Ibrahim Moussa Gaddafi meldet sich zu Wort 2

Libyen/Berlin. Moussa Ibrahim sagt: Unser Fehler war, dass Libyen keine internationalen Bündnisse geschlossen hatte.
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Auf RT Underground special gibt Ibrahim Moussa Gaddafi, der ehemalige Pressesprecher von Muammar al-Gaddafi, nach langer Zeit des Schweigens dem Journalisten Afshin Rattansi am 6. Oktober in Berlin ein Interview. TEIL 2

https://www.youtube.com/watch?v=_nYfuPnEB9Y

Afshin Rattansi: Heute zu Gast der ehemalige Pressesprecher von Muammar al-Gaddafi, Ibrahim Moussa. Lassen Sie uns beginnen mit der Frage, welche Rolle Sie während der libyschen Krise gespielt haben. Oktober ist ein wichtiger Monat für Sie und den libyschen Staat.

Ibrahim Moussa: Ich war der Minister für Information und Medien und Sprecher der libyschen Regierung. Meine Aufgabe war es, die damalige libysche Position darzustellen und zu vertreten, auch gegenüber den internationalen Mainstream-Medien, die zweifellos Teil der Maschinerie waren, die sich die Zerstörung des Landes zum Ziel gesetzt hatte.

Frage: Am 20. Oktober wurde Muammar al-Gaddafi ermordet. Wie es aussieht, ist Oktober überhaupt ein wichtiger Monat in der Geschichte Libyens bei seinem Kampf gegen die globalen neoliberalen Interessen.

Ibrahim Moussa: Unbedingt. Die westliche Invasion in Libyen erfolgte auf den Tag genau hundert Jahre nach der italienischen Invasion am 7. Oktober 1911, die eine jahrzehntelange Besetzung Libyens zur Folge hatte. 1970 vollzog sich innerhalb weniger Monate die September-Revolution unter der Führung von Gaddafi. Gaddafi wählte das gleiche Datum, den 7. Oktober, um jede italienische militärische und nicht-militärische Präsenz im Land zu beenden und Libyen nach fast sieben Jahrzehnten von der italienischen Besatzungsmacht zu befreien. Dann, innerhalb weniger Monate, verwies er auch das britische Militär des Landes, ebenso wie das amerikanische Militär, das dort nach Japan und Deutschland die drittgrößte Militärpräsenz außerhalb der Vereinigten Staaten unterhalten hatte. All diese Akte der Befreiung fanden ihren Höhepunkt, als sich Gaddafi zu seinem letzten Kampf entschloss, der im Oktober in der Stadt Sirte geführt wurde, dort, wo die Afrikanische Union ins Leben gerufen worden war. Und er kämpfte dort mutig und entschlossen bis zu seinem Märtyrertod.

Frage: Nun, er hat verloren und – laut Ihnen – hat das libysche Volk verloren. Gerade jetzt wird von einem möglichen Krieg gegen den Iran gesprochen. Selbst die Europäische Union weigert sich, den demokratisch gewählten Präsidenten von Venezuela anzuerkennen. Ich denke, die Zuschauer werden verstehen, all diesen Ländern ist das Erdöl und sind die fossilen Ressourcen gemeinsam. Welche Fehler wurden gemacht? Und auf was müssen diese Länder besonders achten, wenn sie gegen die EU – soweit es Venezuela betrifft –, dem Iran, der Supermacht im Nahen Osten, zur Seite stehen?

Ibrahim Moussa: Wir wissen sehr genau, was die internen Schwächen sind. Und auch Gaddafi war sich der internen Probleme Libyens bewusst. Zuerst einmal, Libyen ist eine auf Erdöl basierte Rentier-Ökonomie. Wir haben es in all den Jahrzehnten nicht geschafft, sie in eine produktive, mitbestimmte Wirtschaft umzuwandeln.

Frage: Es gab eine ökologische Revolution. Man denke an Solarpanels.

