Fessenheim: Atom-Fantasien im Rückblick

Wunder-Roboter. Vor 40 Jahren strunzte Frankreichs Atomlobby, man habe bald einen Roboter, der sowohl Materialfehler im heißen Bereich aufspüren als auch reparieren könne. Alles Quatsch.
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Die letzten Stunden des AKW Fessenheim begannen am Freitag den 22. Februar 2020 gegen 18.00 Uhr, als die Leistung von Block 1 von 874 MW schrittweise heruntergefahren wurde. Etwa 7 Stunden später konnte man auf der Website des französischen Übertragungsnetzbetreibers RTE das Unterschreiten der Null-Megawatt-Linie beobachten. Danach blieb die Leistung für einige Tage bei - 18 MW, d.h. der Reaktorblock verbrauchte für die Abfuhr der Nachzerfallswärme zunächst die Energiemenge einer Kleinstadt.

Die Gewerkschafter der CGT meldeten im Verlauf des Freitag-Abends, ihr Atem würde schwächer, bald würde ihr Herz aufhören zu schlagen. Sie glaubten daran, dass ihr Kraftwerk ein sicheres sei. Noch am Donnerstag vor der Abschaltung hatte Radio France 3 Alsace gemeldet, ein anonymer EdF-Mitarbeiter habe damit gedroht, man werde streiken und sich weigern „den Aus-Knopf zu drücken“. Und das ist eine Ironie der Geschichte.

Streiks: AKW-Mitarbeiter weigerten sich, fehlerhafte Reaktoren zu beladen

Vor mehr als 40 Jahren, im Herbst 1979 weigerten sich die französischen Gewerkschafter, die damals neuen Reaktorblöcke in Tricastin im Rhonetal und Gravelines am Ärmelkanal mit Brennelementen zu beladen. An besonders heiklen Stellen im Reaktorstahl waren Risse entdeckt worden. Die größten waren (Vergangenheit) 7 bis 8 Millimeter tief und befinden sich dort (Gegenwart), wo die Ein- und Auslass-Stutzen des Primärkreislaufs in den Reaktordruckbehälter münden. Die Angabe der Riss-Tiefe von 7 bis 8 Millimetern war in den 1970ern korrekt, wie tief sie heute sind, ist nicht bekannt. Nur, dass sie sich nach wie vor dort befinden.

Dasselbe Problem kam 1979 auch in Fessenheim an die Öffentlichkeit: Risse im Stahl an eben dieser sicherheitsrelevanten Stelle, wo das gesamte Gewicht des tonnenschweren Reaktordruckbehälters auf den Rohr-Stutzen des Primärkreislaufs lastet. Das Problem war schon seit 1977 bekannt. Doch EdF gab es erst zu, als der Ingenieur Shoja Etemad auspackte: „Ein Framatome-Inspektor hat die Risse als erster gesehen. Mit bloßem Auge.“ Es war reiner Zufall. Etemad war jahrelang als Sicherheitsspezialist beim dem französischen Reaktorbau-Konzern beschäftigt und leitete die Untersuchung dieser brisanten Materialfehler. „Wie konnten die fehlerhaften Komponenten unentdeckt sämtliche Sicherheitskontrollen passieren?“ fragte damals der WDR. Die Antwort war ebenso banal wie erschreckend. Niemand hat dort Risse erwartet und deshalb hat auch niemand danach geschaut.

Bis heute ist nicht bekannt, ob die Menschen im Dreiländereck einfach nur Glück hatten, dass die enorme Belastung von Druck, Temperatur und Neutronenbestrahlung noch nicht dazu geführt hat, dass sich einer der Risse zu einem Durchbruch ausgeweitet hat. Eine Kernschmelze mit katastrophaler Freisetzung des hochgiftigen radioaktiven Inventars wäre unausweichlich gewesen. Oder ob es noch eine Zeitlang gut geht – zumindest noch bis zum 30. Juni 2020, wenn auch Block 2 heruntergefahren wird. Mit Sicherheit kann das niemand sagen, weder Befürworter noch Gegner der Atomkraft.

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Abb.: Trotz hervorragender geografischer Bedingungen in Frankreich ist die deutsche Solar- und Wind-Stromproduktion vierfach höher

Bald können die Nachbarn aufatmen, nach dem 30. Juni 2020, oder spätestens wenn die hochradioaktiven Abfälle aus Fessenheim an einen Ort gebracht sind, der zumindest sicherer ist, als die dünnwandigen „Butterbrot-Dosen“ in denen außerhalb des Containments die abgebrannten Brennstäbe gelagert werden.* Dann können die Menschen vielleicht auch über einen ganz besonders komischen Moment aus den alten WDR-Aufnahmen zu den rissigen Kesseln herzhaft lachen. Die Aussage: „Wir haben unsere Konstruktionsmethoden verändert, so dass Risse nicht mehr auftreten können“ ist nach dem Creusot-Skandal, der 2015 ans Licht kam, ein echter Schenkelklopfer. Es sei daran erinnert, dass Block 2 wegen des berüchtigten Dampferzeugers Nr. 335 ab 13. Juni 2016 die Betriebserlaubnis entzogen wurde und bis zum 9. April 2018 keine einzige kWh produzierte.

