Das Rote Kastell in Tripolis

Libyen. Oder wie ein Wahrzeichen der Stadt von den Moslembrüdern fälschlich vereinnahmt wird.
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Libyer und insbesondere die Bewohner der Hauptstadt Tripolis sind empört über die Geschichtsklitterung des radikalen Islamisten Egwillah, der innerhalb einer Dokumentation über das Rote Kastell und Bab al-Azizia fälschlich behauptete, das Rote Kastell in Tripolis sei von Osmanen erbaut worden.

Egwilla, der Mitglied der Muslimbruderschaft und des Fatwa-Rates in Tripolis ist, verschwieg nicht nur die Rolle der Nato-Bombardements bei der Zerstörung von Bab al-Azizia, das Muammar al-Gaddafi bis 2011 als Hauptquartier diente, sondern stellte auch die weit zurückreichende Geschichte des Kastells vollkommen falsch dar.

Der türkische und für seine Kartographie berühmte Seefahrer Piri Reis besuchte Tripolis in den Jahren 1525 und 1526. Er fertigte eine Karte des Roten Kastells mit all seinen Mauern und Türmen an, das damals Westliches Tripolis-Kastell hieß. Doch diese Reise Piris erfolgte ganze 26 Jahre vor der Eroberung Tripolis‘ durch die Osmanen.

Die Geschichte des Roten Kastells
Das Rote Kastell thront seit Jahrhunderten als Wahrzeichen von Tripolis über der Altstadt und dem Hafen. Es diente sowohl der Landesverteidigung als auch der Verteidigung zu Wasser. In jeder Geschichtsperiode wurde das Kastell, das heute in etwa eine Fläche von 1.300 qm umfasst, von den jeweiligen Herrschern um- und ausgebaut.

Das Kastell wurde im 11. und 12. Jahrhundert auf einer römischen Ruine erbaut, von der noch Marmorsäulen und Bögen aus dem 1. oder 2. Jahrhundert n. Chr. erhalten blieben. In byzantinischer Zeit war Tripolis durch eine mächtige Umfassungsmauer geschützt, so dass die Stadt im Jahre 642 von arabischen Stämmen unter Führung von Amr bin al-Aas erst nach einmonatiger Belagerung eingenommen werden konnte. Die Stadtbefestigung mit dem Kastell wurde von den Arabern weiter ausgebaut. So stehen heute noch an der Westseite des Kastells Türme aus dieser Zeit und auch einige Mauern blieben erhalten.

Nachdem am 25. Juli 1510 die Spanier Tripolis eroberten hatten, erfolgte ein weiterer Ausbau der Befestigungsanlagen. 1530 verkaufte Kaiser Karl V. die Stadt Tripolis zusammen mit den Inseln Malta und Gozzo an den Malteserorden (später auch Johanniterorden). Der größte Teil der heute noch erhaltenen Außenanlagen stammen aus der Zeit der spanischen Herrschaft und der Zeit der Malteser.

In dieser Zeit, nämlich 1525, entstand auch die Piri-Reis-Karte, die – obwohl die Osmanen die Stadt erst 1551 eroberten – die Befestigungsanlagen mit Burg und Wachtturm und mit wehender osmanischer Flagge zeigt. Hier äußerte sich der Wunsch Piris nach einer baldigen Eroberung von Tripolis durch den damaligen osmanischen Herrscher Suleiman al-Qanuni.

Die Spanier hatten den Südwestturm und den Südostturm des Kastells erbaut, um dort ihre Kanonen aufzustellen. Die Malteser fügten den Turm der heiligen Barbara in der nordöstlichen Ecke hinzu. Karten aus dem 17. Jahrhundert zeigen, dass ein Wassergraben das Kastell umgab, dessen Eingang sich an der südlichen Umfassungsmauer befand. Schon die Spanier hatten dem Kastell einen roten Anstrich verpasst, auf dem sich sein Name bezog.

Die Osmanen eroberten 1551 die Stadt Tripolis. In der Folgezeit bezogen die osmanischen Herrscher im Kastell Wohnung und wandelten die Kirche innerhalb des Kastells in eine Moschee um. Nachdem Pascha Ahmed Karamanli 1711 Herrscher des Landes geworden war, wurden insbesondere die Befestigungsanlagen ausgebaut. Als Empfangsraum für ausländische Gäste diente ein großer Saal innerhalb der Zitadelle. Aus der Osmanischen Zeit stammen auch eine Münzprägeanstalt, ein Gerichtshof, eine Apotheke, ein Gefängnis, Mühlen und einige Läden.

Während der italienischen Besatzung ab 1911 wurde das Kastell zum Hauptsitz der italienischen Machthaber. Während einige Räumlichkeiten als Museum genutzt wurde, nahmen die Italiener etliche bauliche Veränderungen in den Außenbereichen vor; so entstand eine neue Verbindungsstraße zum Hafen. Im Jahre 1920 wurden alle Nebengebäude des Kastells abgerissen und das gesamte Kastell in ein Museum umgewandelt, das 1930 vom faschistischen Generalgouverneur Italo Balbo eröffnet wurde. Balbo zeigte sich von dem alten Kastell so fasziniert, dass er seine Amtsräume hinein verlegte. Extra aus Altstadthäusern herbeigeschafft, fanden Brunnen aus dem 16. und 17. Jahrhundert im Schlosshof Aufstellung.

Seit 1952 ist das Kastell auch der Hauptsitz der Altertümerverwaltung und während der Gaddafi-Zeit kam das Museum der Massen hinzu. Auf den vier Etagen eines der modernsten Museen des afrikanischen Kontinents wird anhand ausgewählter Exponate die Geschichte Libyens dargestellt.

Die Libyer sind stolz auf ihr Rotes Kastell, das ihre Geschichte widerspiegelt. Die falsche Zuschreibung der Erbauung durch die Ottomanen, wie dies durch den Islamisten Abdul Baset Egwillah geschah, hat sie erzürnt.

Es kann nur gehofft werden, dass Tripolis bald auch wieder Touristen gefahrfrei offensteht, damit sie in den Kunstgenuss dieses außergewöhnlichen Museums gelangen.

Mit Fotos:
https://almarsad.co/en/2020/02/19/islamist-radical-egwillah-attributes-the-red-castle-to-the-ottomans-what-does-history-say/

20:40 24.02.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Angelika Gutsche

Ihre Reisen führten sie neben Indien, den USA, Russland und dem Jemen unter anderem auf den afrikanischen Kontinent und quer durch den Balkan.
Angelika Gutsche

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