Bittere Bilanz nach zwei Monaten Sarradsch

Libyen. Die Zeitung Libyaherald sieht die Libyer noch tiefer im politischen Morast versinken.
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Wie der Autor darlegt, würden sich Sarradsch und seine ‚Einheitsregierung‘ noch immer auf der Militärbasis Abu Sita verstecken. Weder die UN-Sondermission für Libyen mit Kobler, noch ausländische Botschaften seien nach Tripolis zurückgekehrt. Kriminalität und Entführungen hätten noch zugenommen. Stromausfälle erreichten einen nie gekannten Umfang. Die Wirtschaft läge am Boden. Auch wegen der hohen Preise auf dem Schwarzmarkt galoppiere die Inflation. Das Vertrauen der Bürger in die Politik und in die Banken sei dahin, viele Libyer litten unter Depressionen, Hoffnungslosigkeit und lebten in ständiger Angst aufgrund der ausufernden Kriminalität. Die Ölproduktion sei total eingebrochen.

Ständig fänden Entführungen durch kleine Banden statt, die ihre Opfer dann an die Großen im Geschäft verkaufen. Der Autor nennt als Beispiel die Entführung eines älteren Nachbarn, der vor kurzem zwei Tage lang mit nur einer Flasche Wasser in einer Industriekühlzelle eingesperrt worden war. Die geforderte Lösegeldsumme konnte dank Beziehungen zu Stämmen und Milizen auf 250.000 Libysche Dinar (etwa 175.000 €) gedrückt werden.

Die Libyer hätten Fajez al-Sarradsch, Ahmed Maetig und alle anderen Mitglieder des Präsidialrats gehörig satt, die nur von einer Sitzung zur nächsten in alle Hauptstädte fliegen, und die sie nur im Fernsehen zu sehen bekämen.

Die der ‚Einheitsregierung‘ anfangs durchaus wohlwollend gesinnte Zeitung zieht das Resümee, dass die vom Ausland eingesetzte ‚Einheitsregierung‘ gescheitert sei und das Land nicht einigen könne: Zintan ist weiter mit dem Osten liiert und das Tobruk-Parlament mit General Hefter boykottiert immer noch die ‚Einheitsregierung‘. Ganz im Gegenteil hätte der Streit um die Rückeroberung Sirtes vom IS zu einer noch größeren Polarisation geführt. Kobler wird vorgeworfen, sich an islamistische Milizen verkauft zu haben. Anstatt Hefter als Kommandanten einer neuen Libyschen Einheitsarmee einzusetzen, wurde mit dschihadistischen Milizen, die 2014 gegen die gewählte Regierung in Tripolis putschten, eine Präsidialgarde gegründet. Die ‚Einheitsregierung‘ will ihrerseits Hefter nicht akzeptieren, weil sie ihn zu den Pro-Gaddafi-Kräften zählt. Hier muss allerdings angemerkt werden, dass Hefter 2011 auf Seiten der Aufständischen stand und gegen Gaddafi kämpfte. Es werden ihm außerdem enge Beziehungen zur CIA nachgesagt.

Der Autor endet mit der Feststellung: „Der einzige Gewinner zum Schaden Libyens wird die Internationale Gemeinschaft sein. Sie wird den IS in Sirte bekämpfen können und wird einen Deal abschließen, um die illegale Migration aus Libyen zu bekämpfen – während die Libyer noch tiefer im politischen Morast versinken.“[1]


[1] https://www.libyaherald.com/2016/05/30/two-months-on-from-serrajs-tripoli-arrival-libyans-still-live-in-fear-and-little-hope/

20:29 01.06.2016
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Geschrieben von

Angelika Gutsche

Ihre Reisen führten sie neben Indien, den USA, Russland und dem Jemen unter anderem auf den afrikanischen Kontinent und quer durch den Balkan.
Angelika Gutsche

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