Ibrahim Moussa: Wir hatten viele Entwicklungsprojekte. Wir bauten Häuser, Schulen, hatten ein Gesundheitssystem. Der Human Development Index der Vereinten Nationen stufte Libyen damals sehr, sehr hoch ein. Aber unser größter Fehler war, dass die Bevölkerung vom Erdöl und den Schwankungen des Ölpreises abhängig blieb. Und wenn man eine Rentier-Ökonomie hat, fühlt sich das so ähnlich wie eine „Beute“ an, um die sich die Leute streiten. Wenn die Menschen dagegen einer produktiven Arbeit nachgehen und wenn ihnen das gehört, was sie produzieren, bekommen sie ein anderes Gefühl gegenüber ihrem Land und gegenüber dem Platz, den sie innerhalb der Gesellschaft einnehmen.
Ich denke, unser zweiter Fehler bestand darin, dass wir unser politisches, demokratisches System nicht vertieften, damit es so weit wie möglich integrierend wirkt und so lokal wie nur möglich verankert ist. Eine Zeit lang hatten wir dies mit Erfolg gemacht, in den 70er, 80er und einem Großteil der 90er Jahre. Aber auf Grund des äußeren Drucks und wegen Fehlern, die uns unterlaufen waren, haben wir den politischen Prozess in den Zeiten, als der Kapitalismus bejubelt wurde, zentralisiert. Und wir setzten etwas zu sehr auf Stammesstrukturen, anstatt auf zivile Strukturen, die in Einklang mit der libyschen Kultur stehen. Ein dritter Fehler war, dass wir uns auf einen revolutionären Kontext innerhalb Afrikas verließen, den es nicht gab. Es liegt in der Natur des Unterdrücktseins, kein revolutionäres Bewusstsein zu haben. Gaddafi setzte auf die afrikanischen Nationen und die normalen afrikanischen Menschen, darauf, dass sie sich mit ihm erheben würden, dass sie ihn unterstützen und die Befreiungsprojekte, die er vorhatte, verteidigen würden. Aber sie haben uns nicht geschützt.

Frage: Wie sollte das geschehen? Ich meine, man kann Che Guevaras Tagebücher lesen, wie er im Kongo scheiterte. Warum haben Sie und andere Mitglieder der libyschen Regierung nicht realisiert, dass dieses Scheitern in einem verknöcherten System endemisch ist?

Ibrahim Moussa: In den Anfangszeiten gab es viele große Führer wie Patrice Lumumba, Kwame Kkrumah, Nasser und Mandela. Aber sie hatten vor Ort keine echten Projekte laufen. Dagegen waren wir in Libyen in der glücklichen Lage, ein starkes Revolutionssystem zu haben; dazu verfügten wir über die wirtschaftlichen Mittel und konnten so diese echten Freiheitsprojekte auf den Weg bringen, die Afrikanische Zentralbank, eine Einheitswährung, eine afrikanische Armee, die Organisation Afrikanischer Ressourcen und das Satellitennetzwerk, ebenfalls für alle. Und diese Projekte waren bereits in den Anfangsstadien und wir glaubten, dass wir sie zusammen mit einigen guten afrikanischen Führern, revolutionären Führern, verwirklichen könnten. Wir hatten auch einen großen Erfolg: Im September 1999 wurde die Afrikanische Union in der Stadt Sirte gegründet. Aber ich denke, der Westen erkannte die Gefahr, die in all dem lag. Es war ihm klar, dass es sich nicht nur um illusionäre Träume handelte, sondern dass vor Ort hart dafür gearbeitet wurde. Afrika könnte damit seine Unabhängigkeit erlangen und würde der globalen kapitalistischen Maschinerie das Öl entziehen, das sie schmiert: den afrikanischen Reichtum. Ein afrikanischer Kontinent, stark, produktiv, mit politischer und demokratischer Mitbestimmung und einer vereinigten Armee, anstatt eines amerikanischen Militärkommandos und den französischen F5-Streitkräften. So etwas kann das globale kapitalistische System nicht wegstecken. So etwas muss gestoppt werden. Das hörten wir von europäischen Diplomaten und das hörten wir von Leuten auf dem ganzen Kontinent. Das ist etwas, das in Afrika jeder weiß und jeder versteht. Normale Menschen im Westen können das nicht so verstehen. Trotzdem ist es so: Libyen wurde zerstört, weil es von der afrikanischen Befreiung träumte. Das darf man nicht falsch sehen.

