, fällt der um! Der war auch geimpft. Ich finde einfach, das sollte man genauer untersuchen.

Wie ist das in Ihrer Familie, bei Ihren Freunden? Lassen die sich impfen?

Ja, in meinem Kreis sind einige Leute geimpft, so Hälfte-Hälfte. Meine Mutter ist 78 Jahre alt. Wir waren erst unsicher, ob sie sich impfen lassen sollte, aber jetzt ist sie doch zu skeptisch. Aber ich sage ganz klar: Meine Mutter kann machen, was sie will! Ich akzeptiere das. Ich akzeptiere sowieso, wenn andere sich impfen lassen. Das muss jeder für sich entscheiden.

Zur Person

Fabio Traut, 52, wohnt in Gropiusstadt in Berlin-Neukölln. Er war in den 1990er-Jahren viel auf Reisen in Asien, hat mal hier, mal dort gearbeitet, unter anderem als Taxifahrer. Heute ist er auf Hartz IV angewiesen.

Haben Sie keine Angst, sich mit Corona anzustecken und einen schweren Verlauf zu haben?

Ich glaube, dass Corona ungefähr so gefährlich ist wie eine Grippe. Ich bin 2016 selbst sehr schwer an Grippe erkrankt, ich war im Krankenhaus, mir ging es elend, ich dachte echt, ich gehe drauf. Zum Glück bin ich wieder gesund geworden, es gab ja 20.000 Tote, hieß es – wer weiß, wie hoch die Zahl wäre, hätte man damals auch jeden gezählt, der „mit dem Virus“ gestorben ist!

Sie misstrauen den Zahlen. Aber dass Corona lebensgefährlich sein kann, davon gehen Sie schon aus?

Es kommt darauf an, für wen. Für Menschen, die gesund sind, ist es weniger gefährlich. Es ist nicht so, dass ich keine Angst habe vor Krankheit und Tod. Ich lebe gerne! Wenn ich Pech habe, geht es mir richtig dreckig mit Corona. Vielleicht muss ich an den Tropf. Aber ich bin gesund, ich denke nicht, dass ich an die Beatmung müsste. Dafür sind die Maßnahmen überzogen.

Worunter leiden Sie genau bei den Maßnahmen? Wie haben sie die Zeit des Lockdowns erlebt?

Ich muss sagen, mich betrifft dieser ganze Lockdown nicht so sehr. Mein Leben ist nicht auf Konsum ausgerichtet, ich gehe nicht in die Kneipe. Ich kümmere mich viel um meine Mutter, wir sind oft zusammen in ihrem Garten. Das Einzige, was mich von den Maßnahmen betrifft, ist das Masketragen. Im Supermarkt setze ich sie richtig auf, aus Respekt vor den Menschen, die dort arbeiten müssen. Aber in der U-Bahn setze ich sie nur so halb auf. Man kann darunter nicht richtig atmen.

Wie erklären Sie sich denn, dass die Regierungen in Deutschland und anderso das Virus so viel gefährlicher einstufen als Sie es tun?

Ich weiß nicht genau, wieso diese Pandemie so aufgeblasen wurde von der Politik. Ich kann mir einen Zusammenhang vorstellen: Weil China nicht mehr liefern konnte, drohte eine Wirtschaftskrise wie 2008. Wie erklärt man das bloß den Bürgern, dass schon wieder so Scheiße gebaut wurde wie damals? Und Kredite aufgenommen werden müssen? Da ist die Pandemie schon eine gute Entschuldigung. Aber das ist nur so eine These. Wie damals mit Griechenland umgegangen worden ist, in der Wirtschaftskrise, das gefällt mir einfach nicht.

Es ist ja nicht nur die Politik, die das Virus als gefährlich einschätzt. Das tut ja vor allem der übergroße Teil der Wissenschaftlerinnen. Glauben Sie nicht, dass die das gut einschätzen können?

Die Wissenschaft ist ja auch abhängig von Geldern, ebenso die Ärzte. Manche machen nur Substitution und Impfen, haben keine richtige Praxis – da sieht man, dass es denen nur ums Geld geht. In Impfzentren kriegen die 150, 175 Euro pro Stunde! Stellen Sie sich das mal vor, dann gibt es die zweite, und bestimmt auch die dritte Impfung, um wieviel Geld es da geht!

Meinen Sie, Ihrem Hausarzt geht es auch nur um das Geld, wenn er Ihnen eine Impfung anbietet?

Nein, Dr. Janssen ist da anders, dem geht es nicht um das Geld. Der kann das sicher auch gut einschätzen, für wen die Impfung wirklich das Richtige ist. Ich war froh, dass von ihm kein Druck kam; er hat mich zwar gefragt, ob ich mich impfen lassen will, aber mich dann auch in Ruhe gelassen. Ich hatte die Sorge, dass er Auflagen erfüllen muss, soundsoviele Menschen impfen im Monat, und mich drängen will. Aber das hat er zum Glück nicht gemacht.

Sie kommen ja zur Substitution in die Praxis, das heißt, Sie waren mal abhängig von Heroin. Da hat Ihr Körper sicher auch schon Schlimmes durchgemacht?

Ja, und ich habe auch in den Neunzigern ein halbes Dutzend kalte Entzüge im Ausland gemacht. Da geht es einem fünf Tage richtig schlimm. Und nochmal fünf Tage sehr schlecht. Man steht es irgendwie durch.

Kann es sein, dass Sie deshalb weniger Sorge vor einer Covid-Erkrankung haben? Weil Sie schon durch schlimme Zustände gegangen sind?

Es ist nicht so, dass ich keine Angst habe vor Krankheit und Tod. Wie gesagt: Ich lebe gerne. Aber ich meine: Wenn ein viel gefährlicheres Virus kommt wie Ebola, was machen die denn dann mit uns? Sperren die uns weg, oder was? Und schicken das Militär auf die Straße?

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18:24 04.08.2021

Ausgabe 37/2021

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