Wer hat Angst vor Knirpsen in roten Overalls?

Halloween Dieses Jahr waren bei Kindern Squid-Game-Kostüme der Renner – Eltern und Politiker waren schnell empört. Doch die Debatte ist so alt wie das Fest selber
Klein und Groß haben sich nie nur harmlos als Harry Potter verkleidet
Klein und Groß haben sich nie nur harmlos als Harry Potter verkleidet

Foto: Billy H.C. Kwok/Getty Images

Schreck, lass nach! Kinder schlüpften an Halloween in Squid-Game-Kostüme, mehrfach sollen Knirpse in roten Overalls gesichtet worden sein, wie sie durch die derzeit erfolgreichste Netflix-Serie weltweit bekannt geworden sind. Dabei ist die koreanische Dystopie über einen brutalen Wettbewerb, bei dem hochverschuldete Menschen in an Kinderspiele wie „Ochs am Berg“ angelehnten Etappen gegeneinander antreten, alles andere als jugendfrei. Es geht um einen Millionengewinn, doch wer verliert, bezahlt mit seinem Leben. In Deutschland werden die neun Folgen mit einer Freigabe ab 16 Jahren empfohlen.

Woher also kennen Schüler diese Serie oder zumindest deren Ikonografie? In Schleswig-Holstein sollen in einer Kita die Kleinen gar Spiele daraus nachgestellt haben, ein Kind habe angeblich „Ich töte dich“ gerufen. Auch diese Nachricht wurde in der Woche vor Halloween durch die Medien gejagt. Das Bildungsministerium Thüringen fühlte sich schließlich bemüßigt, Eltern vor der Serie zu warnen. Dabei ist der Freistaat sonst eher weniger für Aufklärung bekannt, siehe NSU.

Doch wer muss da eigentlich wovor geschützt werden? Die Debatte um die vermeintliche Verrohung der Jugend durch Gewaltdarstellungen ist so alt wie die Medien selbst, in denen sie stattfinden. Das klang schon bei Die Halbstarken hohl und hörte bei Egoshootern noch lange nicht auf. Das Interessante an der nun erneut aufgewärmten Diskussion ist die Schleife, die sich hier zeigt: Die in einer fiktiven Serie von Erwachsenen mit tödlichem Ernst nachgeahmten Kinderspiele werden nun im realen Leben von Kindern wieder angeeignet, nur eben im neuen Gewand. Alles nur Spaß? Zu Schaden gekommen ist jedenfalls niemand.

Dabei ist auch die Hysterie um irritierende Kostüme an Halloween nicht neu. Klein und Groß haben sich nie nur harmlos als Harry Potter verkleidet oder sind als Prinzessin durch die Straßen gezogen. Grusel und Erschrecken gehören ebenso dazu wie die Aneignung popkultureller Phänomene, ob mit Michael Myers’ Maske aus Halloween oder als Horrorclown aus Stephen Kings Es. Es wird gern vergessen, dass es bei Halloween, ebenso wie beim Karneval, traditionell auch um nicht zimperliche Geisteraustreibung geht. Beim Verkleiden als jemand oder etwas anderes wird zeitlich begrenzt eine Umkehr der Werte zelebriert, wie der Kulturphilosoph Michail Bachtin dargelegt hat. Die Welt wird auf den Kopf gestellt, Machtposen parodiert und durch Übertreibung als grotesk entlarvt.

Wem also beim Anblick uniformierter Knirpse das Lachen im Halse stecken bleibt, mag erkennen, dass die Kinder unbewusst vor allem gesellschaftliche Verhältnisse nachspielen. Geht es am Ende also womöglich gar nicht um die Gefährdung der Kleinen, sondern eher um den Schrecken der Erwachsenen, in den Kindern den eigenen Leistungsdruck und die Konformität gespiegelt zu bekommen? Netflix wird die Aufregung um Squid Game so oder so freuen. Die ausgestellte „Kapitalismuskritik“ ist Markenkern ihres Verkaufsschlagers. Und eine Warnung war schon immer die beste Werbung.

Sinnvoller als das ewige Rufen nach strengerem Jugendschutz und Verboten wäre eine Medienbildung, die digitale Kompetenz dafür fördert, mediale Inhalte und ihre Inszenierung kritisch zu analysieren und einzuordnen. Das freilich ist ein größerer Kraftakt, als einem fiktiven Format über pervertierte Kinderspiele kurz den Schwarzen Peter zuzuschieben.

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