Frage: War es ein weiterer Fehler zu glauben, dass Moskau und Peking Gaddafi und die Revolution unterstützen würden?

Ibrahim Moussa: Dies ist eine weitere Lektion, die vierte Lektion, die wir gelernt haben: Du musst mit anderen gemeinsam kämpfen. Einer der Fehler, die Libyen machte, bestand darin, dass es alleine war. Wir hatten keine Verbündeten, die uns bei einer plötzlichen Konfrontation unterstützt hätten.

Frage: Beziehen Sie sich auf Syrien?

Ibrahim Moussa: Ja, zum Beispiel. Gaddafi war sich dessen bewusst. 2009 besuchte er Venezuela und schlug die Schaffung von SATO vor, als Gegenstück zur NATO, Südatlantik, zwischen Afrika und Lateinamerika, anstatt Nordatlantik. Und einige lateinamerikanische Länder mit revolutionären Regierungen signalisierten ein grundsätzliches Einverständnis und er bemühte sich auch, dafür die Unterstützung von afrikanische Staaten zu bekommen. Er war sich bewusst, dass eine Vereinigung einen globalen Kontext benötigt. Doch es fehlte ihm die Zeit dafür. Schon eineinhalb Jahre nachdem er den Vorschlag von SATO gemacht hatte, griffen sie ihn an.

Frage: Was ist die Grüne Widerstandsbewegung heute? Was macht sie? Weil die Neuigkeiten über Libyen, was die ‚Einheitsregierung‘ betrifft, die das Mandat der britischen Regierung und der UN hat und General Haftar ...

Ibrahim Moussa: Wie kann man den Anschein einer nationalen Regierung in einem fremden Land herstellen?

Frage: Der Sicherheitsrat sagte...

Ibrahim Moussa: Ja, der Westen brachte angeblich Demokratie und alles Gute ins Land – mit seinen Raketen.

Frage: Die Grüne Widerstandsbewegung lehnt das ab. Lehnt sie auch General Haftar ab?

Ibrahim Moussa: Zuerst einmal, die Grüne Widerstandsbewegung ist nicht so etwas wie ein politischer Ausschnitt des Landes, sondern wir repräsentieren die große Mehrheit des libyschen Volkes. Sogar unsere Feinde in Libyen, die Agenten der Nato, räumen dies ein. Sie bekennen das ganz öffentlich in den libyschen Medien. Sie geben das zu. Sie wissen, dass die Mehrheit der Libyer auf der Seite von Gaddafi kämpfte. Wenn man ihnen zuhört, ihren Führern, die sagen es. Sie sagen: „Oh, Gaddafi nutzte die Stammesstrukturen des Landes, damit sich die Stämme mit ihm verbündeten.“ Aber das ist die Kultur des Landes. Und wenn die große Mehrheit der Bevölkerung auf einer Seite steht, dann sollte man auf der Seite der Bevölkerung stehen.

Frage: Wie überlebte die Allgemeinheit? Wie überlebten Sie?

