Kriegsangst geht um, nicht nur in Sirte

Libyen. Nicht mehr lokale Streitkräfte und Milizen, sondern militärische Schwergewichte bereiten sich auf einen Krieg auf libyschem Boden vor.
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Wie Lindsey Snell in AhvalNews berichtet, versuchten nur einen Tag nach der Einnahme der Stadt Tarhuna am 6. Juni 2020 im westlichen Libyen die Milizen der ‚Einheitsregierung‘ (Tripolis) auch die Stadt Sirte einzunehmen. Der Angriff wurde von der Libyschen Nationalarmee (LNA) abgewehrt. Während die ‚Einheitsregierung‘ unter Feldmarschall Haftar von Ägypten, der VAE und bedingt Russland und Frankreich unterstützt wird, ist die Türkei militärisch mit syrischen Söldnern und Drohnen sowie Angriffen von Fregatten massiv auf Seiten der ‚Einheitsregierung‘ in die Kämpfe eingestiegen.

Sirte liegt an der Mittelmeerküste, etwa in der Mitte zwischen dem östlichen und dem westlichen Libyen, und ist von großer strategischer Bedeutung, da die Stadt als Tor zum libyschen Erdölhalbmond gilt. Die Stadt war mehrmals von Kämpfen und Bombardierungen in Mitleidenschaft gezogen worden, so 2011 beim Nato-Krieg gegen Libyen. 2015 wurde die Stadt vom IS eingenommen und bei dessen Vertreibung durch Milizen aus Misrata und US-Bombardierungen noch einmal schwer beschädigt. Seit Januar ist Sirte unter Kontrolle der LNA.

Zwischen Sirte und Misrata besteht eine lange währende Feindschaft. Sirte war die Geburtsstadt Muammar al-Gaddafis und sein letzter Zufluchtsort, bevor er von Misrata-Kämpfern auf brutale Weise gelyncht wurde.

Lindsey Snell berichtet über ihren Besuch im März dieses Jahres in Sirte und von der damals herrschenden guten Sicherheitslage und den inzwischen begonnenen Wiederaufbauarbeiten. Der Bewohner Abu Bakr asch-Schargawi berichtete Snell über die Zeit, als in Sirte die Misrata-Milizen herrschten: „Bis heuer stahlen die Milizen das Geld, das ihnen für den Wiederaufbau der Stadt gegeben worden war. Und die Menschen hier wurden von ihnen entsetzlich schlecht behandelt.“

Als im Mai 2015 Sirte, das vorher unter Kontrolle der Shield-Force-Miliz der ‚Einheitsregierung‘ stand, vom IS übernommen wurde, ist asch-Schargawi mit seiner Familie aus Sirte geflohen. „Wir haben nichts mitgenommen, nur die Kleider, die wir am Leib trugen. Wir gingen nach Bengasi und ich war dort als Blogger tätig. Die Lage war so unsicher, dass nicht einmal ein Besuch in Sirte möglich war.“

Als eine Misrata-Miliz, unterstützt durch US-Luftangriffe, im Dezember 2016 die Stadt einnahm, kehrte asch-Scharqawi bald darauf zurück. „Die Lage in der Stadt war immer noch schlecht. Die Milizen kontrollierten alles, auch die Banken, und es wurden keine Gehälter mehr gezahlt. An der Universität von Sirte wurden die Studentinnen schikaniert, Kritiker willkürlich verhaftet. Wenn jemand sich in den sozialen Medien negativ über die Milizen äußerte, konnte er verhaftet werden und für Monate oder Jahre verschwinden. Es waren keine offiziellen, sondern geheime Gefängnisse und Folterstätten“.

Scharqawi zählte zeitweise bis zu vierzig verschiedene bewaffnete Gruppen in der Stadt, viele davon extremistisch, bis die Misrata-Milizen alles kontrollierten. Die Unterstützung der UNO für die ‚Einheitsregierung‘ vermittle der ‚internationalen Gemeinschaft‘ den Eindruck, dass die ‚Einheitsregierung‘ etwas Gutes sei. „Aber es bedeutet tatsächlich, dass die UNO den Terrorismus unterstützt. Die UNO und die europäischen Länder sahen, wie die Türkei Tausende syrischer Terroristen nach Libyen brachte und sie taten nichts, um sie zu behindern oder aufzuhalten.“

Im April letzten Jahres hatte die LNA eine Offensive mit dem Ziel gestartet, Tripolis zu erobern. Als die LNA kurz vor dem Sieg stand, schloss die ‚Einheitsregierung‘ im November 2019 ein Sicherheits- und Militärabkommen mit der Türkei, das es dieser ermöglichte, massive Militärhilfe für die ‚Einheitsregierung‘ zu leisten. Bereits im Dezember 2019 wurde mit der Überstellung von syrischen Söldnern nach Libyen begonnen, denen 2000 US-$ Sold versprochen wurde. Diese hohe Summe scheint aber tatsächlich nie ausbezahlt worden zu sein. Um ihre Gehälter aufzubessern, begannen die syrischen Söldner mit Plünderungen von Privathäusern. Einer von ihnen sagte, er habe mehr Zeit damit verbracht, verlassene Häuser zu durchsuchen, als zu kämpfen.