Alles im Griff, bis auf die Problemlösung

Doch so richtig können die Lachtränen erst laufen, wenn man sich anhört, wie der Framatome-Sprecher gegenüber Monitor fabulierte: “Theoretisch haben wir beide Probleme, das Erkennen der Risse und die Reparatur, gelöst.“ Man sei dabei, einen Roboter zu entwickeln, der die Risse im heißen Bereich erkennen und reparieren soll. Das klingt wie eine echte Sensation, bis der Sprecher klarstellt: “Was bis heute nicht gelöst ist, das ist die Frage, wie dieser Roboter gebaut werden soll.“ Tatsächlich, dieses Problem ist auch 4 Jahrzehnte später noch nicht gelöst und man traut seinen Ohren nicht, wenn man den Sprecher sagen hört: “Aber wir haben ja noch 6 bis 8 Jahre Zeit. Wir werden bestimmt früher fertig sein. Und wir haben überhaupt starke Zweifel, dass wir die Roboter je benutzen müssen. Wir werden sie aber gerne unseren Kollegen überall in der Welt zur Verfügung stellen, die vielleicht ähnliche Probleme haben werden.“ Die Originalzitate sind nachhörbar in der WDR-Monitor-Aufzeichnung.**

"Analytischer Rückbau" - mal sehen, wie's den Rissen geht?

Da der Wunderroboter auch 40 Jahre später nicht existiert, steht die Idee im Raum, den Rückbau zumindest eines der beiden Fessenheimer Meiler analytisch zu betreiben, sprich: beim Zerlegen des Reaktordruckbehälters genau die Stellen zu inspizieren, deren Risse seinerzeit dokumentiert wurden und aus dem Ist-Zustand Rückschlüsse für andere, noch in Betrieb befindliche Komponenten zu ziehen. Schließlich hat eine aktuelle Studie des Sicherheitsexperten Prof. Manfred Mertins ergeben, dass die französischen Reaktoren der 900 MW Baureihe allerlei Probleme haben. Die Europaabgeordneten Jutta Paulus (Bündnis 90/Die Grünen) und Michèle Rivasi (Europe Écologie Les Verts) kommentierten: „Das Sicherheitskonzept zur Laufzeitverlängerung der 900 MW- Reaktoren zielt hauptsächlich auf die Verbesserungen der Sicherheit im Bereich der Minderung der Folgen einer Kernschmelze.“ Nachrüstungen zur Verhinderung einer Kernschmelze seien nicht ausreichend. Das gelte für 32 der 58 Blöcke, die in den 1960er und 1970er Jahren konzipiert wurden.

Vermutlich wird man die Kontroll-Instanzen zum Jagen tragen müssen. Frankreich will sich nicht von der Atomkraft verabschieden, auch wenn das gerne mal fürs Publikum behauptet wird. Obwohl unsere Nachbarn geradezu perfekte geografische Bedingungen für den Ausbau Erneuerbarer Energien haben, hinken sie Deutschland dramatisch hinterher. Auch trotz erheblicher politischer Blockaden hierzulande liegt die installierte Leistung sowohl bei Solaranlagen als auch bei der Windkraft rund vierfach höher als in der Grande Nation. Es werden alle Register gezogen und nach dem Malefiz-Prinzip der Markt für die Erneuerbaren so gut es geht blockiert. In Frankreich gibt es einen hochplausiblen Grund, den der EdF-Chef Jean-Bernard Levy einst sehr eindrücklich erklärt hat: “Wir müssen immer weiter Atomkraftwerke bauen, in Frankreich und in Europa. Wenn ich ein Bild verwenden müsste, um unsere Situation zu beschreiben, so wäre es das eines Radfahrers, der nicht aufhören darf zu strampeln, damit er nicht umfällt.

Um Himmels Willen, möchte man fragen, was treibt den armen Mann an? Warum lässt er es nicht einfach sein, wenn seine Firma seit Jahren alle Atomprojekte in den Sand setzt und sogar vom Finanz- und Wirtschaftsminister gerüffelt wird, da eben diese subventionshungrige Industrie das Land regelmäßig an den Neuverschuldungsabgrund von Maastricht treibt? Nun, die zivile Atomindustrie ist der Infrastrukturgarant für die freundliche Atommacht von nebenan. Diese erneuert gerade ihre atomar angetriebene U-Boot-Flotte, welche unerkannt und mit enormer Reichweite die französischen Atomwaffen quer durch die Weltmeere zu den entlegensten Orten bringen kann. Eine Handvoll sündteurer Schiffsantriebsreaktoren sowie das gesamte Konzept der atomaren Abschreckung wären unbezahlbar, wenn nicht die zivile Seite für die Aufrechterhaltung der Lieferketten, für Kostenreduktion durch Stückzahlerhöhung und für die komplette Ausbildungsinfrastruktur geradestünde. Um das zu verschleiern kommt das Klimaschutz-Argument gerade recht. Doch diese Schein-Argumentation sollte in einer Demokratie Fragen aufwerfen.

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**Framatome-Ingenieure warnen 1979 in der WDR-Sendung Monitor vor eklatanten Materialfehlern in französischen Atomreaktoren

*„ … Die Brennelement-Lagerbecken befinden sich außerhalb der Reaktorgebäude in eigenen, an die Reaktorgebäude angrenzenden Lagerbeckengebäuden. Die Struktur der Lagerbeckenhalle besteht aus einem einfachen Metalldach, die Wandstärke beträgt ca. 30 cm. Ein sich in der Lagerbeckenhalle durch Verdampfung von Kühlmittel gegebenenfalls aufbauender Überdruck kann durch ein Öffnen einer Entlüftungsöffnung zur Umgebung abgesenkt werden […]

In deutschen Druckwasserreaktor-Anlagen hingegen befinden sich die Brennelement-Lagerbecken innerhalb des Containments im Reaktorgebäude. Dies gewährleistet bei den deutschen Anlageneinen umfassenden Schutz gegen Einwirkungen von außen, z.B. im Falle eines Flugzeugabsturzes, sowie die Spaltproduktrückhaltung im Falle von Brennelementschäden… . “

Aus der Sicherheitstechnischen Analyse zum AKW Fessenheim von Prof. Manfred Mertins, April 2016

18:18 02.03.2020
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