Von Fingern und Federn

Winter Viele Menschen nutzen ihre Urlaubstage im Winter, um der Kälte zu entfliehen. Warum nehmen wir ihn nicht an, als Teil des Kreislaufs namens Leben?

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Der Winter kann ein Arschloch sein. Wenn der Himmel wochenlang in einem uninspirierten Fahlgrau vor sich hin hängt, kann es einem gehörig die Laune verderben. Außerdem muss man dauernd mehr Klamotten anziehen als einem lieb ist. Und wenn man daheim lüftet kriegt man Gänsehaut. Und so. Stimmt alles. Macht aber nichts.

Seitdem dem westlichen Wohlstandsmenschen mit gewissem Durchschnittseinkommen jede Möglichkeit geboten ist, dem zu entfliehen was ihn gerade nervt, tut er das mit eiliger Wonne: im Winter in die Sonne. Das heißt nicht mehr rauf auf den Berg und sich vor der Skihütte in einen Liegestuhl knallen. Nein, das heißt einen Flug nach Thailand oder Australien buchen. Wäre es nicht super wenn immer Sommer wäre?

Nein. Also ich fände es ganz abscheulich wenn immer Sommer wäre, das würde nämlich bedeuten – in meinem Fall – das ganze Jahr lang jeden Tag mehrere T-Shirts zu verbrauchen. Ich schwitze nämlich gern. Also nicht gern, aber zahlreich. Im Winter kann ich oft mit kurzem Hemd und Sakko auskommen, ich bin vermutlich zu weit südlich geboren und wäre in Kanada, Skandinavien oder Island besser aufgehoben. Nichtsdestotrotz: Wir leben hier eben in den sogenannten gemäßigten Breiten, also dem Teil des Erdballs, der sich das Spektakel der Jahreszeiten gönnt. Der jeden Spätwinter die Krokusse und Schneeglöckchen und Märzenbecher und Winterlinge sprießen lässt. Der im Herbst das Sommergrün in einen spektakulären Farbtopf tunkt. Der im Winter gelegentlich eine weiße Haube über alles stülpt. Und der im Sommer die Seen, Flüsse und Meere soweit aufheizt, dass man sich lange Zeit im Wasser aufhalten kann, und auch will.

Klar kann man dieser Systematik der Natur entfliehen mit ein bisschen Aufwand und Geld, aber welcher Gedanke steckt denn dahinter den Winter zu verachten und dem Sommer nachzureisen? Das Leben ist ein Kreislauf, der sich immer wieder erneuert. Es wird gekommen und gegangen was das Zeug hält. Kein Frühling funktioniert ohne einen Winter davor. Was wächst, verfällt, verwandelt sich und bereitet den Boden für neues Wachstum. Nur im aktuellen Irrsinn des Turbokapitalismus herrscht der Gedanke unendlichen Wachstums vor, ein so offensichtlich albernes Konzept, dass es erstaunlich ist, dass nicht jedes frisch eingeschulte Kind sich an den Kopf langen muss wenn es immer von unserem Zivilisationssystem mitbekommt.

Ist es übertrieben, den Winterflüchtlingen zu unterstellen, sie würden durch eine Thailandreise im Dezember das Grundprinzip des Lebens verleugnen? Aber sicher. Das will ich auch gar nicht. Außerdem gibt es genug wirklich gute Gründe, im Winter einen Urlaub ins Warme zu buchen, beispielsweise wenn man von Berufs wegen im Sommer nicht freinehmen kann. Nur sprang mir all das bei einem Winterspaziergang am Rande der Zivilisation ins Gesicht:

Die eigenartige Schönheit der kahlen Vegetation, die leeren, braun-grünen Felder, die blattlosen Weidenbäume am Flussufer, deren Zweige in einem ganz besonderen Hellbraun sich von den anderen Bäumen absetzen, der freie Blick durch skeletthafte Hecken in ungenutzte Gärten, das vertrocknete, mit Reif beschichtete Heu, das unter den Füßen knirscht und knistert, die fernen Bäume und Sträucher im Gegenlicht, die wie Finger nach dem Himmel greifen. Finger. Finger im Winter, Federn im Sommer. Der Winter holt uns auf den Boden zurück, den wir im Sommer oft verlassen wenn wir denken alles ist möglich und wir können alles erreichen und wir sind die Könige der Welt. Der Winter tut uns gut auf lange Sicht. Wir sollten ihn in unser Herz schließen und ihm nicht davonrennen. Er ist Teil von uns, er ist Teil von allem, vom Leben, dem Universum und dem ganzen Rest.

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Geschrieben von

Ernstchen

Wortbürger. Musikmann. Mitmensch.
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Ernstchen
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Urbaner Boden

Die Wohnungsfrage wird in politischen Debatten häufig als die neue soziale Frage bezeichnet. Zu einer Zuspitzung der wohnungspolitischen Herausforderungen hierzulande kam es, weil vor etwa zehn Jahren die großstädtischen Immobilienpreise und Mieten anstiegen – eine Entwicklung, die ökonomisch vor allem auf den Engpassfaktor Boden zurückzuführen ist

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