Ein anderer Söldner berichtete Snell, die Kämpfer, die nun für die ‚Einheitsregierung‘ den Kampf um Sirte führen sollen, hätten Angst. Beim gescheiterten Vormarsch im Juni habe es viele Tote gegeben. Die LNA und ihre Verbündeten würden nur darauf warten nur darauf, dass die Offensive beginne. Als der Syrer die Aussage eines türkischen Luftwaffenoffiziers hört, dass die syrischen Kämpfer im Gegensatz zu den Kämpfern der LNA in den Himmel kommen würden, habe er nur gelacht: „Für ihn ist das leicht zu sagen, denn es gibt keine Türken, die mit uns kämpfen. Die Türken wohnen in den Stützpunkten und in Hotels. Die Syrer sind diejenigen, die in den Tod geschickt werden“.

Wann die Offensive gegen Sirte beginnen soll, ist nicht bekannt. Es heißt jedoch, dass die neu aus Syrien eingetroffenen Söldner andere Verträge haben. In den alten Verträgen sei es um den Schutz von Tripolis gegangen, jetzt seien die Verträge auf Sirte ausgestellt.

Die ‚Einheitsregierung‘ hat diese neue Offensive auf Sirte angekündigt, obwohl der ägyptische Präsident Abdel-Fattah as-Sisi dies am 20. Juni als rote Linie bezeichnet hatte. Inzwischen haben sowohl das libysche Parlament als auch die libyschen Stämme Ägypten autorisiert, in Libyen militärisch einzugreifen, sollte die 'Einheitsregierung' mit ihren Verbündeten tatsächlich versuchen, Sirte einzunehmen.

Die beiden international und von der UNO anerkannten libyschen Organe, das Parlament im Osten des Landes und die ‚Einheitsregierung‘ im Westen, haben ihre ausländischen Unterstützer nun auch militärisch innerhalb Libyens an ihrer Seite, mit unabsehbaren Folgen nicht nur für Libyen, sondern für die gesamte Region und auch für Europa.

Während sich das libysche Parlament neben der internationalen Anerkennung auch die Legitimation von demokratischen Wahlen zu Gute halten kann, wurde die ‚Einheitsregierung‘ von ausländischen Mächten in Tripolis eingesetzt, um mit deren Hilfe die eigenen Interessen durchzudrücken. Um die drohenden militärischen Auseinandersetzungen zu verhindern, wäre es daher ein wichtiger Schritt der ‚internationalen Gemeinschaft‘, dieser ‚Einheitsregierung‘ die Unterstützung zu entziehen und auf der Aufnahme von Friedensverhandlungen, so wie Ägypten sie angeboten hat, zu bestehen. Doch da es die EU bei ihrem letzten Treffen nicht einmal geschafft hat, die Türkei ernsthaft zu verurteilen, ist davon auszugehen, dass es sowohl Deutschland als auch die Nato billigen, dass die Türkei massiv in Libyen interveniert.

Allerdings handelt es sich nun nicht mehr um lokale Streitkräfte und Milizen, sondern um den Krieg zwischen militärischen Schwergewichten wie Ägypten und Türkei, jeweils auch mit deutschen Waffen aufgerüstet. Und hinter Ägypten stehen Saudi Arabien und die VAE mit ihrem Geld und ihren Waffen und hinter der Türkei steht das reichste Land der Welt, Katar, und die internationale Moslembruderschaft.

Die Nato, die UNO und die EU sind bereit, die ganze Region in Brand zu setzen und der Moslembruderschaft mit ihren al-Kaida- und IS-Verbündeten die koloniale Herrschaft im östlichen Mittelmeer zu überlassen, damit man die geostrategische Kontrolle und die libyschen Ressourcen behalten kann. Der Westen scheint darauf zu hoffen, dass sich die militärischen Kräfte in Libyen gegenseitig aufreiben und sie selbst der lachende Dritte sind.

Dabei geht es den beteiligten Ländern um die Vorherrschaft in der islamischen Welt und die werden Saudi Arabien, die VAE und Ägypten nicht der Türkei und den Moslembrüdern überlassen.

Und was sagte dazu Abu Bakr asch-Scharqawi: „Bei meinem Gehalt kann ich es mir nicht leisten, wieder zu gehen, also habe ich keine andere Wahl, als in Sirte zu bleiben. Wir haben so lange unter den Milizen gelitten. Ich bete, dass sie nicht wieder unsere Stadt kontrollieren werden.“

https://ahvalnews-com.cdn.ampproject.org/c/s/ahvalnews.com/libyan-conflict/battle-libyas-sirte-residents-fear-return-turkish-backed-militias?amp

14:41 16.07.2020
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Geschrieben von

Angelika Gutsche

Ihre Reisen führten sie neben Indien, den USA, Russland und dem Jemen unter anderem auf den afrikanischen Kontinent und quer durch den Balkan.
Angelika Gutsche

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