Ibrahim Moussa: Das war reines Glück. Ich meine, wir kämpften – meine Rolle war natürlich eine politische, ich kämpfte nicht direkt – aber als Tripolis fiel, musste ich mich nach Bani Walid zurückziehen. In Bani Walid und in Sirte führten wir drei Monate lang den militärischen Widerstand an. Man sollte nicht vergessen, dass Libyen acht Monate Widerstand leistete, gegen 44 Länder einschließlich der übermächtigen NATO. Nun, wenn Gaddafi isoliert gewesen wäre und ihm niemand zur Seite gestanden hätte, und das libysche Volk gegen ihn rebelliert hätte, wie hätte das funktionieren können? War Gaddafi eine Art Magier? Wie hätte er den NATO-Angriff stoppen und acht Monate lang Widerstand leisten können, wenn er nicht die libysche Bevölkerung auf seiner Seite gehabt hätte? Wie waren viele, wir waren die Mehrheit, wir kämpften und viele Kameraden und viele Freunde starben. Durch pures Glück haben wir überlebt. Ich verließ im November 2011 das Land, einen ganzen Monat nach dem Märtyrertod unseres großen Führers Gaddafi. Ich ging weg, um uns zu reorganisieren. Das taten wir. Innerhalb unseres Widerstands sind großartige Persönlichkeiten. Wir haben Saif al-Islam Gaddafi, ein großartiger Typ mit großartigen Zukunftsvorstellungen für das Land.

Frage: Sie glauben, dass er im Land unterstützt wird und an Präsidentschaftswahlen teilnehmen wird?

Ibrahim Moussa: Wenn Sie libysches Fernsehen anschauen oder in libyschen Medien lesen – und das wissen auch jene, die gegen uns sind, also die westlichen Agenten – die wissen, wenn es Saif erlaubt wäre, in den politischen Kontext einzusteigen, wäre ihm die Unterstützung der meisten Libyer sicher. Warum sollte man mir das glauben? Stellen wir uns vor, wir hätten – so wie es anfangs angekündigt worden war – ein politisches System, an dem sich alle beteiligen könnten und in dem den Libyern erlaubt wäre, selbst und ohne internationale Einmischung über ihre Zukunft zu entscheiden. Dies hatten wir 2011 gefordert. Wir hatten auch eine Nationalkonferenz gefordert, unter der Voraussetzung, dass diese Nationalkonferenz in Libyen abgehalten wird, eventuell unter Aufsicht der Afrikanischen Union, und dass man die Libyer selbst über ihre Zukunft entscheiden lässt. Das möchte der Westen nicht, weil er weiß, wie sich die Libyer entscheiden würden. Er weiß, sie würden den Grünen Widerstand wählen; er weiß, sie würden einen Weg in die Zukunft wählen, der nicht ihren Wünschen entspricht. Deshalb haben sie sich entschlossen, die Krise zu managen. Das Chaos muss am Laufen gehalten werden.

Frage: Ich muss Ihnen nicht sagen, dass die CIA in ihrer langen Geschichte oft versuchte, revolutionäre Führer zu ermorden. Haben Sie und Muammar al-Gaddafis Sohn, Saif, wie von Ihnen beschrieben eine Integrationsfigur, keine Angst, dass man versuchen könnte, sie zu ermorden?

Ibrahim Moussa: Wir sind alle in Gefahr. Wie ich sagte, wir wurden politisch verfolgt. Es gab viele Versuche, uns zum Schweigen zu bringen, uns zu marginalisieren. Wir haben um das Leben vieler unserer Führer Angst. In Libyen sterben täglich die Anführer unseres Widerstands. Sie kämpfen gegen die NATO-Agenten, in Libyen nennen wir sie NATO-Contras. Doch wir wissen, dass wir Libyen zu einem bestimmten Zeitpunkt, und der liegt nicht in ferner Zukunft, zurückerobern werden. Nicht wegen einer politischen Ideologie oder eines speziellen politischen Regimes, sondern zum Wohle aller Libyer, für eine Politik, die alle miteinbezieht und für ein inklusives Wirtschaftssystem, das die Rückkehr Libyens zu einer freiheitlichen Agenda garantiert; ein Libyen, das seine Projekte der afrikanischen Befreiung wiederbelebt, das wieder ein souveräner Staat, ein unabhängiger Staat, ein geachteter Staat wird, und kein chaotischer Staat mehr ist, der vom Westen gemanagt wird.Frage: Meinen Sie, dass Muammar Gaddafis Sohn an zukünftigen Wahlen teilnehmen will, sich einer demokratischen Wahl stellt, und diese Wahl gewinnt?

