Felix Werdermann
17.06.2013 | 11:30 18

Das Problem ist die Werbung

Rundfunk Im Internet werden Unterschriften gegen die Erhebung der Einschaltquote gesammelt. Die öffentlich-rechtlichen Sender sollten aber besser die Werbe-Spots verbannen

Das Problem ist die Werbung

Illustration: Otto

Qualität statt Quote. Schon aus Eigeninteresse dürfte Stefan Hermes diese Position vertreten. Er ist Dokumentarfilmer und sammelt im Internet Unterschriften für ein Ende der Einschaltquotenerhebung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Auf der Seite wegmitderquote.de haben in den ersten Tagen 400 Personen den Appell unterzeichnet. Ginge es nach der Quote, wäre das ein überschaubarer Erfolg. Aber Hermes will die Unterschriften auf jeden Fall an den deutschen Bundestag übergeben. Eigentlich wären jedoch ARD und ZDF die richtigen Adressaten.

„Sender und Redaktionen sollten sich wieder über Inhalte, nicht über die Marktanteile ihres Programms definieren können“, schreibt Hermes in seinem Aufruf. Dafür muss freilich die Einschaltquote nicht abgeschafft werden, wohl aber die Werbung.

Im Moment regiert im Fernsehen eine unheilvolle Allianz von Quote und Werbeeinnahmen. Je mehr Leute zugucken, desto teurer lassen sich die TV-Spots verkaufen, desto besser die Kassenlage der Sender. Zugleich scheint ein beliebtes Programm mit hoher Quote die beste Maßnahme zu sein, um die Akzeptanz der Fernsehgebühren und die Zahlungsmoral der Bürger zu befördern.

Schlechter Abklatsch des Privatfernsehens

Das ist ein Irrglaube, denn das ständige Schielen auf die Quote lässt die öffentlich-rechtlichen Sender zu einem teuren, aber schlechten Abklatsch des Privatfernsehens werden. In der Wirtschaftssprache würde man sagen: Der Markenkern geht verloren und damit der Wettbewerbsvorteil. Wer will Gebühren zahlen, wenn die gleichen Sendungen bei RTL oder Sat.1 zu sehen sind, und zwar scheinbar kostenlos? (Die Zuschauer zahlen letztlich über teurere Produkte, zu denen sie durch die Werbung verführt werden; aber das ist den meisten nicht bewusst.)

Trotzdem machen ARD und ZDF weiter wie bisher – alle Verantwortlichen halten an dem Zwitter „öffentlich-rechtlicher Sender“ fest: Es sollen sowohl die Zuschauer als auch die Werbeindustrie zahlen. Niemand traut sich, das infrage zu stellen. Schließlich würden Einnahmen wegbrechen – egal, ob man Werbung verbietet oder die Gebührenfinanzierung aufgibt.

Die Zwitterhaftigkeit haben auch viele Linke nicht verstanden, die aus politischer Überzeugung keine Gebühren zahlen. Ihr Argument: Warum sollen wir für teure Fußballübertragungen und Unterhaltungsshows unser Geld hergeben? Abgesehen davon, dass diese Haltung ziemlich elitär ist, verkennt sie, dass ohne Gebührengelder das Fernsehen noch schlimmer würde.

Die Sender orientierten sich ohne Gebühren nur noch an den Wünschen der Werbeindustrie. Das Programm dürfte die Konsumlaune nicht drücken, kapitalismuskritische Beiträge hätten ohnehin keine Chance.

Quote als Information ganz interessant

Aber ist es nicht unfair, dass alle Haushalte eine Gebühr zahlen müssen, ob sie wollen oder nicht? Die Gleichmacherei ist in einer Hinsicht problematisch: Alle zahlen gleich viel, unabhängig vom Einkommen (es gibt lediglich Ausnahmen für Geringverdiener). Ansonsten ist das Zahlsystem jedoch sinnvoll. Erstens ist eine allgemeine Zahlpflicht nichts Neues. Steuern zahle ich auch für Straßen, die ich nicht befahre. Zweitens wäre eine individuelle Erfassung viel zu aufwendig. Eingeführt wurde die Gebühr, als nur wenige Leute einen Fernseher hatten.

