Schulden, die ersten 5000 Jahre

Neue Moral gefällig? Der Versuch einer Zusammenfassung der Thesen von David Graeber
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Weder Hochmut gegenüber marxistischen Positionen, noch die Meinung Kapitalismus habe sich durchgesetzt sind Inhalt seiner Thesen. Auch hütet er sich, in diesem Buch, davor konkrete Handlungsanweisungen zu liefern.

Vielmehr sieht er existente Formen von Kommunismus "selbst wenn nur zwei Menschen miteinander zu tun haben." Ich halte die komplette Lektüre für empfehlenswert. Auf 536, nicht immer leicht lesbaren, Seiten erschließt sich ein neues Bild des weltweit herrschenden Finanzsystem, das unabhängig von gängigen Sichtweisen ist.

Keineswegs existiert für ihn „das heilige Prinzip…..jeder müsse seine Schulden zurückzahlen“. Diese Verpflichtung ist für ihn eine schamlose Lüge: „Diese Verpflichtung gilt immer nur für einen Teil von uns“.

Seine Aufforderung ist: werfen wir unsere überkommene Moral über Bord und wagen wir einen Neuanfang.

Er spricht davon, das uns die „Schuldenmaschine auf das moralische Niveau von Konquistadoren herabgedrückt hat". Die Konquistadoren beschreibt er als eine räuberische, blutrünstige Bande deren Verrohung aus ihren Schulden und dem Wunsch es ihren, luxuriös lebenden, Gläubigern gleich zu tun, resultiert.

Diese Sichtweise öffnet, unter anderem, auch den Blick auf die Herkunft >>unserer<< Rohstoffe und vieler Fertigprodukte aus Ländern deren Lebensumstände, für die Bevölkerung, uns bisher „am Arsch vorbei geht". Er sieht uns, durch die bestehende Schuldmoral, herabgewürdigt zu Plünderern, „die ihre Umwelt nur als Ansammlung von Dingen betrachten, die potentiell zu Geld gemacht werden können“.

Er entlarvt nicht nur die Annahmen vieler Ökonomen als historisch falsch, sondern er wirft den Führern der historischen Arbeiterbewegung vor diese falschen Annahmen „begeistert begrüßt“ zu haben. Damit wurden, so Graeber, unsere Vorstellungen der Möglichen Alternativen zum Kapitalismus, fehlgeleitet.

Für ihn beruht der Kapitalismus „auf einer vollkommen falschen, ja abwegigen Vorstellung“ von menschlicher Freiheit. Der Kapitalismus ist für ihn ein utopischer Traum der, wie alle utopischen Träume nicht verwirklicht werden kann. Dazu führt er aus, dass ein universeller Weltmarkt ebenso wenig geschaffen werden kann „wie ein System, in dem sich jeder, der kein Kapitalist ist, in einen respektablen, regelmäßig bezahlten Lohnarbeiter mit Zugang zu einer angemessenen Zahnpflege verwandeln kann“.

Weil es eine solche Welt nie gab und nie geben wird, löst sich in dem Moment, „da eine Aussicht darauf besteht, dass diese Vision wahr wird“ das ganze System auf. Das Ende dieser Illusion erleben wir gerade.

Zum Schluss ein letztes Zitat zu dieser derzeitigen Situation, gerichtet an Wortführer „Linker“ Positionen:

"Ganz ähnlich wie bei den großen Religionen hat sich die Logik des Markts sogar in das Denken derer eingeschlichen, die sie am entschiedensten ablehnen."

Schulden. Die ersten 5000 JahreDavid Graeber Aus dem Amerikanischen von Ursel Schäfer, Hans Freundl und Stephan Gebauer, Klett-Cotta 2012, 536 S., 26,95

12:59 05.07.2012
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Geschrieben von

fahrwax

Lieber auf dem Wagen, als unter den Rädern.... Bekennender, autonomer Pferdeknecht
fahrwax

Kommentare 9

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