Ibrahim Moussa: Zunächst ist die Frage nach dem politischen Kontext sehr wichtig. Wir wissen nur zu genau, wie der Westen politische Prozesse manipuliert und wie er es schafft, die Krise weiter am Köcheln zu halten, um aus den sich daraus ergebenden Konsequenzen seine Vorteile zu ziehen. Deshalb ist für uns die Teilnahme Saifs an Präsidentschaftswahlen nicht das Wichtigste, sondern am wichtigsten für Saif ist der Grünen Widerstand, damit er seine Alternativen präsentieren und das libysche Volk zusammenzuhalten und die ausländische Verschwörung gegen das Land bekämpfen, Libyen zurückbekommen kann.

Frage: Wie hat er überlebt? Wie Sie es darstellen, wurde er von Islamisten angegriffen, die die Unterstützung Großbritanniens hatten, und die ihn töten wollten. Würden Sie sagen, nach den NATO-Bomben...

Ibrahim Moussa: 2011 wurde er zusammen mit seinen Kameraden von der NATO bombardiert, wobei er verletzt wurde. Dann nahm ihn eine Miliz gefangen, die ihn aber gut behandelte. Diese Miliz wandelte sich zu seinen Unterstützern, die ihn sogar beschützten. Die Terroristen und NATO-Contras wollten ihn selbstverständlich in ihre Gewalt bringen, weil sie wussten, er ist sehr angesehen und stellt eine echte Alternative für das Land dar. Saif ist ein sehr intelligenter Mann. Er ist ein sehr anständiger Mensch. Er strebt nicht nach der Macht um der Macht willen. Sein Bestreben ist es, Libyen zu schützen. Und er nutzt seine Glaubwürdigkeit als Sohn des Führers, um die Menschen zu einen und mit ihnen in einen Dialog zu treten. Pausenlos hat er in den letzten Jahren eine Nationalkonferenz gefordert. Jeder sollte daran teilnehmen, einschließlich der Islamisten, einschließlich seiner persönlichen Feinde. Er sagte, lasst uns als Libyer zusammenkommen, über unsere Meinungsverschiedenheiten sprechen und zu einer Einigung kommen. Und er meint das wirklich aufrichtig. Saif ist dafür bekannt, dass er Diskussionen leiten und Dialoge führen kann, so wie mit den Islamisten während der Zeit des Revolutionssystems. Und er hatte damals Erfolg. Er erreichte, dass viele hunderte ehemaliger Terroristen die Waffen niederlegten, ihrer Ideologie abschwörten und wieder in die libysche Gesellschaft integriert wurden.

Frage: Kann eine nationale Bewegung wie diese erfolgreich sein ohne einen Partner von außen? Sie und Saif... Was denken Sie über Syrien? Syrien war sehr nahe dran, in die Hände des IS und al-Kaida zu fallen, nach der Unterstützung des Westens für sogenannte moderate Rebellen. Was könnte das Blatt in ihrem Land wenden? Es ist immer noch chaotisch dort.

Ibrahim Moussa: Unsere Stärke ist das libysche Volk. Wir müssen eine Kultur des revolutionären Bewusstseins aufbauen und wir müssen den sehr kleinen Teil der libyschen Bevölkerung, der für den Westen arbeitet, davon überzeugen, dass er die falsche Wahl getroffen hat. Wir sind damit schon unglaublich erfolgreich. Viele derjenigen, die Teil der Verschwörung gegen ihr eigenes Land waren, haben das hinter sich gelassen. Wir sind jetzt Kameraden, wir reden und diskutieren miteinander, wir kooperieren, wir arbeiten zusammen. Deshalb müssen wir den Aufbau dieser Revolutions- und Freiheitskultur fortführen. Und wir müssen vor Ort nicht nur die Grüne Widerstandsbewegung organisieren, sondern unser Handeln auch mit den anderen Teilen der libyschen Gesellschaft abstimmen.

