Bleibt alles anders, die Zukunft war gestern.

Demokrapitalismus 2 Überall wo es auf die eine (positiv) oder andere (negativ) Art "aufwärts" geht, wartet schon die Gravitation auf ihren Moment. Zukunft bleibt unbeschworen wie eh und je.
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1. Die Kriege der Großmächte haben sich gewandelt. Der altmodische Krieg, der mit Panzern, Patronen und Platoons geführt wurde, ist nur noch etwas für Bürgerkriege in Afrika. Der heutige Krieg wird mit Geld geführt. Und der gelegentlichen Drohne zwischendurch. Es geht um Rohstoffe, Märkte, Einfluss, nicht mehr um Territorien. Am geschicktesten stellt es China an, dieses neue Kriegsspiel um die neue Macht, die sich nicht mehr in Bomben aufwiegen lässt, sondern in Konten. China spielt das Spiel sehr subversiv und hat sich so schon überall festgebissen, oftmals weitgehend unbemerkt. Die USA spielen das Spiel mit einer Mischung aus durchschaubarer Weltpolizeifassade und offener Marktdominierungsagenda. Womit keiner mehr rechnen konnte, war Putin. Er ist old school. Er erobert die Krim zurück. Das ist Territorium! Und wenn man den Putindeutern Glauben schenken mag, hat er es auch noch (und eigentlich) auf Kiew abgesehen, das eigentliche Herz Großrusslands soll wieder zu Russland gehören. Solche Territorialstrategie hatte niemand mehr auf dem Schirm. Und alle sind ratlos was zu tun ist.

2. Der neue Papst Franziskus ist eine wahre Überraschung. Die verkrustete vorvorgestrige Institution katholische Kirche schnappt frische Luft. Schwule, Lesben, Atheisten? Wer sei er um über sie zu richten? Pompöse Zurschaustellung finanzieller Dekadenz? Er wohnt in einer kleinen Wohnung, kleidet sich schlicht und fährt mit dem Bus. Den Kampf gegen die Mafia will er aufnehmen, den Demokrapitalismus hält er in einem fast schon politisch-sozialistischen Schreiben für grundfalsch und menschenunwürdig. Es rumort im Vatikan. Jorge Mario Bergoglio ist kein wirklicher Revolutionär, aber er schreckt die fossilen Strukturen auf. Manche Medien unken schon wann sein überraschender Tod durch Herzstillstand denn nun die Schlagzeilen machen werde. Am Samstag wurde bekannt, dass ein Paket mit Kokain in Kondomen verpackt von der Polizei Leipzig sichergestellt wurde. Schon im Januar. Adressiert war das Paket aus Südamerika an die Pressestelle des Vatikans. Kokain. In Kondomen. Aus Südamerika (die Medien verschweigen uns bisher ob es aus Argentinien ist). Ein Schelm der Böses dabei denkt. Das Giftgemisch im Getränk ist old school. Heute beseitigst du jemanden per Skandal.

3. Immer mehr amerikanische Staaten legalisieren die sogenannte "Homoehe", das englische Wort same sex marriage ist viel besser. In der Kunst, im Film, in der Musik, immer mehr Menschen bekennen sich frei zu ihrer Sexualität, die vor einigen Jahrzehnten noch fast überall gesetzlich verboten war. Man könnte meinen, es geht voran bei den Menschenrechten, es geht voran beim Zusammenleben verschiedener Lebensentwürfe. Doch in den USA halten bei Tea Party Rallies wütende Menschen die Bibel in die Luft und schreien "God hates fags!", in Frankreich gingen Zehntausende auf die Straße um gegen same sex marriage zu demonstrieren, in Russland und erst recht in Uganda wurden neue, sehr scharfe Gesetze gegen Schwule und Lesben eingeführt, wie auch an anderen Orten auf der Welt. In Baden-Württemberg sollte die Existenz von Homosexualität in der Schule nicht mehr verschwiegen werden. Zehntausende protestierten schriftlich, tausende auf offener Straße. Und ein Profifußballer hat sich geoutet. Nach dem Ende seiner Karriere.

