Gefahr aus dem Tal

Silicon Valley Das E-Book ermöglicht es, unser Leseverhalten immer stärker zu analysieren. Für die Zukunft des Buchs ist das eine schlechte Nachricht
Ausgabe 42/2013
Düstere Aussichten: Will Amazon überhaupt gute Bücher produzieren – oder einfach nur alles, was sich verkauft?
Düstere Aussichten: Will Amazon überhaupt gute Bücher produzieren – oder einfach nur alles, was sich verkauft?

Foto: Kevork Djansezian/ AFP/ Getty Images

So ungewiss die Zukunft der Buchbranche sein mag, ist eines doch gewiss: Im Silicon Valley gibt es jemanden, der schon jetzt das Verlagsgeschäft gewaltig aufmischt. Ist das nun eine gute oder eine schlechte Nachricht? Die Unternehmer und Hacker im Silicon Valley glauben natürlich ersteres. Sie halten sich für die Erben der Aufklärung, die durch die Organisation des gesamten Weltwissens unsere Kultur als Ganze bereichern.

Aber wir sollten auf diese naive Vision nicht hereinfallen. Wissen ist nicht gleich Wissen. Das Wissen, das im Silicon Valley produziert wird, gibt neuartigen, widersprüchlichen und unpopulären Ideen wohl kaum eine Chance. Die Unternehmen dort sind mit Big Data gerüstet wahre Meister darin, Risiken festzustellen und Produkte im Vorfeld auszusortieren, die keine Marktchance haben. Das Silicon Valley wird die Kulturindustrie zwar nicht vernichten – es wird sie aber selbstzufriedener, langweiliger und wohl auch anti-intellektueller machen.

In der Bildung geschieht das bereits in Ansätzen. Die Universitäten richten sich auf die pragmatischen Bedürfnisse des Marktes aus. Infolgedessen werden ganze Fakultäten verschwinden – und mit ihnen wertvolle Forschung.

Ähnlich verhält es sich mit der Welt der Literatur: Die Unternehmen im Silicon Valley denken ausschließlich in Produkten – Bücher, Geschichten, Seminare, Qualifikationen –, aber nicht in Form eines holistischen Umfeldes, das für die Entstehung herausragender Kulturgüter notwendig ist. Ihnen ist nicht klar, dass viele Faktoren und Institutionen – Buchläden, Buchmessen, Rezensionen – die Qualität des Produkts prägen. Fallen diese Faktoren und Institutionen weg, leidet zwangsläufig die Qualität. Amazon sollte bewusst sein, dass es sich selbst ins Knie schießt, wenn es den Buchhandel schwächt. Mit der literarischen Kultur schwindet auch die Nachfrage nach guten Büchern. Andererseits: Will Amazon überhaupt gute Bücher produzieren – oder einfach nur alles, was sich verkauft?

Noch mehr Anlass zur Sorge gibt die Frage nach der Privatsphäre. Werden wir noch die Möglichkeit haben, anonym und selbstbestimmt zu lesen, wenn Unternehmen wie Amazon erst einmal die gesamte digitale Lese-Infrastruktur gehört? In Zukunft werden wir E-Lesegeräte wie den Kindle wohl nicht mehr kaufen, sondern sie „kostenlos“ erhalten und dafür mit den Daten bezahlen, die während der Nutzung generiert werden. Was und wann wir lesen, wird dann von Amazon mit allen anderen Informationen über uns auf einem Server gespeichert – und damit auch der NSA und anderen Geheimdiensten zugänglich sein. Wie viele Menschen aber werden es in einem solchen Umfeld noch wagen, sich mit gefährlichen Ideen auseinanderzusetzen? Wenn man einen Link geschickt oder ein Buch empfohlen bekommt, wird man es sich da nicht zweimal überlegen, ob nicht irgendjemand irgendwo den Inhalt für „gefährlich“ halten könnte?

Wir dürfen nicht müde werden, auf diese Nebenwirkungen aufmerksam zu machen. Holen wir uns die Fahne der Aufklärung vom Silicon Valley zurück!

Dieser Text ist ein Auszug aus der Rede, die Evgeny Morozov im Rahmen der Script-Party hielt – einer Veranstaltung des Freitag , des Murmann-Verlags und der Frankfurter Buchmesse

Morozovs Buch Smarte neue Welt ist soeben im Blessing Verlag erschienen

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Übersetzung: Holger Hutt

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