Frage: Wie werden Sie ihnen jemals wieder vertrauen können? Soweit ich verstanden habe, hat Gaddafi in seinen letzten Jahren mit Shell, BB, […], Marathon Oil verhandelt– ich bin mir nicht sicher, wo all das Geld ist. Condoleezza Rice vertrauen? Tony Blair vertrauen?

Ibrahim Moussa: Er vertraute ihnen nicht. Gaddafi wollte die Kriegsfront mit dem Westen beruhigen, damit er in Afrika Fortschritte erzielen konnte. Er wusste, Libyen ist ein kleines Land von sechs Millionen Einwohnern. Er kann nicht an allen Fronten kämpfen. Deshalb entschied er sich in den 2000-Jahren westliche Botschaften in Tripolis zu eröffnen, um begrenzt ökonomische Geschäfte mit einigen europäischen und amerikanischen...

Frage: War das ein Fehler?

Ibrahim Moussa: Ich denke, so gesehen war es kein Fehler. Ich denke, es war eine gute Idee, die Front im Westen zu beruhigen und die Aufmerksamkeit auf den afrikanischen Kontinent zu richten. Aber wie ich schon sagte, wir hatten einige interne Schwächen und wir hatten einige afrikanische Schwächen und wir waren nicht fähig, wir hatten nicht genug Zeit, uns stärker aufzustellen. Wäre die 2011-Verschwörung etwas später gekommen, vielleicht fünf Jahre später, dann wären wir viel stärker gewesen; wir hätten afrikanische Institutionen aufgebaut gehabt wie die Vereinigten Afrikanischen Streitkräfte. Das hätte geholfen, uns zu schützen und solche Verschwörungen abzuwehren. Das hat der Westen gewusst, deshalb beeilte er sich so, in der Region die Farbrevolutionen ins Leben zu rufen und sie mit einer dermaßen hohen Geschwindigkeit durchzuziehen. Die Konflikte in Libyen begannen am 15. Februar, innerhalb nur einer Woche war schon die UN eingeschaltet, innerhalb nur eines Monats begann das Bombardement...

Frage: Schneller als bei Ägyptens Mubarak, ok. Aber: Wo sind die Milliarden Dollar des libyschen Volkes, sein großer Reichtum?

Ibrahim Moussa: Das ist eines der wunderbarsten und großartigsten Dinge unseres Revolutionssystems. Niemand konnte nachweisen, dass wir Vermögenswerte des libyschen Staates schlecht verwaltet hätten. Sie haben keinen einzigen Penny finden können, der auf Gaddafis Name oder den Namen seiner Familie oder seiner Söhne oder Beamten angelegt war. Jeder Penny des libyschen Vermögens war da – es beträgt etwa 360 Milliarden Dollar – es liegt alles in westlichen Banken. Und das ist ein Fehler. Sie haben es natürlich eingefroren, es wird jetzt scheinbar von der UN kontrolliert.

Frage: Erzählen Sie mir von den Luftangriffen. Uns wurde natürlich in den westlichen Mainstream-Medien gesagt, dass es sich um chirurgische Luftangriffe gehandelt habe, ausgeführt von den modernsten NATO-Flugzeugen und -Schiffen der Welt.

Ibrahim Moussa: 2011 wurden mehr als 50.000 Libyer von der NATO getötet, unter ihnen tausende unschuldige Zivilisten, Frauen, Kinder, Söhne. Die westlichen Medien wussten dies genau – ich führte sie herum und zeigte ihnen die Massaker, zum Beispiel in der Stadt […], wo mehr als achtzig Kinder und Mütter getötet worden waren. In Sabrata, in Tripolis, in Sirte, in Zliten, überall gab es ein, zwei, drei, vier Massaker. Und viele davon wurden direkt und sofort von den westlichen Medien dokumentiert. Aber es sprach niemand mehr darüber. Niemand hat die NATO vor Gericht gebracht, niemand hat sie der Kriegsverbrechen beschuldigt. Dabei waren diese Menschen, die man massakriert hatte, bekannt. Man kannte ihre Namen, ihre Familien, ihren Wohnort, Fotos von ihnen. Sogar die ‚Einheitsregierung‘ musste diese Massaker zugeben. Sie organisierte zu deren Gedenken einige Konferenzen, Presse-Events.