4. Überall auf der Welt leben immer mehr Ausländer. Menschen, deren Vorfahren nicht auf dem gleichen Landstrich aufwuchsen wie die "Einheimischen". Menschen, die teils eine andere Kultur mitbringen, andere Sitten, andere Essgewohnheiten, andere Kleidung, andere Musik, anderes Temperament. Durch das Nebeneinander der Kulturen ist das "Fremde" zum "Anderen" geworden. Die Angst vor dem Fremden lässt langsam nach und das Andere wohnt eine Tür weiter. Doch die rechtsradikalen Parteien befinden sich im Aufwind, deutlicher in vergleichsweise wohlhabenden Staaten wie Frankreich, Holland, Österreich, Schweiz und in Skandinavien, nicht so sehr in EU-Krisenländern wie Griechenland und Spanien. In den USA ist es anders herum, dort herrscht der größte Muslimehass gerade in den ärmeren "Heartland"-Staaten, in denen kaum überhaupt Muslime leben. Vor einigen Jahrzehnten war ein Muslim ein amerikanischer Nationalheld: Cassius Clay a.k.a. Muhammad Ali. Heute ist allein der absurde Verdacht, Barack Obama könnte ein Muslim sein, Triebfeder der ultrarechten Tea Party, für die ein schwarzer Präsident nur einen Vorboten der Apokalypse darstellen kann. Nicht zufällig glauben viele der prominenten Tea Party Sprachrohre, u.a. Sarah Palin und Michelle Bachmann daran dass das Jüngste Gericht auf Erden noch in ihrem Leben passieren wird.

5. Wir westlichen Industrienationen klopfen uns auf die Schulter für unsere Grundrechte, für die Errungenschaften der letzten 200 Jahre: Für unser Recht auf freie Meinungsäußerung, freie Presse, freie Wahl (freedom of choice). Wir können zwischen 35 Cornflakes-Sorten wählen, zwischen fünf Dönerbuden in einer Straße, zwischen 300 TV-Kanälen, doch die Wahl ist nur Show. Wir konnten wählen zwischen Video 2000, BETA und VHS. Irgendwann gab es nur noch VHS. Das gleiche passierte mit den Alternativen HD-DVD und BlueRay. Mobilfunkkonzerne fusionieren, Medienkonzerne fusionieren, Apple nutzt jetzt auch Intel-Prozessoren. Wir konnten (in Nürnberg) wählen zwischen Tucher Bier, Lederer Bier, Zirndorfer Bier und Grüner Bier (Fürth), wir können das immernoch, doch gehören alle diese Brauereien jetzt Tucher. Wir konnten zwischen vielen, vielen Lebensmittelherstellern wählen, jetzt gehören die allermeisten davon Nestlé. Das Saatgut ist in der Hand von Monsanto, die Zigaretten in der Hand von Philip Morris. Facebook hat WhatsApp aufgekauft, Google hat YouTube aufgekauft. Samsung versucht uns Fernseher zu verkaufen, die eine derart hohe Auflösung haben dass das menschliche Auge den Unterschied gar nicht mehr bemerkt und es außerdem gar keine TV-Kanäle in dieser Auflösung gibt. Facebook, Google und Amazon nehmen uns die Wahl gar komplett ab, da sie uns customized content präsentieren, "auf unsere Bedürfnisse und Interessen zugeschnitten" aber ohne Neues, ohne Herausforderung, ohne Polarisierung, ohne Widersprüchliches, ohne Stolpersteine. Während Megakonzerne wie Google, Apple und Nestlé die Wahlmöglichkeiten minimieren, implodieren die mittelgroßen Konzerne, weil sie nicht mithalten können. Quelle, Karstadt, Kaufhof, AEG, Triumph-Adler - und das alles in Nürnberg in den letzten Jahren. Doch die Menschen scheinen zu lernen. Aus den Ruinen alter Großkonzerne stehen kleingliedrige Geschäfte auf. Einzelhändler, Bioläden, Second-Hand-Klamottenläden, Fahrradläden, Cafés die nicht Starbucks heißen.

Wohin also mit unserer Zukunft? Weg von der Global Economy? Leben abseits von EU-Richtlinien? Abseits von Interessenskonflikten riesiger Konzerne ohne ethischen Kompass? Abseits von Territorialansprüchen? Jenseits von Hass und Neid? Als Menschen? Wie soll das gehen, wenn wir doch immer in alte Muster zurückfallen? Vielleicht liegt die Antwort doch in den alten Mustern, in den ganz alten. Vielleicht ist es gerade der Fehler, vor diesen alten Mustern davonlaufen zu wollen. Wenn auch diese Muster uns ja hierher geführt haben. Ob wir Dinge anders tun würden, wenn wir wieder am Anfang stünden und wüssten was schief gegangen war? Ob die Menschheit klüger wäre?

Wäre, wäre, Heckenschere.

14:47 24.03.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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