Und die Einschaltquote? Die sollte man weiter erfassen, wenn die Werbung erfolgreich abgeschafft worden ist. Als Information über Popularität ist die Quote ganz interessant; sie dürfte nur nicht zur alleinigen Entscheidungsgröße über Programme werden. Quote ja, Werbung nein. Wenn die Unterschriftensammlung eine solche Diskussion beförderte, dann hätte sie etwas gebracht.

Kommentare (18)

h.yuren 17.06.2013 | 13:59

lieber felix,

das thema ist seit der umstellung auf einheitsgebühren pro haushalt heiß. wie sollen die leutchen ohne fernseher verstehen, dass sie tv-gebühren zahlen müssen?

die autosteuern sind doch auch nicht für alle gleich, für den suv- wie für den kleinstwagenfahrer. was für die ard das einfachste und finanziell günstigste modell ist, muss das nicht für alle empfänger sein. wenn die kontrolle zu schwierig ist, dann könnte der geprüfte zur zahlung der untersuchung herangezogen werden. wo ein wille ist...

grüße, h.

Pagano 17.06.2013 | 16:35

Hab' mich gerade auf der Seite "Weg mit der Quote" gegen die Einschaltquote beteiligt. Bin nicht der Ansicht, dass das Problem die Werbung ist. Klar, durch die Werbung kam es zur Quotenerhebung - auch bei den ÖR. Doch Werbung gibt's hier nur bis 20:00 Uhr. Und dann fängt das eigentliche Dilemma ja erst an: Die Primetime!

Weil es hier eben auch um Quote geht, ist aus Information "Infotainment" geworden, aus wissenschaftlichen Medizinsendungen wurde "Hirschhausen". Pilavisierung und Jauchzen bis 23:00 Uhr. Dann kommen die ersten Beiträge, die dem ÖR auch in der Primetime so gut stehen würden. Aber leider erst dann. In der Primetime wird überall gedudelt. Hier braucht es eine Alternative, für die ich auch gerne bereit wäre, Rundfunkgebühren zu zaheln. Aber so...

Felix Werdermann 17.06.2013 | 16:45

Ja, in der Primetime ist die Quote auch ein Problem, jedoch nur, weil die ÖR sich immer mit den Privaten vergleichen wollen. Und warum? Weil die ÖR in Konkurrenz zu den Privaten stehen und ihnen nicht mehr zugesprochen wird, einfach den Bildungsauftrag zu befolgen und dann ist gut.

Ich räume ein: Die Verwendung der Quote ist und wäre vielleicht auch ohne Werbung problematisch. Jedoch will ich es nicht generell verdammen, dass man mal erhebt, wie viele Leute überhaupt eine Sendung sehen.

Pagano 17.06.2013 | 16:57

Sorry, anders herum wird ein Schuh draus: Quote für die Werbung, ja, aber "dass man mal erhebt, wie viele Leute überhaupt eine Sendung sehen" ist ja die Eröffnung des Wettbewerbs, der nur auf Quantität setzt. Wer Qualität sendet, wird sich darüber im Klaren sein, dass zwar weniger "glotzen" aber mehr gucken und verstehen. So, wie sich arte darüber freuen würde, nicht immer an der Ein-Prozent-Hürde zu scheitern, wäre es für die ÖR entspannend, als Qualitätssender zu gelten, die im Auftrag der zahlenden Bürger produzieren und senden.

Felix Werdermann 17.06.2013 | 17:13

Ich weiß nicht, warum die Erhebung von Einschaltquoten automatisch dazu führen muss, dass alle nur noch auf die Quote starren. Wenn es für die ÖR wegen Abschaffung der Werbung wieder klar ist, dass sie entspannt als Qualitätssender gelten können ohne ständigen Legitimationszwang und direkte Konkurrenz, dann ist die Quote eben nur noch ein interessanter Faktor unter mehreren.

Achtermann 17.06.2013 | 18:06

@ Felix Werdemann

"Je mehr Leute zugucken, desto teurer lassen sich die TV-Spots verkaufen, desto besser die Kassenlage der Sender."

Diese Aussage ist zu relativieren, wenn man auf den prozentualen Anteil der Werbeinnahmen blickt. Es sind ungefähr 6,5 Prozent. Würde man diese doch magere Prozentzahl auf die Gebühren umlegen, käme ein vergleichsweise geringer Betrag auf jeden Haushalt zu. Deshalb ist eher zu fragen, weshalb die Politik diesen Weg scheut.