Frage: Die NATO wird immer sagen, dass dies Beispiele für Kollateralschäden sind. Man wollte, anders als Gaddafi, Militäreinrichtungen treffen.

Ibrahim Moussa: Das ist einfach Schwachsinn. Das waren langanhaltende, systematische Angriffe auf zivile Gebiete, innerhalb libyscher Städte, an verschiedenen Orten, zu verschiedenen Zeiten. Die lange Dauer und die Systematik dabei erzählen eine andere Geschichte.

Frage: Wie haben Sie sich seelisch erholt, nachdem sie diese Bombardements miterlebt und die Todesopfer gesehen haben?

Ibrahim Moussa: Ich sah die verstümmelten Leichen von Kindern, ich sah Mütter, die ihre Kinder umarmten, ich sah Tote in den Trümmern, ich sah Freunde und Kameraden, Zivilisten, manche waren Journalisten, Libyer, ich sah, wie sie vor meinen Augen getötet wurden. Ich sah zerstörte Häuser, Autos, Nachbarschaften...

Frage: Sie waren Gaddafis Sprecher. Ihnen ist das Royal Holloway College in London bekannt. Dort sagte man, Sie haben ihre Doktorarbeit über den Aufbau einer digitalen Filmindustrie in Afrika nicht beendet. Sie studierten „Ökonomie in Kultur und Politik“. Sie haben einen Master in Philosophie. Sie beendeten Ihre Arbeit als Gaddafis Sprecher während eines blutigen NATO-Krieges. Wie geht es Ihnen heute?

Ibrahim Moussa: Ich machte 2009 meinen Doktor in Philosophie über Medienkunst auf dem Royal Holloway College. Ich habe mein offizielles Abschlusspapier 2011 erhalten. Ich studierte politische Ökonomie an der University of Exeter und ich studierte Islamisches Recht und Sufismus an der Sawa‘s School of Oriental and African Studies in London. Mein akademisches Studium führte mich immer in die gleiche Richtung: ein kulturelles, ökonomisches, politisches und künstlerisches Verständnis der Welt. Für mich ist der wichtigste Kampf im Leben der Kampf für die Gerechtigkeit, hauptsächlich die ökonomische, aber auch die politische, für die Freiheit der Seele und des Körpers, des Geistes. Und ich konnte so leicht erkennen, besonders während ich meinen Doktor in Philosophie machte, der sich inhaltlich mit dem Aufbau digitaler Technologie in Afrika beschäftigte, wie der afrikanische Kontext total ausgebeutet wird, beraubt seiner Entwicklungsmöglichkeiten, beraubt seiner Freiheit, seiner eigenen Ausdrucksmöglichkeiten. Er wird von der westlichen kapitalistischen Maschinerie unterdrückt. Für mich fügte sich alles zusammen. Die Kunst, das Filmemachen, die Medien, die Philosophie, die Ökonomie liefen auf ein Ziel hinaus: die Befreiung des Individuums, die Befreiung der Nation, der afrikanischen Nation, der afrikanischen Menschen von der Unterdrückung durch die imperialistische Maschinerie.

Afshin Rattansi: Moussa Ibrahim, Danke.

Ibrahim Moussa: Danke Ihnen.

NACHTRAG: Inzwischen gibt es das Interview mit deutschen UT auf RussiaToday. Dort ist auch ein interessanter AudioBeitrag "Libyen versinkt in Gewalt. NATO-Krieger fordern >Frieden<" zu finden.
https://deutsch.rt.com/international/93487-gaddafis-sprecher-wir-haben-recht/?utm_source=browser&utm_medium=aplication_firefox&utm_campaign=firefox

10:29 11.10.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Angelika Gutsche

Reisen führten Angelika Gutsche unter anderem auf den afrikanischen Kontinent und quer durch den Balkan. Viele Reportagen fanden Veröffentlichung.
Angelika Gutsche

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