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Die Buchmacher Hat der Plattformkapitalismus neben der Datensammelei auch progressives Potential? Timo Daum geht dieser Frage in seinem Buch nach
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Illustration: Susann Massute aus dem besprochenen Buch

Als die Bundesregierung im November 2018 die künstliche Intelligenz (KI) zum „Markenzeichen für Deutschland“ erklärte, dürfte vielen nur bedingt klar gewesen sein, was genau damit gemeint war. Geht es um lernende Roboter? Um die sich fortlaufend selbst optimierenden Algorithmen von Google und Facebook, um selbst fahrende Autos oder darum, dass Roboter uns allen bald die Arbeitsplätze wegschnappen werden, was wahlweise zu Angst oder euphorischer Erwartung führt?

Konzise Aufklärung zum Thema bietet der Berliner Hochschullehrer Timo Daum. Auf 250 Seiten schlüsselt Die künstliche Intelligenz des Kapitals den Stand der Forschung in Sachen KI auf, erklärt, wie die Inwertsetzung gesammelter Daten funktioniert und wer die globalen Player vom Silicon Valley bis China sind. Nicht nur das: Ein Ausblick zeigt linke, emanzipatorische Perspektiven auf KI auf. Die Digitalisierung gilt schließlich vielen Antikapitalisten als Sprungbrett in eine bessere Welt.

Mit dem Plattformkapitalismus von Apple, Amazon, Microsoft, Google und Facebook entstehe ein neues Akkumulationsmodell, so Daum. Es gehe nicht mehr darum, aus Rohstoffen Waren herzustellen, vielmehr „schöpft“ der „datenextraktive Kapitalismus“ mithilfe der Plattformen Daten, die der User umsonst zur Verfügung stellt. Je mehr gesammelt wird, desto leistungsfähiger werden die sich verbessernden Algorithmen. Dabei bieten Plattformen immer mehr cloudbasierte Dienste, die zur Grundversorgung im digitalen Zeitalter gehören, während Google und Co. die dort hinterlassenen Daten der User einsammeln.

Dieses Geschäftsmodell praktizieren nicht nur die oben genannten „Großen Fünf“, die in den USA seit einigen Jahren die Spitzenplätze im Umsatzranking belegen. Sondern auch – in Asien – Alibaba und andere Plattformen. In China ist überdies der Staat mit im Boot, das Datensammeln dient dort auch der sozialen und politischen Kontrolle. Die Datenmengen, die in China etwa im Bereich der Gesichtserkennung gesammelt werden, übertreffen jene in Europa bei Weitem. Weniger Datenschutz wird zum Standortvorteil.

Aber wie umgehen mit diesem neuen Kapitalismus, der mithilfe von Sprachanwendungsassistenten à la Alexa gerade nicht nur einen technologischen Sprung macht, sondern in alle Bereiche des Lebens vordringt? Für viele dominiert hier die bei Orwell beschworene Angst vor totaler Überwachung – und China, wo partiell bereits digital basierte und KI-verarbeitete Social-Rankings eingeführt werden, wird zum Science-Fiction-artigen Schreckensszenario des totalen Überwachungskapitalismus.

Timo Daum geht es mehr um ökonomische Aspekte, und er fragt, ob es möglich sei, die kapitalistische Datenökonomie quasi „nach vorn“ aufzulösen. Schließlich stecken in der Technologie Möglichkeiten, die auch jenseits kapitalistischer Inwertsetzung genutzt werden könnten. Die Datenausbeutung, so Daum, gelte es mit Daten-Commons zu kontern. Denn: Es müsse die Eigentumsfrage gestellt werden. Auch wenn Daums Buch keineswegs als revolutionäre Schrift, sondern eher als flotte zeitgemäße wirtschaftswissenschaftliche Sachbuchprosa daherkommt, sind seine politischen Forderungen explizit: „Die Plattformen des Digitalen Kapitalismus sollten enteignet und unter öffentliche Kontrolle gestellt, kurz: Der digitale Kapitalismus insgesamt sollte in ein daten-kommunistisches Forschungslabor verwandelt werden.“ Vorwärts! Und Google nicht vergessen!

Info

Die künstliche Intelligenz des Kapitals Timo Daum Edition Nautilus, 272 S., 16 €

Erscheint im März 2019

06:00 09.03.2019
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