Warum kann Heine nicht schlafen?

Sachlich richtig Von Schwadroneuren, feinironischen Romantikern und Gegenwartsbekämpfern. Der Literaturprofessor Erhard Schütz über neue Beiträge aus Germanistik und Literaturforschung
| Ausgabe 36/2013

Eine Geschichte der deutschsprachigen Literatur in 101 Fragen auf 190 Seiten – kann das gut gehen? Ja, auch wenn die Fragen manchmal an den Haaren herbeigeholt sind („Warum kann Heinrich Heine nicht schlafen?“), so sind sie doch oft selbst schon kleine Erhellungen, wenn etwa zu Gellert und Lessing gefragt wird: „Was ist ein Musterfall moralischer Planwirtschaft?“ Besonders zu Hause scheint der Band von Oliver Jahraus dort, wo die meisten sich nicht so auskennen, zwischen der frühen Neuzeit und der Aufklärung, während die Romantik etwas kürzer treten muss. Und die jüngste Gegenwart? Für sie steht einzig und allein Helmut Krausser. Darauf muss man erst mal kommen! Indes, und das versöhnt, auch Herbert Rosendorfer bekommt eine freundliche Zeile!

Mit dem Vorschlag von Jahraus, Gegenwartsliteratur über ihre Gegenwärtigkeit zu definieren, kann Michael Kleeberg nicht viel anfangen. „Die ‚Gegenwart‘ ist mein Feind und Gegner.“ Aber gerade weil er sich an ihr derart abarbeitet, sind seine jüngeren Romane wie Das amerikanische Hospital nicht nur Kommentare zur Gegenwart, sondern deren Fundierung in geschichtlicher Wahrheit. Der Saarbrücker Germanist Johannes Birgfeld hat dem Autor per Mail eine 140 Seiten lange Auseinandersetzung mit dem eigenen Werk, der Literatur, dem Lesen, der Zeit und dem Ethos des Schreibenden entlockt. Das ist weit mehr als eine gelungene Verlockung, Kleeberg zu lesen; das ist zugleich ein emphatisches Manifest für die Wahrheit und Wirklichkeit der Literatur.

Das Erzählen „bedarf keiner enzyklopädischen Stimmigkeit. Seine Suggestivkraft erlaubt es, eine Pluralität von Partialwelten koexistieren zu lassen, die durch eine Familienähnlichkeit von Motiven und Plot-Elementen oder durch Erfüllung desselben Schemas miteinander verknüpft sind, ohne dabei die Bedingungen einer rigiden Widerspruchsfreiheit einhalten zu müssen.“ Eine wissenschaftliche Erzähltheorie hingegen muss stimmig und widerspruchsfrei sein. Albrecht Koschorke erreicht das, indem er erklärt, dass eine angestrebte allgemeine Theorie „es mit kulturellen Prozessen zu tun“ hat, „die vielfach auch in anderen Vokabularien behandelt werden.“ Die Lizenz daraus nutzt er weidlich. Zudem suggeriert Koschorke, die bisherige literaturwissenschaftliche Forschung sei unzulänglich. Das schließt flugs die zahllosen narratologischen Einführungen aus, die Unzahl Bücher zum Storytelling im Marketing u.ä. ohnehin. Vorallem aber die Myriaden internationaler Kleinbeiträge zur Erzählforschung. Möglicherweise rechtfertigen Vielzahl und Unübersichtlichkeit eine derart selbstbewusste Setzung, sodass man schließlich eher eine allgemeine Kulturtheorie gelesen hat. Wer auf literarische Anschauung hofft, gar darauf, sich Lust aufs Erzählenlesen machen zu lassen, der bleibt mangelernährt.

Peter Kurzeck, verdienter Büchnerpreisträger in spe, ist ein Erzähler par excellence, ein mit allen Wassern gewaschener Chronist der Bundesrepublik (alt) oder – in seiner Terminologie – des alten Jahrhunderts. Kurzeck erzählt nicht nur, als habe er alle Zeit der Welt, sondern auch so, dass bei der Lektüre der tausend Seiten des letzten Bandes, Vorabend , die Erzählung über die Veränderungen von den fünfziger bis in die achtziger Jahre die Zeit stillzustehen scheint. Freitag -Leserinnen und -Leser haben ihm immer mal begegnen können. Nun gibt es die Gelegenheit – zum 70. Geburtstag des Autors – in der bewährten Reihe von Text + Kritik allerlei gediegene, manchmal auch seminaristische, aber immer kundige Aufsätze über Kurzeck, den unvergleichlichen Chronisten mit der unverwechselbaren Erzählstimme, zu lesen. Das lohnt selbst für notorische Kurzeck-Anhänger, werden darin doch immer wieder feine Verbindungen im Werk und darüber hinaus aufgedeckt, die begründen, was der Leser ahnte: dass wir es hier keineswegs mit einem naiven Schwadroneur, sondern mit einem feinironischen Romantiker zu tun haben, Bruder der Bettina von Arnim, Chamissos und der sammelnden Grimms gleichermaßen.

Die 101 wichtigsten Fragen: Deutsche Literatur Oliver Jahraus Beck’sche Reihe 2013, 190 S., 10,95 € Michael Kleeberg im Gespräch Johannes Birgfeld Wehrhahn 2013, 148 S., 16 € Wahrheit und Erfindung. Grundzüge einer Allgemeinen Erzähltheorie Albrecht Koschorke , S. Fischer 2012, 480 S., 24,99 € Peter Kurzeck. Text + Kritik Heft 199, R. Booberg Verlag 2013, 97 S., 18 €

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