Sanne 17.06.2013 | 20:23

freitag.de bzw. der Freitag sind keine öffentlich-rechtlichen Medien. Sicherlich wäre es aus vielen Gründen schöner, auch hier auf Werbung verzichten zu können - Unabhängigkeit macht ein Medium schließlich noch glaubwürdiger. Öffentlich-rechtliche Medien verfolgen ihren Bildungs- und Demokratieauftrag allerdings ihrem Name entsprechend für die Bürger mit öffentlichen Mitteln. Um diesen erfüllen zu können und einen solidarisch von allen gezahlten Beitrag, der einer Steuer gleichkommt, zu legitimieren ist die Unabhängigkeit allerdings zwingend notwendig. Für derartige Losgelöstheit von der Wirtschaft ist dieser Beitrag - wenn auch nicht besonders sozialverträglich ausgestaltet - ja theoretisch da.

weinsztein 18.06.2013 | 05:30

Immer wieder starten Privatsender (RTL, Pro7-gruppe und Konsorten) bzw. deren Lobbyisten Kampagnen. Denen geht es um Werbeeinnahmen, bzw. um die Minderung von Verlusten.

Hohe Quote = hohe Werbeeinnahmen.

Dieses ewige Geplärre. Etwa, die Öffentlich-Rechtlichen Sender sollten sich ihres Bildungsauftrags besinnen und fürderhin auf Werbung verzichten. Warum? Warum sollten sich sich dem Wettbewerb mit den Privatsendern nicht stellen?

Hintergrund: Im vorigen Jahr und seit Jahresbeginn 2013 haben die Privaten im Vergleich zu den Öffentlich-Rechtlichen Sendern ziemlich schlechte Quoten.

Dabei lagen die Privatsender vor wenigen Jahren sie noch vorn. Welchem Bildungsauftrag folgt eigentlich deren Gesocksfernsehen?

Nun mögen Privatsender die Quoten nicht mehr.

Man beachte die Spartensender von ARD und ZDF, außerdem Arte, 3sat, Phoenix, KiKa usw. Und die Dritten Programme. Die definieren sich per Inhalten, nicht über Quoten.

Alle zwei Jahre derselbe Scheiß, inszeniert von Verantwortlichen vom privaten Gesocks-TV.

Hermes 18.06.2013 | 09:52

Verehrter Weinsztein, Ihre Deutlichkeit zeugt von einer tiefen Abneigung allen Privaten gegenüber. Dabei müssen auch Sie erkennen, dass die werbefinanzierten und quotenorientierten Programme genau das senden, was der Großteil der Zuschauer sehen möchte. Also ist letztlich die Kritik an der Niveaulosigkeit des Programms auch eine Gesellschaftskritik, der ich mich gerne anschließen würde, wenn Sie es denn so gemeint haben.

Sie schreiben "Warum sollten sie sich dem Wettbewerb mit den Privatsendern nicht stellen?" - Ganz einfach: Weil diesen Wettbewerb nur der gewinnen kann, dem es gelingt den kleinsten gemeinsamen Nenner (des Anspruchs) zu finden und auszustrahlen. Deswegen: Weg mit der Quote!

lebowski 18.06.2013 | 23:10

Die ÖRs sind Rentenanstalten mit angeschlossenen Fernsehsendern und obendrein Entsorgungsunternehmen für Politiker aller Art. Die brauchen jeden Cent für die Versorgung ihrer Mitarbeiter. Zu glauben, dass die auf eine Geldquelle freiwillig verzichten würden, ist einigermaßen aberwitzig. Ich fürchte, dass das , was nach der Einführung der Haushaltsgebühr passiert ist, schon der Gipfel des Werbeverzichts war: der "Tatort" wird mir nicht mehr von Krombacher präsentiert.

weinsztein 19.06.2013 | 04:07

Die öffentlich-rechtlichen Quotenmacher stellen sich der privaten Konkurrenz und sind dabei seit gut einem Jahr überaus erfolgreich. Kann man u.a. nachlesen auf ARD-Text 444. Es ist das Ziel der Privatsender, die öffentlich-rechtlichen so weit zu marginalisieren, dass Gebührengelder politisch nicht mehr zu verantworten wären.

Die Schlacht um die Quote begann mit dem Aufkommen der Privatsender. Die öffentlich-rechtlichen Sender gerieten damit unter einen Wettbewerbsdruck, dem sie sich stellen mussten, wollten sie nicht das Schicksal vergleichbarer Anstalten wie in den USA erleiden. Die werben in ihren Programmen um Spenden, gegen die Privaten haben sie nichts auszurichten. Ich gehe davon aus, dass auch Sie solche Zustände nicht wollen.

Sie werden sicher meiner Behauptung zustimmen, dass Sender wie RTL, RTL2, Pro7, SAT1 und so weiter qualitativ ARD und ZDF unterlegen sind. (Ich meine nicht irgendwelche Soaps, sondern die 24 Stunden ausgestrahlten Programme all dieser Sender.)

Dazu aber bieten die öffentlich-rechtlichen Sender ihre Spartenprogramme an, außerdem die "Dritten" Programme (die übrigens das ARD-Programm stemmen), außerdem Kika, arte, 3sat, phoenix und so weiter. Welche Alternativen haben da die Privaten zu bieten?

Dass die Öffentlich-Rechtlichen auf Werbung verzichten sollten, ist Teil einer neuen Kampagne der Privatsender. Ebenso, dass sie einem Bildungsauftrag verpflichtet seien. Die Privaten sind keinem Bildungsauftrag verpflichtet, eher aber der Werbewirtschaft.

Solche Hintergründe sollte man kennen, als Autor oder als Kommentator.

Berufsjugendlicher v2.0 22.07.2013 | 19:08

Die Werbeverzichtkampagne kam sofort mit den Privatsendern.

Außerdem schießen die Zeitungsverleger aus allen Rohren, wie man an der Befristung der Bereithaltung von Sendungen in Mediatheken gesehen hat.

Dennoch, die ÖR-Radiosender quatschen einen voll, packen die Werbung oben drauf und der BR verlangt für einen Sendungsmitschnitt des Französisch-Kurses 299 Euro. (39 Sendungen) Zum Glück stehen sie inzwischen auf Youtube.

Ich zahle GEZ unter Vorbehalt und warte auf den Tag, wo einem 8 Mrd. Zuschuss / Haushaltsgebühr der Stecker rausgezogen wird.

Bevor nicht die Geldschneiderei der ÖR beendet wird, kommt keine vernünftige Diskussion um Inhalte auf. Was will ich auch erwarten, wenn der Oberlaberdödel vom WDR mit fast 400 Riesen im Jahr nach Hause geht.

weinsztein 24.07.2013 | 03:08

Noch mal: öffentlich-rechtliche Sender sind nicht nur ARD, ZDF, sondern auch die so genannten Dritten Programme, ARTE, 3Sat, Phönix, Kinderkanal, ARD Festival..., ZDFNeo und viele andere.

Sie, Berufsjugendlicher, können nicht ernsthaft behaupten, dass diese Programme Sie "vollquatschen".

Dieses ör-Programmangebot ist tatsächlich nur per Fernsehgebühren möglich, hat aber nichts mit "Geldschneiderei" zu tun.

Fast 400 000 € für einen "Oberlaberdödel" vom WDR, wen auch immer Sie damit meinen, klingt nach viel Geld. Die Privatsender zahlen diesen Oberdödlern noch viel mehr.

Sie finanzieren das per Werbung und machen reichlich Profit. Bitte beachten Sie entsprechende Zahlenwerke von RTL oder pro7 nebst mediagroups.

Dieser Blog ist Teil einer Kampagne. Privatsender verlieren Marktanteile an die öffentlich-rechtlichen Sender. Also bekämpft Gesocks-TV das Qualitäts-TV.

Darum geht es: Privat-TV hätte gern höhere Werbeeinnahmen. Privat-TV lebt vor allem davon. Die ÖR kassieren Gebühren und heben das Bildungsniveau der Menschen, trotz aller genannten Unterschreitungen.

Wir können gern diskutieren. Bitte, nennen Sie mir ein Land, dass qualitativ besseres Fernsehen anbietet als Deutschland.